Kampagne zur Alphabetisierung Pur-Sänger Engler und das Abc

Der Musiker Engler und die Ministerin Eisenmann kämpfen gegen Analphabetismus. Foto: dpa

Stuttgart - Hartmut Engler, der Sänger der Gruppe Pur, fungiert künftig als Gesicht und Stimme der Alphabetisierungskampagne des Landes. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) stellte den Songwriter aus Bietigheim-Bissingen als neuen Botschafter der Kampagne vor. „Ich möchte Betroffene dazu ermutigen, Hilfe anzunehmen“, sagte Engler bei seinem ersten Auftritt in seiner neuen Funktion. „Stell dich nie blind, taub und dumm, stell dich, wenn es sein muss, um“, das singe er, und das meine er auch so, betonte der Musiker, der als sozial engagiert gilt.

Die Hemmschwelle für Erwachsene ist hoch, wenn sie eingestehen sollen, dass sie nicht richtig lesen und schreiben können. Doch sind sie keine Einzelfälle. In Baden-Württemberg gelten eine Million Menschen über 18 Jahren als funktionale Analphabeten. Jeder zehnte Baden-Württemberger kann damit allenfalls einzelne Sätze aber keine zusammenhängenden Texte lesen.

Jeder zehnte betroffen

„Das hat mich echt erschlagen“, sagt Engler, und Kultusministerin Eisenmann will nicht ausschließen, dass die Anzahl derer, die nicht richtig lesen und schreiben können, sogar noch steigt. „Es wird immer einfacher, Lesen und Schreiben zu umgehen“, warnte sie mit Blick auf soziale Medien und Internetangebote wie Youtube. Da lasse man sich etwa Bedienungsanleitungen einfach vorlesen.

Baden-Württemberg will dagegenhalten. Auf allen Kanälen will Eisenmann mithilfe von Engler auf Angebote und Kurse zur Alphabetisierung hinweisen. „Wir werden die ganze Bandbreite Neuer Medien nutzen“, kündigte sie an. Es gehe darum, den Betroffenen klarzumachen: „Sie sind nicht allein, und es gibt gute Chancen, ihr Problem zu lösen.“

Die Schamgrenze ist hoch, Betroffene wenden viel Energie auf, ihr Problem zu vertuschen. Da wickelt sich der Kraftfahrer schnell einen Verband um die Hand, ehe er die Zollpapiere ausfüllen muss, und bittet den Zollbeamten, das zu übernehmen, gab Engler ein Fallbeispiel.

Niederschwellige Angebote

Das Land setzt auf niederschwellige Angebote in sogenannten Grundbildungszentren. Dort gibt es Beratung, Kontakte werden vermittelt, und der Kursbedarf wird ermittelt. Zwei dieser Zentren gibt es bereits: in Konstanz und in Heidelberg. In den nächsten zwei Jahren sollen acht weitere hinzukommen, im Nachtragshaushalt für 2019 stehen dafür 200 000 Euro bereit. Ministerin Eisenmann sagte, im nächsten Jahr sollen es 400 000 Euro werden. Ziel seien flächendeckende Angebote im ganzen Land. Sie geht davon aus, dass spätestens im Juli neue Zentren eröffnet werden. Partner sind beispielsweise Volkshochschulen, Kirchen und Gewerkschaften. Gute Erfahrungen hat das Ministerium mit Kursen in Betrieben gemacht. Zwischen 2015 und 2018 wurden in einem Projekt des Europäischen Sozialfonds im Südwesten 700 Erwachsene weiterqualifiziert.

Mehr als die Hälfte haben Deutsch als Muttersprache

Analphabetismus ist laut einer Studie des Volkshochschulverbands quer durch die Altersgruppen verbreitet. Etwa ein Drittel der Betroffenen sind zwischen 50 und 64 Jahre alt, jeweils rund 20 Prozent entfallen auf die 18- bis 29-Jährigen und die Menschen in den Dreißigern. 27 Prozent sind zwischen 40 und 49 Jahre alt. Nur 19 Prozent haben keinen Schulabschluss. Zwölf Prozent der Betroffenen können sogar eine höhere Bildung vorweisen. Sie hätten die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben zum Teil durch Erkrankungen verloren, erklärt ein Fachmann aus dem Ministerium. Das Problem ist nicht auf Migranten begrenzt. 58 Prozent der Betroffenen sprechen Deutsch als Muttersprache. Eisenmann betonte, das Lesenlernen werde auch in der Schule wieder intensiviert.

Vielleicht fließe das Thema ja einmal in einen Song ein, meint Hartmut Engler und scherzt, der Titel der Kampagne könnte in Anlehnung an einen Hit von Pur durchaus lauten „Komm mit uns ins Alphabetisierungsland“.

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