Japanserie Aikido: Wer angreift, verliert

Weinstadt/Waiblingen. Es gibt weder Wettkämpfe noch Angriffstechniken: Im Aikido zählt allein die Selbstverteidigung – und genau das gefällt Pauline Eckert unheimlich gut. Die zwölfjährige Weinstädterin lernt die japanische Kampfsportart seit eineinhalb Jahren in Waiblingen. Bei der Technik geht es darum, die Energie des Angreifers für sich zu nutzen.

Video: Bei Aikido gilt die Devise: Wer angreift, verliert.

Pauline Eckert verneigt sich wie alle erst vor dem Bild von Meister Ueshiba Morihei. Ganz so, wie es ihre Lehrer Ulrich Kühner und Nina Würtele vormachen. Wenn die Waiblinger Aikido-Gruppe eine Trainingsstunde in der Turnhalle im Salierschulzentrum beginnt, dann müssen alle dem Gründer der Kampfsportart ihren Respekt zollen. Auch vor ihren Lehrern verbeugt sich die zwölfjährige Weinstädterin, ehe sie sich aus ihrer Sitzposition auf der Schaumstoffmatte wieder erhebt und mit dem Aufwärmen beginnt. Pauline trägt wie fast alle einen Keikogi, einen weißen Trainingsanzug, der aus einer Jacke (Uwagi), einer Hose (Zubon) und einem Gürtel (Obi) besteht. Dazu hat sie bereits den gelben Gürtel, ist also schon eine Stufe weiter als die Anfänger. Einmal pro Woche kommt die Zwölfjährige ins Training, neben Tennis und Turnen. Früher hat Pauline Judo gemacht, eine andere japanische Kampfsportart – aber da haben sie die Wettkämpfe mit der Zeit genervt. Am Aikido gefällt es ihr deshalb auch besonders gut, dass es dort nur um Selbstverteidigung geht. Hier sind nämlich die Angreifer die Verlierer. Wer Aikido beherrscht, der kann jeden Gegner zur Strecke bringen. „Das gibt ein sicheres Gefühl.“

Es geht nicht darum, den Gegner zu verletzen

Aikido ist noch gar nicht so alt. Begründet wurde die Kampfsportart von dem Japaner Ueshiba Morihei, der von 1883 bis 1969 lebte – und dessen Schüler seine Philosophie auf der ganzen Welt verbreiteten. Das Wort Aikido setzt sich aus drei Begriffen zusammen: Ai bedeutet Harmonie, Ki steht für Lebensenergie, Do für den Lebensweg. Frei übersetzt heißt Aikido so viel wie „Weg zur Harmonie der Kräfte“, die Technik gilt im Vergleich zu anderen als besonders friedfertig. Es geht nicht darum, den Gegner zu verletzen, sondern ihn daran zu hindern, weiter angreifen zu können. Philosophisch gesehen soll er in eine Position gebracht werden, in der er zur Einsicht kommt, von weiteren Angriffen abzusehen.

„Das massiert die Bandscheiben“

Pauline Eckerts Lehrer, auf Japanisch Sensei genannt, sind Ulrich Kühner und Nina Würtele. Beide sind durchs Aikido zu Japanfans geworden und würden das Land gerne einmal bereisen. Nina Würtele wurde von ihrer Mutter in einen Schnupperkurs geschickt, um Selbstverteidigung zu lernen. Ulrich Kühner hat mit Aikido vor 25 Jahren auf Empfehlung eines Kollegen angefangen – um etwas gegen seine Rückenprobleme zu unternehmen. „Weg sind sie nicht, aber ich habe sie im Griff“, sagt der groß gewachsene Mann und lacht. Es gibt bestimmte Bewegungen im Aikido, die Ulrich Kühner ausgesprochen gut tun. „Dieses Rollen, das massiert die Bandscheiben.“

Konzentration wichtiger als Kraft

Der Clou am Aikido besteht darin, die Kraft des angreifenden Gegners für sich zu nutzen. „Man macht keine Konfrontation mehr, sondern nimmt nur noch Energie auf und spielt mit der Kraft“, erläutert Ulrich Kühner. Beweglichkeit, Genauigkeit und Konzentration sind dabei viel wichtiger als die eigene Körperkraft. Attacken werden auch nicht wie in anderen Kampfsportarten geblockt, sondern die Bewegung des Angreifers wird quasi zum Vorteil des Verteidigers umgelenkt. „Ich sage immer: Wer angreift, verliert.“

Wer Aikido beherrschen will, braucht Geduld

Pauline Eckert gehört zu den rund 20 Kindern, die derzeit bei der Waiblinger Aikido-Gruppe trainieren. 70 Mitglieder hat der Verein insgesamt, gegründet wurde er vor rund 30 Jahren. Er ist Teil des Deutschen Aikido-Bunds und unterscheidet sich damit von kommerziellen Anbietern. Wer Aikido beherrschen will, dem rät Ulrich Kühner zur Geduld. „Das ist nichts, was man mal eben so geschwind lernt.“ Pauline Eckert ist vor eineinhalb Jahren über ihren Vater zum Aikido gekommen, nachdem sie zuvor fünf Jahre in Fellbach Judo praktizierte. Ihr nächstes Ziel ist der orange Gürtel, die dritte Stufe. Dann folgen der grüne, der blaue und der braune – und erst danach gibt es den begehrten schwarzen Gürtel, den Ulrich Kühner trägt. Und von hier an können weitere Stufen erreicht werden, die Dan genannt werden.

Um Technik allein geht es dabei nicht. Ueshiba Morihei hat das einmal so formuliert: „Das Geheimnis von Aikido liegt nicht darin, wie du deine Füße bewegst, sondern wie du deinen Geist bewegst. Ich unterrichte euch nicht eine Kampfkunsttechnik, ich unterrichte euch Gewaltlosigkeit.“

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