Johannes „Hanz“ Elster Besinnungslose Vorweihnachtszeit

 Foto: Marvin Ruppert

Die Vorweihnachtszeit ist eine eigenartige Zeit, ein surrealer Monat, durch den man so durchgeschoben wird.

Einerseits werden im Laufe des Dezembers die beruflichen Bürgersteige mehr oder weniger früher hochgeklappt, und spätestens nach der betrieblichen Weihnachtsfeier arbeiten die einen nur noch auf Sparflamme (oder melden sich krank, weil sie nach ihren Entgleisungen auf selbiger der Belegschaft in diesem Jahr lieber nicht mehr unter die Augen treten möchten), während die anderen völlig im Stress versinken, um alles noch vor Jahresende erledigt zu bekommen.

Andererseits wird die zur Verfügung stehende Freizeit zusehends dezimiert, denn da muss man ja noch mit auf den Weihnachtsmarkt und sich wie auf einem Flughafen-Rollband durch die Menge schieben lassen. Gerade weicht man noch erfolgreich den omnipräsenten Senf-Attacken auf den eigenen Mantel aus, von unachtsam durch die Gegend getragenen Bratwürsten, da trifft einen schon unausweichlich das Blockflötenkind, das dieselben zwei Lieder in Dauerschleife pfeift, ins akustische Mark. Jedem, der es im Vorbeigehen in ein kurzes Gespräch verwickelt, wird von allen Umstehenden ausgiebig gehuldigt.

Und dann muss man ja noch Geschenke kaufen. Für Nikolaus, für Weihnachten, für den Postboten, für den Hausmeister und hauptsächlich für das gute Gewissen. Als Kind saß ich tagelang im elterlichen Hobbyraum und habe Eierbecher mit der Laubsäge für die ganze Verwandtschaft ausgesägt. Sie sahen eher wie abstrakte Kunst aus und ich rechne es heute noch allen hoch an, die damals glaubhaft Freude darüber heuchelten und die Holzklumpen immer dann auf den Tisch stellten, wenn ich einmal zu Besuch war.

Mit der Familie geht es noch auf eine der Kunsteisbahnen, mit denen sich mittlerweile viele Innenstädte in der Adventszeit schmücken, die aber meistens so voll sind, dass aus Eislaufen eher ein Eisschieben wird. Denn auch hier reiht man sich wieder ein zwischen händchenhaltenden Pärchen, pinguinhaltenden Kindern und nicht den Mund haltenden Kegelvereinen.

Im Supermarkt beschleicht einen das Gefühl, es stünde nicht Weihnachten vor der Tür, sondern Kaiser Augustus persönlich, der den Zensus angeordnet und als kollektiven Treffpunkt Kasse 3 auserkoren hat.

Es ist nicht verwunderlich, dass man sich nach einer Auszeit, nach ein paar besinnlichen Tagen sehnt, nachdem man vier Wochen lang mehr oder weniger besinnungslos durch den allgemeinen Trubel hindurchgeschoben wurde. Und wenn man es dann sogar noch schafft, den traditionellen Weihnachts-Familien-Streit abzuwenden, und alle einmal kurz durchatmen, sich auf sich, seine Liebsten und auf das, was für einen individuell wichtig ist, zu besinnen – dann bleibt nur noch eins zu wünschen: Frohes Fest!

  • Bewertung
    0