Kernen-Stetten So kämpft die Gemeinde gegen röhrende Motorräder

Wer nach dem Ortsausgangsschild von Stetten angemessen beschleunigt, der bekommt ein „Danke“ vom Lärmdisplay. Foto: Gemeinde Kernen

Kernen-Stetten.
Wer in diesen Tagen von Stetten nach Esslingen fährt, dem fällt direkt hinter dem Ortsausgang ein neues Schild auf: „Pssst ... Rücksicht!“ mahnt es den Fahrer, der gerade am Beschleunigen ist. Die Gemeinde Kernen hat es dort als Maßnahme gegen Motorradlärm aufgestellt. Ob das hilft, bezweifeln manche Anwohner.

Genervte Anwohner beschweren sich regelmäßig über den dröhnenden Lärm schwerer Motorräder, schreibt die Gemeinde Kernen in einer Pressemitteilung. Die Verwaltung hat erkannt, dass die Anwohner seit Jahren unter dem lauten Auspuffdröhnen jener Motorrad- und Autofahrer leiden, die sich auf der kurvigen Strecke austoben wollen. Ein Anwohner, der verärgert ist, aber lieber anonym bleiben möchte, sagt unserer Zeitung: „Ab Frühjahr sind die Idioten los.“ Damit meint er Motorradfahrer, die bereits im Ort zu schnell fahren und zum Ortsausgang hin noch mal ordentlich aufs Gas drücken. Schon oft hat er erlebt, dass Motorradfahrer aus Spaß auf der Strecke „80-mal hin- und zurückfahren“.

Nicht nur Motorradfahrer seien das Problem – auch Autofahrer würden auf der Landstraße Rennen fahren, berichtet der Anwohner. Ob er denkt, dass das Schild etwas ändert? „Nö, da helfen nur Geschwindigkeitskontrollen.“

Motorräder seien nicht das Problem, sagt ein Anwohner – aber die Lkw

Ein paar Häuser weiter in Richtung Ortsmitte wohnt Carsten Schach. Für ihn seien nicht die Motorräder das Problem, sagt er. Den Lärm verursachen vor allem die Lastwagen, die täglich vor seinem Haus entlangfahren. Zwischen halb sieben und neun Uhr morgens sei die Hauptverkehrszeit, berichtet Schach. „Beim Frühstück klimpert das Geschirr im Schrank.“ Der Schwerlastverkehr, also Lastwagen mit über zwölf Tonnen Gewicht, nehme den Weg durch Stetten, um über den Schurwald nach Esslingen zu fahren – und somit die Maut auf den Bundesstraßen zu umgehen.

Als er das Schild zum ersten Mal gesehen hat, habe Schach lachen müssen. „Wenn sie hier wohnen, dann ist das ein Witz“, sagt er. „Hier hilft nur ein Blitzer.“

Dort, wo sich die Anwohner Geschwindigkeitskontrollen wünschen, steht jetzt seit einer Woche das Lärmdisplay. Es ist solarbetrieben und besteht aus zwei Pfosten. Im vorderen werden die Geschwindigkeit und die Lautstärke der vorbeifahrenden Autos gemessen. Fährt ein Auto vorbei, bekommt der Fahrer direkt eine Reaktion. „Danke“ leuchtet es in Grün, wenn die Autos angemessen fahren. Drückt jemand nach Ortsende zu stark aufs Gas, leuchtet ihm in roten Buchstaben „Langsam!“ entgegen. Wer überdurchschnittlich laut unterwegs ist, bekommt die rote Karte: „Leiser!“ zeigt das Display dann an. Ursprünglich wurden die Geräte zur Prävention auf Motorradstrecken konzipiert. Indirekt sollen sie für mehr Rücksichtnahme aller motorisierten Verkehrsteilnehmer werben, heißt es in einer Pressemitteilung der Gemeinde Kernen. Die Installation des Displays hatte die CDU-Gemeinderatsfraktion im Frühjahr 2019 gefordert. Der Antrag stieß auf große Zustimmung im Gremium.

Gemeinde ist der „Initiative Motorradlärm“ beigetreten

13 000 Euro kostet das Display. Vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg bekommt die Gemeinde einen Zuschuss in Höhe von 4000 Euro. Bürgermeister Benedikt Paulowitsch hofft „auf positive Effekte für die lärmgeplagten Anwohner in Stetten“. Die Gemeinde ist der „Initiative Motorradlärm“ beigetreten. 74 Kommunen und sieben Landkreise in Baden-Württemberg fordern von Bund und Europäischer Union, unterstützt vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg, dass etwas gegen Motorradlärm unternommen wird. Viele Motorräder seien nicht lauter als 78 Dezibel, was dem EU-Grenzwert entspricht, heißt es in der Mitteilung der Gemeinde Kernen. Die Maschinen, gegen die sich die „Initiative Motorradlärm“ richtet, erreichen dagegen nicht selten mehr als 100 Dezibel. Das erreichen die Biker oft durch Klappenauspuffanlagen, mit denen sie den „Sound“ steuern können.

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