Kernen Mitfahren nur mit Rolli-Rampe

Kernen-Rommelshausen. S-Bahn-Stopp Rommelshausen: Als Monika Bläsing in ihrem E-Rollstuhl am Dienstag gegen 14.52 Uhr dem Zugführer ein Signal gab, reagierte der freundlich und prompt. Bis er die Rampe zum Einstieg auf den Bahndamm gelegt hatte, die Frau zugefahren, die Rampe verstaut und der Zug abfahrtbereit war, vergingen aber doch vier Minuten. Der Zug kam aus dem Takt.

Organisiert vom Kernener PFB-Gemeinderat Ebbe Kögel machte die WKZ nach den drei Stürzen am S-Bahn-Haltepunkt Rommelshausen jetzt die Probe aufs Exempel: Funktioniert der Zu- und Ausstieg für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer, so wie die Bahn das bei fehlender Barrierefreiheit in Bahnhöfen empfiehlt? Der Zugführer muss in diesem Fall entweder von außen per Druckknopf oder vom Fahrgast im Waggon aufgefordert werden, eine ausklappbare Brücke über den gefährlichen Spalt zwischen Zug und Bahnsteig zu legen. Eine Art breites Brett, das auch den in Rommelshausen enormen Höhenversatz von rund 30 Zentimetern überwindet. Rollstuhlfahrerin Monika Bläsing meisterte die Hürde mit ihrem E-Roller überraschend gut. Dazu trug der aufmerksame Zugführer seinen Teil mit bei. Das Brett ist verdammt schwer und scharfkantig. Für seinen Einsatz benötigte er in Rommelshausen gut vier Minuten zusätzlicher Haltezeit, die er der Leitstelle melden musste. Sprich Monika Bläsings Bitte brachte ihn aus dem Fahrplanrhythmus. Bei drei, vier weiteren Halts dieser Länge auf der S-2-Strecke käme es zu einer Störungsmeldung der VVS.

Die automatischen Rampen hängen in der Luft

„Die ausgelegte Rampe ist zwar vorsintflutlich, hat aber wenigstens funktioniert“, zog Ebbe Kögel Bilanz. Es gebe allerdings auch Bahnsteige auf der Rems-Bahn wie in Weiler oder Winterbach, die vorne, wo die S-Bahn hält und das Rollbrett ausgelegt wird, zu eng sind für Elektrorollstühle. Mangels Manövrierraum kommen sie hier nicht auf die Rampe. Standard der neuesten S-Bahn-Generation, die auf der Murrtal-Bahn schon verkehrt, sind unter den Türen automatisch ausfahrende Brücken. Sie wurden wegen technischer Probleme vorläufig stillgelegt. Verglichen mit der transportablen Rampe, über die Monika Bläsing in Rom in den Zug fuhr, reicht ihr geringes Gefälle aber nur für eine Höhendifferenz von fünf Zentimetern. Angelika Bochnig, eine Winnender E-Rollstuhlfahrerin mit Leidenserfahrung in der S-Bahn, hat schon erlebt, wie diese modernen, aber starren Einstiegshilfen in Linkskurven mit Gleisgefälle nach rechts wie am Waiblinger S-3-Haltepunkt buchstäblich in der Luft hängen.

Jedenfalls kam Monika Bläsing mit ihrem Rollstuhl relativ leicht in den Zug. Anders sehe aus, so Ebbe Kögel, wenn die steile Rampe bei Regen rutschig wird. Vor allem beim Ausfahren – in der Regel rückwärts – könne so eine glitschige Brücke gefährlich werden. Zum Hindernis werde der Anstieg aber für selbst fahrende Rollstuhlfahrer ohne Elektroantrieb. Kögel: „In diesem Fall haben sie oder er keine Chance, aus eigner Kraft die Rampe hochzukommen. Sie müssten andere Fahrgäste oder den Fahrer um Hilfe bitten.“ Die Frage sei, ob Zugfahrer diese Hilfestellung überhaupt leisten können und dafür ausgebildet sind. Eine Hilfe wäre in jedem Fall eine Erhöhung des Bahnsteigs um 20 Zentimeter.

Einen Kinderwagen über 30 Zentimeter Höhenversatz wuchten

Das Problem Barrierefreiheit stellt sich auch für gehbehinderte Menschen wie Gerhard Olszak ohne Rollstuhl. Für ihn gibt es in der S-Bahn keinen Haltegriff, an dem er sich beim Ausstieg festhalten könnte. Bei unserem Mobilitätstest musste Olszak Halt am Gestänge der Tür suchen. Für gehbehinderte Menschen wie ihn hat die Bahn keine Regelungen, wie er sich bei Problemen verhalten soll. Kann er den Fahrer informieren, dass er Hilfe benötigt? Zufällig war während unseres Versuchs Lissia Lenz mit Kinderwagen auf dem Römer Bahnsteig zugegen. Ihren kleinen Levi im Buggy über die 30 Zentimeter hohe Schwelle in den S-Bahn-Waggon wuchten kommt einem Kraftakt gleich. Ohne fremde Hilfe schafft es eine Mutter mit Kinderwagen fast nicht an Bord. „Wenn wir uns vorstellen, dass diese Mutter oder dieser Vater noch ein zweites Kind dabei hat, dann wird es richtig kompliziert. Dann muss der Erwachsene zuerst das größere Kind reinheben, dann mit dem kleinen Kind den Kinderwagen und hochziehen“, kommentiert PFB-Mann Kögel.

Gleiche Probleme dürften sich auf dem Rommelshausener Bahnhof Menschen mit Rollator stellen. Für sie ist die Höhendifferenz beim Einstieg kaum zu überwinden.

Flexiblere Lösung

Die neuen automatisch ausfahrbahren Rampen an jeder Tür in jedem S-Bahnwaggon sind laut Angelika Bochnig aus Winnenden nur für Gehbehinderte, Rollatorenfahrer und Kinderwagen gedacht. Wegen des großen Gewichts von E-Rollstühlen – 100 bis 150 Kilogramm – plus Körpergewicht kommt für sie weiterhin nur die von Hand ausgelegte Rampe in Betracht. Die 59-Jährige regt an, Geld zu sparen, indem die automatischen Brücken auf eine pro Waggon beschränkt, dafür im Gefälle flexibler gemacht werden.

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