Jugendkriminalität Erst 16 und schon im Knast

Nur eine harmlose Rangelei, wie sie unter Jugendlichen nicht außergewöhnlich ist? Oder Abzocke samt schwerer Körperverletzung? Foto: picture alliance / Photoshot

Waiblingen. Ein 16-Jähriger sticht einem 13-Jährigen fest und tief in Schulter und Hals. Knapp an der Hauptschlagader vorbei. Das Opfer bricht kurz darauf zusammen. Ein Richter schickt den Täter in U-Haft, was der 16-Jährige völlig emotionslos zur Kenntnis nimmt. Vor kurzem hat sich dieser Fall in Waiblingen zugetragen. Wie kommt’s zu solch schweren Straftaten in so jungem Alter? Was tun?

Der Waiblinger Fall könnte den Eindruck erwecken, kriminelle Jugendliche gehen immer brutaler vor. Das stimmt nicht, sagt Martin Luippold, Jugendrichter am Amtsgericht Waiblingen. Er verweist auf Studien, wonach die Jugendkriminalität zurückgeht. Das Amtsgericht habe zurzeit so wenige Jugendstrafsachen auf dem Tisch wie seit zehn Jahren nicht. Offenbar greift Vorbeugung eben doch. Offenbar nützt es, wenn die Justiz mit allerlei Sanktionen schon im Vorfeld versucht, einen Jugendlichen wieder in die Spur zu bringen.

„U-Haft ist richtig krass“

Völlig klar: Das gelingt nicht immer. Zieht einer ein Messer und steht der Tatvorwurf des versuchten Totschlags im Raum, dann sieht sich selbst ein Fast-noch-Kind im Knast wieder – siehe der eingangs beschriebene Fall. „Was jugendstrafrechtlich wirkt, ist die sofortige, scharfe Sanktion“, sagt Luippold. U-Haft beeindruckt. „U-Haft ist richtig krass.“ U-Haft in Stammheim bedeutet: 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde Hofgang. Kein Handy. Kein Alkohol. Eng begrenzte Besuchszeiten.

Martin Luippolds Erfahrung nach wirkt der Schock. Das reicht dann aber auch, findet der Jugendrichter. Man strebt an, sehr junge Täter dort relativ schnell herauszuholen und sie in einer geschlossenen Einrichtung unterzubringen bis zur Gerichtsverhandlung. Wer abhaut, fährt in Stammheim ein. „Das wissen sie. Das ist die klare Ansage.“

Lange einsperren "nützt überhaupt nichts"

Luippold kennt natürlich den Ruf nach härteren, längeren Jugendstrafen. Junge Täter möglichst lange einsperren, „das nützt überhaupt nichts“, sagt der Richter: „Jugendknast ist einiges heftiger als Erwachsenenknast.“ Er spricht von Subkultur im Jugendstrafvollzug, von harten Kämpfen um Macht, Drogen und all das. Als „erbärmlich schlecht“ beschreibt Luippold die Rückfallstatistiken nach dem Jugendstrafvollzug. Um die 70 Prozent drehen danach wieder krumme Dinger. Nicht selten in den ersten paar Wochen nach der Entlassung. Allerdings findet sich in jungen Jahren nur im Knast wieder, wer für seine kriminelle Karriere schon einiges getan hat.

„Mit Fingerspitzengefühl intervenieren“ – so beschreibt Luippold seine Herangehensweise. Es könnte mehr nützen, wenn ein Delinquent vom hart verdienten Geld jeden Monat die Hälfte an sein Opfer überweisen muss. Wenn er Arbeitsstunden leisten, Gespräche beim Jugendamt führen muss, in eine Jugendhilfeeinrichtung umzieht. „Das hilft manchmal mehr als die Gerichtsverhandlung. Haft ist nicht immer das Allheilmittel.“

Lange Haft komme dem Wunsch des Opfers nach Genugtuung entgegen. Doch das Jugendstrafrecht sieht den „Rachegedanken“ nicht vor, das Erwachsenenstrafrecht allerdings schon. Jugendstrafe „dient der Erziehung“.

Es fehlt an Plätzen in geschlossenen Einrichtungen

Wolfgang Aust von der Jugendgerichtshilfe sieht Delinquenten nach harten Straftaten genau aus diesem Grund lieber in einer speziellen Einrichtung als in U-Haft. Nur leider fehlt’s an Plätzen. U-Haft-Vermeidung haben nur zwei Einrichtungen in relativer Nähe im Programm: das Schloss Stutensee bei Karlsruhe oder das B.B.W. St. Franziskus Abensberg in Niederbayern. „Unter intensiver pädagogischer Anleitung können Jugendliche ihre individuellen Schwächen bearbeiten und lernen, ihre Ressourcen zu entwickeln und positiv zu nutzen“, verspricht beispielsweise Schloss Stutensee.

