Japanserie Aufregend anders: Das erste Mal in Japan

Weinstadt/Japan. Endlich mal in einer Karaokebar singen. Endlich mal durch traditionelle japanische Gärten spazieren. Endlich mal in Tokio, dem größten Ballungsraum der Welt, hypermoderne Stadtbezirke wie Shibuya sehen. Im letzten Teil der Japan-Serie geht es um meine eigene Reise nach Japan. Und die war so schön, dass schon jetzt feststeht: Ich will so schnell wie möglich wieder hin.

Video: Redakteur Bernd Klopfer über seine abgefahrensten Erlebnisse in Japan.

Da stehe ich nun, in einer kleinen, aber gut besuchten Sushi-Bar im Tokioter Stadtviertel Nihonbashi, ganz allein und frage mit meinen bescheidenen Japanischkenntnissen in die Runde: „Chotto eigo hanashimaska? – Sprechen Sie etwas Englisch?“ Es ist mein erster Abend in Japan, ich bin weit weg von jenen Vierteln, in denen sich Touristen normalerweise aufhalten.

Am ersten Abend geht es spontan in eine Karaokebar

Es gibt hier in dieser Sushi-Bar keine Speisekarte, auf der alle Gerichte als Bilder abgebildet sind und ich einfach nur draufdeuten muss, wenn ich was bestellen will. Ich brauche also Hilfe. Und tatsächlich: Ein Mann meldet sich, er ist Manager beim japanischen Chemiekonzern Sumitomo Chemical, wie ich später anhand seiner Visitenkarte sehe. Er dolmetscht für mich, ich bekomme den von mir gewünschten rohen Fisch (Sashimi) – und schon bald merke ich, dass in diesem Lokal eigentlich viel mehr Leute Englisch verstehen als zunächst gedacht.

Plötzlich spricht mich ein Pärchen links neben meinem Hocker an, ich bekomme Shochu gereicht, einen japanischen Schnaps. Ich erzähle, dass ich das erste Mal in Japan bin – und dass es mein größter Wunsch ist, einmal in einer echten Karaokebar mit anderen zu singen. Da meint das Pärchen doch glatt: Okay, dann machen wir das nachher.

Wie im Hollywoodfilm „Lost in translation“

Es ist 23.30 Uhr, als wir an diesem Donnerstagabend zu fünft die Sushi-Bar verlassen und in eine benachbarte Karaoke-Bar gehen. Wir fahren in einem Aufzug einige Stockwerke in die Tiefe, wir betreten eine kleine Kabine mit Fernseher, Mikrofonen und einem Tamburin. Und dann legen wir los: Die vier Japaner, zwei Frauen und zwei Männer, singen mit mir ausgelassen Songs von Billy Joel, Earth, Wind and Fire und Michael Jackson.

Als wir nach einer Stunde die Karaoke-Bar verlassen, will ich meinen Anteil bezahlen – doch einer aus der Gruppe lädt mich spontan ein. Wir machen noch ein Erinnerungsfoto, und als ich zu meiner Unterkunft zurückgehe, denke ich mir: Es ist wie in dem Film „Lost in translation“, den ich so mag. Ich treffe irgendwelche Leute und ziehe mit ihnen nachts in eine Karaoke-Bar. Was für ein toller Auftakt.

15 Tage auf eigene Faust durch Japan

Dass ich diese Geschichte überhaupt aufschreibe, liegt an Yumiko und Joachim Michelbach. Das Ehepaar aus Beutelsbach hat mich ermuntert, die Japan-Serie mit meinen Reiseerlebnissen enden zu lassen. Yumiko Michelbach hat in den vergangenen Monaten nicht nur unseren Lesern japanische Traditionen nähergebracht, sondern auch mir. Und so wuchs im Lauf dieser Serie die Vorfreude auf meine Reise immer mehr.

