Kernen-Rommelshausen Wie Rettungshunde ihr Näschen schulen

Kernen-Rommelshausen. Im Ernstfall sind sie es, die den orientierungslosen Demenzkranken finden und das vermisste Schulkind aufspüren: Erfahrene Personenspürhunde können mit ihren jahrelang trainierten Näschen tagealte Spuren aufnehmen. Junge Hunde bekommen beim Lernen frische Geruchsträger unter die Nase gehalten. Am Sonntag übten Rettungshundestaffeln aus ganz Baden-Württemberg in Kernen.

Nur kurz schnuppert Hündin Finja am Halstuch. Die zu suchende Person hat das Tuch kurz vorher noch getragen, der Geruchsstempel ist frisch. Die Plastiktüte, in der der Geruchsträger eingetütet ist, berührt Finja mit der Nase nicht einmal, ein Hauch der Duftnote liefert ihrer geschulten Nase genügend Information.

„Die Vorstellung, Hunde müssten ihre Nase tief reinhängen, stimmt nicht“, sagt Silke Stech, Fachberaterin „Rettungshunde“ im DRK-Landesverband. Wie im Tatort Zahnbürste und Haarbürste von Verdächtigen für einen DNA-Test konfisziert werden, so könnten auch Personenspürhunde mit diesen Gegenständen arbeiten. „Auch getragene Socken sind prima“, so Silke Stech.

Schritt für Schritt lernen die Hunde, Spuren zu folgen

Die sogenannte „ID“ hat Finja in der Nase, als sie an der Leine zieht. Halterin Heike Vogler von der Bereitschaft Rettungshundearbeit im Kreisverband Heidenheim stapft hinterher und beobachtet die lernfreudige Vierbeinerin auf Schritt und Tritt. „Mantrailer“ (engl. für Personensuchhunde) nutzen spezielle Leinen: eine Kombination aus Hundeleine mit Halsband und Hundeleine mit Geschirr. Sobald Finja übers Suchgeschirr läuft, merke sie, dass es jetzt immer der Nase nach geht.

Die Schnauze dicht über dem Boden sucht Finja nach Geruchsstoffen. Weit ist ihr Weg nicht: Hinter der ersten Hausecke, nur wenige Meter entfernt vom Start, stößt sie auf die gesuchte Person, die sie mit einem besonderen Leckerli belohnt.

Kleine Geschenke und Erfolgserlebnisse versüßen das Hundeleben: „Sie lernt wie ein Kind erst mal die Welt kennen“, erklärt Heike Vogler. Beim Start macht sie den Geruchsträger interessant für Finja und zeigt ihr schrittweise an, was sie tun soll.

Der Pointer-Mischlingshündin ist der Bewegungsdrang anzusehen. „Finja ist ganz gierig aufs Schaffen“, deutet Vogler das leise Winseln und die scherrigen Beine, die sie kaum ruhig halten kann. „Es ist ein ganz tolles Miteinander zwischen Hund und Mensch“, so die Halterin.

Sie arbeiten nicht zum Spaß gemeinsam an einer Leine: Im Ernstfall wäre Finja einer vermissten Person auf der Spur. Es könnte eine orientierungslose, hilflose Person sein, die nicht mehr nach Hause findet, oder ein Kind, das nach der Schule nicht heimkommt. Auch zu Sucheinsätzen nach sogenannten „suizidal abgängigen Personen“, die einen Selbstmord angedroht haben, werden Rettungshundestaffeln von der Polizei zur Unterstützung geholt, berichtet Heide Wieland, Gruppenleiterin Rettungshunde beim DRK-Ortsverein Kernen.

Bei der Prüfung eine Stunde Zeit, um gesuchte Person zu finden

Ein krasses Erlebnis hatte Katrin Kolbe von der Rettungshundestaffel Reutlingen mit ihrer Hündin. „Sie zeigte neben einem Gebüsch ein auffallendes Verhalten und Unruhe. 50 Meter dahinter wurde eine Person gefunden, die seit fünf Tagen dort lag.“

Im Einsatz gebe es keine Zeitbeschränkung; für die Prüfung eines nach DIN-Norm geprüften Rettungshundeteams sei eine Stunde angesetzt, um auf einer Strecke von zwei Kilometern eine Person aufzufinden. Jungtiere wie die 15 Monate junge Finja werden auf kurzer Distanz ans Profi-Schnuppern herangeführt. „Wie Kinder das Lesen lernen, zuerst einzelne Buchstaben, dann Drei-Wort-Sätze, irgendwann Thomas Mann“, sagt Silke Stech. Die Nasenleistung wächst mit ihren Aufgaben: Der Spurenleger setzt beim fortgeschrittenen Training weitere Distanzen fest. Parallel wachse der zeitliche Abstand zwischen dem Spurlegen des Zweibeiners bis zum Spurlesen des Vierbeiners.

Finja lernt seit ihrem vierten Lebensmonat. Nur kurz in der Fläche, weil sie sich häufig ablenken ließ. „Da ist sie viel Blödsinn gelaufen“, sagt Heike Vogler. Seit vier Monaten blühe sie im Mantrailing regelrecht auf. „Weil es ihre Nase besser kann.“


Fünfmal jährlich wird gemeinsam trainiert

Acht DRK-Rettungshundestaffeln aus Baden-Württemberg und die Gastgeber trafen sich in Kernen zum gemeinsamen Training und fachlichen Austausch. Die Teilnehmer waren Hundeführer mit unterschiedlichem Ausbildungsstand. Es nahmen Rettungshundeteams und Interessierte aus Calw, Reutlingen, Ulm, Heidelberg, Heidenheim, Bad Mergentheim, Stuttgart und Göppingen teil.

Fünfmal jährlich gibt es das Treffen, das abwechselnd von freiwilligen Staffeln ausgerichtet wird.

Der DRK-Ortsverein Kernen gründete die Rettungshundestaffel im Jahr 2001. Damals wurden die Hunde mit ihrem Führer in der Flächensucharbeit ausgebildet. Seit drei Jahren beschäftigt sich die Rettungshundestaffel außerdem mit der Ausbildung von Personenspürhunden. „In der Fläche“ arbeiten Flächensuchhunde, die in der Lage sind, ein Areal bis zu einer Größe von 30 000 Quadratmeter selbstständig abzusuchen, ohne angeleint zu sein und ohne ID der vermissten Person. Diese Hunde werden hauptsächlich in Freiflächen und im Wald eingesetzt. Anders der „Mantrailer“, der anhand eines Geruchsträgers der zu suchenden Person deren Spur an der Leine verfolgt.

Hunde haben unterschiedliche Begabungen. Manche arbeiten eher mit dem Auge, andere Rassen haben eine sehr gute Nasenleistung.

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