Mit ein paar Monaten U-Haft-Vermeidung ist der Fall nicht erledigt. Es folgen Gerichtsverhandlung und Urteil. Ein Jugendgerichtshelfer sitzt mit im Gerichtssaal und macht Vorschläge, was aus Jugendhilfe-Sicht helfen könnte, den Delinquenten wieder in die Spur zu bringen. Hilfeplangespräche, Arbeitsstunden, Erziehungsbeistandschaft, Anti-Gewalt-Training, sozialer Trainingskurs – denkbar ist vieles. Und noch mehr hängt davon ab, ob der junge Mensch in seine Familie zurück kann oder nicht.

Jungen werden häufiger straffällig als Mädchen

Die Familie. Der Ursprung kriminellen Verhaltens könnte dort zu suchen sein. Könnte. Vor Jugendrichter Luippold stehen auch immer wieder Abiturienten aus intakten Familien. Doch die andern sind in der Mehrheit. Die Jungs aus zerbrochenen Familien, die Jungs mit ADHS-Symptomatik, wie Luippold sagt, junge Leute, die sich einer „riesigen Reizüberflutung“ aussetzen, Schulversager, Ausbildungsabbrecher. „In der Clique stacheln sie sich gegenseitig auf“, ergänzt Wolfgang Aust. „Und Alkohol spielt eine Rolle.“

Mädchen im Jugendalter werden weit seltener straffällig als Jungen. Mädchen „hören eher zu. Sie können sich leichter sozial angepasst verhalten und machen nicht so aktiv den Kasper“, sagt Martin Luippold – und berichtet von einem krassen Fall: Eine Heranwachsende brach des Nachts mit Hilfe eines Brecheisens in ein Autohaus ein und räumte aus, was sie finden konnte. In Büros leerte sie Tresore.

Wer selbst Gewalt erlebt, hat eine geringere Hemmschwelle, Täter zu werden

Markus Beck hat es oft mit Leuten zu tun, die bereits in jungen Jahren hohe kriminelle Energie entwickeln. Der Leiter der Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr ist ausgebildeter Anti-Aggressions-Trainer. Es geht ihm in der Arbeit mit jugendlichen Straftätern um Kompetenzen, um die Erkenntnis: Sieh an, es gibt im Konflikt noch andere Möglichkeiten als draufzuhauen. Zunächst bewerten die Jugendlichen ihre Situation, ihr Lebensgefühl: „Wenn ich eine Feindseligkeitswahrnehmung habe, dann fühle ich mich so, dass ich mich wehren muss.“ Markus Beck versucht, den Jugendlichen andere Erfahrungen zu vermitteln. Sie sollen erleben, dass sie durch positives Verhalten Positives erreichen können.

Schwere Kindheit gehabt, also leider straffällig geworden – das klingt so abgedroschen. Als ob das Opfer was dafür könnte. Wahr bleibt dennoch: Wer selbst in frühen Jahren Gewalt erlebt, hat eine geringere Hemmschwelle, selbst Täter zu werden. „Der Kreislauf wiederholt sich. Den gilt es zu durchbrechen“, sagt Markus Beck.

Trauriges Selbstbild: Bin nix. Kann nix.

Der Sozialpädagoge Sven Küpperbusch von der Paulinenpflege Winnenden sieht das ähnlich. In sozialen Trainingskursen, welche die Evangelische Gesellschaft Stuttgart und die Paulinenpflege gemeinsam anbieten, spiegeln ihm junge Straftäter ein grauenhaftes Selbstbild: Bin nix. Kann nix. Was willste erwarten von „uns Kanaken“.

Auf etwa halb-halb taxiert Küpperbusch das Verhältnis von Deutschen und Nicht-Deutschen in den Kursen. 17 Jahre jung sind sie im Durchschnitt, wenn sie nach richterlicher Anordnung im sozialen Trainingskurs aufschlagen. Zehn lange Abende in der Gruppe plus ein ganzes Wochenende lang sind sie gezwungen, sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen, mit den Gründen, den Konsequenzen, mit ihrer Weltsicht, ihrer Meinung über sich und andere. „Ein ziemlich hoher Prozentsatz“ profitiert, sagt Sven Küpperbusch. Ein bis zwei von acht bis zehn Teilnehmern brechen den Kurs vorzeitig ab. Unter den Abbrechern sind welche dabei, die mit ihrer Tat im Kurs zu prahlen versuchen.