Schon als Kind war ich von Japan fasziniert. Damals waren es nur die Videospiele von Nintendo und die Zeichentrickserien, die mich begeisterten. Heute zieht mich fast alles an, was die japanische Kultur zu bieten hat: die alten Schreine, die kunstvollen Parks, die futuristischen Gebäude, die raffinierte Küche, einfach diese Mischung aus Tradition und Moderne. Was eine Reise aber vor allem unvergesslich werden lässt, sind die liebenswerten Menschen, denen man begegnet. Ich bin 15 Tage auf eigene Faust durch Japan gereist – aber ich war keinen einzigen Tag einsam.

Aus Steinen wird Kunst

Es gab so viele schöne Zufallsbegegnungen. Nette Gespräche in Restaurants, Begegnungen auf Partys, abgefahrene Seminare, an denen ich spontan teilnahm. Einmal habe ich mit einer Gruppe von Japanern Steine gestapelt, wir wollten wackelige Kunstwerke schaffen, alles unter Anleitung eines erfahrenen Meisters und ohne Hilfsmittel. Dazu tranken wir Stone Beer, also Steinbier.

Nur zwei Begegnungen habe ich von Deutschland aus organisiert. Ich habe Hitoshi Tachibana getroffen, einen alten Freund der Familie Michelbach aus Kobe. Wir haben unter anderem den deutschen Film „Das Wunder von Bern“ mit japanischen Untertiteln angeschaut, Chinatown besucht und im Hafenmuseum auf Fotos gesehen, welche Schäden das schwere Erdbeben von 1995 verursacht hat. Und ich traf Yuko Hori, die in der Nähe des Yasukuni-Schreins in Tokio ein Geschäft für Nori-Algen hat, die für Sushi verwendet werden.

Wer in seiner Komfortzone bleibt, verpasst was

Mit Yuko Hori habe ich unter anderem den Skytree, eine Videospielhalle und das Mitama-Matsuri besucht, bei dem Tausende Lampions das Gelände um den Yasukuni-Schrein beleuchtet haben. Und dank ihrer Freundin bekam ich die Gelegenheit, bei meinem zweiten Besuch in einer Karaoke-Bar auch auf einer alten Bambusflöte zu spielen. Natürlich habe ich keinen Ton getroffen, aber Spaß hat es trotzdem gemacht. Wer bei einer Reise immer nur in seiner Komfortzone bleibt, verpasst was.

Eine Reise hilft auch, falsche Annahmen über ein Land zurechtzurücken. Ich dachte immer, dass Japan generell teuer ist. Falsch: In Japan kann ich preiswerter zum Essen gehen als in Deutschland – und die Gerichte sind nicht nur leckerer und pfiffiger, sondern auch gesünder. Am Flughafen werde ich in Japan, anders als in Europa, nicht abgezockt, sondern bekomme für einen angemessenen Preis gutes Essen. Allein für ein Sandwich habe ich in Amsterdam und in München jeweils sieben Euro bezahlt – am Flughafen Narita bekam ich für umgerechnet vier Euro ein Sandwich mit einem exzellenten großen Kaffee. Und die Steuer wurde mir gleich noch von der Rechnung abgezogen, weil ich Ausländer bin.

Mata aimashou – ich sehe dich wieder!

Nicht wenige Deutsche denken, dass Japaner ausgesprochen zurückhaltend sind und man schwer Kontakte knüpfen kann. Auch das ist falsch. Ich habe so viele aufgeschlossene und gesellige Japaner getroffen, von denen nicht wenige auch schon mal Deutschland besucht haben. Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich nicht schon viel früher in meinem Leben nach Japan gereist bin. Es war wohl falsche Scheu, mit Sicherheit auch ein Stück Faulheit, denn so eine Reise auf eigene Faust erfordert natürlich viel Vorbereitung. Heute bin ich froh, dass ich mich getraut habe – und bin dankbar für das, was ich erleben durfte. Eines steht schon fest: 2018 geht es erneut nach Japan. Oder ums auf Japanisch zu sagen: Mata aimashou – ich sehe dich wieder!

Weitere Bilder vom Japantrip finden Sie auf Instagram.


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