Jürgen Seibold - "Spritztour" In der Tradition des Heimatfilms

 Foto: pixabay (CC0 Public Domain)/Mogck; Montage: Mogck

Regionalkrimis sind die Geißel der Genreliteratur. Warum das so ist, macht Jürgen Seibold in seinem neuen Allgäu-Krimi „Spritztour“ dermaßen deutlich, dass es sich fast schon um eine Persiflage handeln könnte. Nur tut es das leider nicht. 

Jürgen Seibold ist im Rems-Murr-Kreis kein Unbekannter. Er begann seine journalistische Laufbahn als freier Mitarbeiter der Winnender Zeitung, die sieben Bücher seiner „Endlich“-Serie gehören zu den wenigen Krimis, die in der Umgebung spielen, und seine Firma „Seibold Medien“ hat ihren Sitz in Leutenbach. In seinem neusten Werk verschlägt es den schwäbischen Autor allerdings bereits zum sechsten Mal ins Allgäu.

Die Geschichte ist herzallerliebst: Ein Polizeipärchen, sie Rechtsmedizinerin, er Kommissar, gondelt in der Seilbahn Richtung Tegelberg. Während der Fahrt stirbt der Mann, der mit ihnen in der Kabine sitzt, und schnell wird klar: das war ein Giftmord. Da die Einsatzkräfte ja schon vor Ort sind, wird direkt drauflosermittelt. Von da an wurschtelt sich das Personal des Romans durch eine hanebüchene Handlung mit dem Spannungsbogen einer Folge „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“.

Heile Welt: In der Tradition des Heimatfilms

Ein Kriminalroman funktioniert immer auch als Barometer gesellschaftlicher Zustände. In der Regel spiegeln sich darin aktuelle Probleme. „Spritztour“ und Konsorten stehen dagegen eher in der Tradition des guten, alten Heimatfilms: Alles, was die Harmonie stören könnte, wird ausgeblendet. Politik? Spielt keine Rolle. Soziales? Auch nicht. Migration? Nur aus Niedersachen und den Niederlanden. Selbst die ausländischen Touristen wurden vom Tegelberg getilgt. Integration? Kannst no a Weißbier bringa! Sein Allgäu wird von Resis, Willys und Vronis bevölkert, die sich maximal um die nächste Mahlzeit sorgen. Daran ändert auch ein Mord nichts.

Der „Mario-Barth-Effekt“ – kennste?

Der Humor in den meisten Regionalkrimis bewegt sich auf dem Niveau eines Mario Barth: Es werden Alltags-Anekdoten erzählt, mit denen sich möglichst viele identifizieren können, weil sie aufs Plumpste Rollenklischees reproduzieren. Auch „Spritztour“ schreit einem andauernd „kennste? kennste? kennste?“ entgegen. Schon die ersten paar Seiten lassen sich wie folgt zusammenfassen: Familienvater will aus der Parklücke raus, ein Auto stellt sich davor. Daraufhin will er mit hochrotem Kopf vor seiner Frau den Harten markieren, der Mann im anderen Wagen hat aber die dickeren Oberarme. Kennste? Auch vor T-Shirts mit unlustigen Konsens-Sprüchen à la „Life begins after Coffee“ macht der Autor nicht Halt.

Genre-Kenntnis auf dem Stand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Der Roman kommt nicht nur mit der Bräsigkeit eines öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis daher, man hat beim Lesen auch das Gefühl, der Autor kenne das Genre lediglich aus solchen Produktionen: Klischees und Plattitüden soweit das Auge reicht. Nur für die Sache mit dem Giftmord musste Jürgen Seibold wohl noch tiefer in die Mottenkiste greifen. Man könnte „Spritztour“ daher auch mit dem Drehbuch einer x-beliebigen Folge „Rosenheim Cops“ vertauschen, und niemand würde den Unterschied bemerken. Wobei, ganz so schlimm ist es dann doch nicht: Wenn der Kater Ignaz die Wurst vom Tisch klaut, erlebt der Leser einen waschechten „Kommissar Rex“-Moment. Und der lief ja immerhin auf Sat 1.

Vergesst den Plot, es lebe die Willkür!

Vom Genre mal abgesehen, ist Schreiben immer noch ein Handwerk. Ein guter Plot lässt Vieles verzeihen. Aber auch in diesem Punkt hakt es. Wenn die Geschichte mal feststeckt, lässt Jürgen Seibold einfach einen alkoholkranken Bauern seine Frau mit dem Traktor überrollen, oder führt schnell eine neue Figur ein. Eine „überraschende Wendung“ nennt er das dann. Überraschend ist aber allerhöchstens, wie viel Zeit seine Protagonisten mit Essen und Trinken verbringen; Fast so als würden sie wissen: Egal wie wenig wir ermitteln, der Seibold schreibt’s schon irgendwie so, dass es am Ende passt.  

Regional? Ja. Krimi? Nein.

Wem es reicht, Sehenswürdigkeiten, Ortschaften und kulinarische Eigenheiten des Allgäus präsentiert zu bekommen, oder sich einfach nur in Alltagsproblemen der Mittelschicht wiederzuerkennen, der ist mit „Spritztour“ bestens bedient. Wer jedoch einen spannenden Krimi erwartet, hat Pech. Ein Mann wird ermordet, BKA und Geheimdienst schalten sich ein, und trotzdem finden alle nennenswerten Konflikte nur im Zeichen der Liebe statt. Hach, wie flauschig.

Jürgen Seibolds neustes Werk liest sich wie eine Mischung aus Reiseführer-Klappentext und Heftroman von der Tankstelle. Seine „Spritztour“ entpuppt sich als schnöde Flucht ins Private, als gemütliche Fahrt im Windschatten des Zeitgeists. Doch auch die betonte Langsamkeit hilft nicht: Am Ende steht trotzdem ein literarischer Totalschaden.


Das Buch

"Spritztour" von Jürgen Seibold ist im Piper Verlag als Taschenbuch erschienen. 272 Seiten, 10 Euro. 

Rems-Murr-Krimis

Auch für den Rems-Murr-Kreis gibt es natürlich maßgeschneiderte Regionalkrimis:

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