Kernen Sprachprobleme bei Kindern: Was tut Kernen dagegen ?

Annette Reich, Sprachmentorin in Kernen, sagt: Die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder – mit und ohne Migrationshintergrund – werden immer schlechter. Foto: ZVW/Sebastian Striebich

Kernen.
Die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern werden immer schlechter. Das sagt Annette Reich, Mentorin für Sprachförderung bei der Gemeinde Kernen. Sie beobachtet das längst nicht nur bei Flüchtlingskindern, sondern auch bei Muttersprachlern. Woran liegt das? Reich hat eine Vermutung: „Sprache lernt man durch die Zeit, die man miteinander verbringt, sich unterhält, ein Buch anschaut. Eltern verbringen heute weniger Zeit mit ihren Kindern.“

Ein Lieblingswort der Sprachmentorin lautet „Sprechfreude“. Gefördert werde diese Sprechfreude durch Zuwendung: „Da sein, mit dem Kind sprechen, das Kind erzählen lassen.“ Denn Sprache lernen auch Kinder am besten beim Sprechen. Neben dem strukturellen Zeitproblem, das zum Beispiel entsteht, weil Mutter und Vater Vollzeit arbeiten und das Kind erst nach einem stressigen Tag aus der Kita holen, wo die Zuwendung längst nicht so intensiv sein kann wie zwischen Elternteil und Kind, hält Reich auch die moderne Mediennutzung für einen Faktor. Wird das Kind nur vor dem Bildschirm geparkt oder starren Mama und Papa ständig in ihr Smartphone, so schlägt sich das auch in den kommunikativen Fähigkeiten nieder, ist sie überzeugt.

Gänzlich auffangen können Kindergarten und Schule diese Defizite nicht, aber einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Kleinen leisten. Sprachmentorin Reich bildet deshalb seit mehr als vier Jahren Erzieherinnen und Lehrer in den Kernener Einrichtungen weiter. Denn, sagt Reich: „Sprache ist der Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe.“ Und natürlich sind schlechte Sprachkenntnisse vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund ein riesiges Hindernis bei der Integration.

Kinder sollen ohne Sprachdefizite von der Grundschule abgehen

2015 hatte sich in Kernen auf Initiative der Bürgerstiftungsorganisation „Roter Faden“ ein Runder Tisch gebildet, mit Teilnehmern aus Schulen und Kindergärten, Elternvertretern, Mitarbeiterin des Gesundheitsamts, der Sprachförderung und Gemeinderäten. Hier wurde das „Kernener Modell“ entwickelt, mit einem klaren Ziel: In Kernen sollen die Kinder ohne Sprachdefizite von der Grundschule abgehen. Seither werden neben der Sprachförderung durch die von Reich ausgebildeten pädagogischen Fachkräfte, die in den Alltag der Kinder integriert ist, auch unterschiedliche Förderungen in Kleingruppen angeboten.

Zwei Sprachförderkräfte sind in den Grundschulen tätig, vier in den Kindergärten. Ehrenamtliche des Roten Fadens sind ebenfalls im Einsatz: als „Sprachpaten“ im Kindergarten oder als Lernbegleiter in der Schule. „Die Lernbegleiter unterstützen Kinder, wenn die Familien dies nicht leisten können“, so Annette Reich. Dieses Angebot sei eine große Hilfe, um den Kindern die Chance auf Bildungserfolge zu geben.

Kernen lässt sich Sprachförderung rund 57 000 Euro kosten

129 von 550 Kindergartenkindern werden in Kleingruppen sprachlich besonders gefördert. Hinzu kommen 38, die am Programm „Singen-Bewegen-Sprechen“, einer Kooperation der Musikschule, teilnehmen. 41 von 486 Schulkindern erhalten Hausaufgaben-, Sprach- und Lernhilfen. Rund 16 000 Euro nimmt die Gemeinde an Zuschüssen für die Sprachförderung ein, zahlt aber dennoch kräftig drauf: rund 57 000 Euro in diesem Jahr.

Laut Annette Reich hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan bei der Sprachförderung in Kernen. Die pädagogischen Fachkräfte seien besser für das Thema sensibilisiert und ausgebildet als noch vor vier Jahren. Die steigenden Zahlen der Kinder, die an den Programmen teilnehmen, zeigten, wie groß der Bedarf sei. Und doch: „Es gelingt uns nicht immer, die Kinder optimal auf die Schule vorzubereiten.“ Das liege freilich auch an den individuellen Umständen.

Manche Flüchtlingskinder tun sich besonders schwer

So berichtete Reich jüngst vor Gemeinderäten von geflüchteten Kindern, deren Entwicklungsstand höchst unterschiedlich sei. „Manche kommen ganz ohne Sprachkenntnisse in den Kindergarten und lernen schnell, andere tun sich sehr schwer.“ Noch schwieriger gestalte sich die Situation bei Schulkindern. Teilweise haben sie laut Reich in ihrem Heimatland noch keinerlei schulische Bildung erfahren, obwohl sie schon längst im entsprechenden Alter sind. Sie aber in eine Klasse einzuschulen, in der alle anderen viel jünger sind, könne die Integration erschweren.

Andere seien zwar ihrem Alter entsprechend gebildet, sprächen aber kein Wort Deutsch. In der Karl-Mauch-Schule gibt es für diese Fälle eine Vorbereitungsklasse, die Kinder fitmachen soll für den Regelunterricht. Zusätzliche Sprachförderung in Kleingruppen sei aber auch im Anschluss dringend erforderlich.

Für Sprachmentorin Annette Reich stellt sich außerdem die Frage, „ob es ausreicht, nur die Kinder im Blick zu haben“. Ihr schweben niederschwellige Angebote auch für die Eltern vor, zum Beispiel ein Café, bei dem gesungen und sich unterhalten wird. Dann können Eltern und Kinder zu Hause gemeinsam singen – und gegenseitig für die nötige „Sprechfreude“ sorgen.

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