Einige Delinquenten betreut der Sozialpädagoge einzeln; auch da „kann man viel erreichen“. Sven Küpperbusch sagt aus tiefer Überzeugung Sätze wie diese: „Ich mach’ das sehr gern. Wir mögen die auch. Wir arbeiten sehr gerne mit denen.“

Er sieht die Not der Täter – und das ist heikel, denn die Not der Opfer könnte größer sein. Trotzdem. Täterarbeit ist Opferschutz.

„Bei manchen muss einfach die Freiheit eingeschränkt werden“

Einige lernen’s trotz aller Mühen nicht. „Bei manchen muss einfach die Freiheit eingeschränkt werden“, sagt Sven Küpperbusch. Was er meint, ist: Haft. Einigen Kursteilnehmern zeigt er vor Ort, was das heißt, Haft. Dann stehen sie in Stammheim vor den Toren, zittern, rauchen Kette, wischen sich die Schweißperlen von der Stirn: „Manche kommen dort psychisch an ihre Grenze. Da wachen die meisten auf. Das ist harte Kost.“ Dann betreten sie das Gebäude, in dem sie eh schon einen Fuß drin hatten, reden mit Gefangenen, treten Wärtern unter die Augen. Selbst Sven Küpperbusch fühlt sich unwohl dort drinnen. „Mein Puls geht hoch. Das ist beklemmend und düster dort. Die schweren Türen. Das Schlüsselgeklapper.“

Der Sozialpädagoge hat Jugendliche erlebt, die offenbar dennoch dort hinein wollten. Sie hörten einfach nicht auf. Haft kann Uneinsichtige zur Räson bringen, weiß Küpperbusch – „oder auch nicht“.

Hauptschulabschluss im Jugendstrafvollzug

Katja Fritsche verbringt von Berufs wegen viel Zeit im Gefängnis. Seit 2014 leitet sie die Justizvollzugsanstalt Adelsheim. „Der Jugendstrafvollzug steht unter dem Erziehungsgedanken“, betont Katja Fritsche, die zehn Jahre lang als Jugendrichterin in Heilbronn gearbeitet hat. Im Durchschnitt verbringen die jungen Inhaftierten zwölf Monate in Adelsheim. Sie können dort einen Hauptschulabschluss erwerben, je nach Haftdauer eine Vollzeitausbildung absolvieren oder sich berufliche Teilqualifikationen aneignen. Es gibt Kunst- und Kreativprojekte, „tiergestütztes Coaching“, Sport, Suchtberatung, Therapievorbereitung, Anti-Gewalt-Trainings, psychologische Betreuung, Entlassvorbereitung.

Das Ziel ist hoch gesteckt: Die Jugendlichen sollen „im bestmöglichen Sinn erzogen und dazu herangeführt werden, in Freiheit ohne Straftaten weiter zu leben und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden“.


Weniger Jungtäter, mehr Gewalt

Im Rems-Murr-Kreis ist die Zahl der tatverdächtigen Jungtäter laut Polizeistatistik im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent auf 1892 zurückgegangen. Unter den Begriff „Jungtäter“ fallen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis 21 Jahre.

Laut Landeskriminalamt ist 2016 die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 leicht zurückgegangen. Allerdings sind mehr nicht-deutsche Tatverdächtige ermittelt worden als im Jahr davor. Es gab 2016 weniger Diebstähle, aber mehr Gewaltkriminalität.

Junge Männer zeigen laut Forschung eine höhere Bereitschaft, sich sozial abweichend zu verhalten, als ältere Männer. Ab einem Alter von etwa Mitte/Ende 20 setzt gewöhnlich eine gewisse Beruhigung ein.

Weit mehr junge Männer als junge Frauen begehen Straftaten. Nur etwa fünf Prozent der Inhaftierten sind weiblich, sagt Katja Fritsche, die Leiterin der Justizvollzugsanstalt Adelsheim.

Ein großer Teil der jugendlichen Straftäter kommt aus zerrütteten Familien und / oder weiß, was es heißt, in einem von Alkoholsucht und Gewalt geprägten Umfeld aufzuwachsen. „Es fehlt an stabilen und belastbaren familiären Bindungen“, so Katja Fritsche: „Generell gilt, dass das soziale Umfeld, in dem ein junger Mensch aufwächst, entscheidend dazu beiträgt, wie er sich entwickelt und ob und in welcher Form er mit dem Gesetz in Konflikt gerät.“

Laut Experten kann auch zu große Verhätschelung eine Neigung zu Straftaten begünstigen.

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