Kernen Stuttkarre: Hier werden Schrauber-Träume wahr

Max Wolf und Lisa Jehle haben die Stuttkarre gegründet. Die rote „Schwalbe“ von Simson hat Max zu einem E-Roller umgebaut. Nicht nur Roller und Autos werden hier aufgemotzt, auch die alte Industriehalle im Rommelshausener Baugebiet haben die Autoschrauber umgestaltet. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Kernen-Rommelshausen.
Ein Feuerwehrauto wird zum Campingwagen, ein roter Mini Cooper zum Rennauto – bei „Stuttkarre“ in Rommelshausen werden Träume wahr. Wer die Werkstatt im Industriegebiet direkt am Bahnhof besucht, wird von einem Auto auf dem Dach begrüßt. Drinnen geht es vorbei an aufgebockten Karosserien und Maschinen, im hinteren Bereich steht eine Bühne: Selbst gebaute Sessel aus Reifen und alte Spielekonsolen laden, trotz kühler Temperaturen, zum Entspannen ein.

In der alten Lagerhalle treffen sich regelmäßig 16 Autobegeisterte, die an ihren „Babys“ schrauben. Doch auch Aufträge nehmen sie nach persönlicher Absprache entgegen.

Max Wolf (31) und seine Freundin Lisa Jehle (27) haben die Schrauberwerkstatt vor drei Jahren gegründet. „Hier sind nur Verrückte“, sagt Max. Die Stimmung ist entspannt, alle duzen sich. Wie oft sie hierherkommen? Max so oft es geht. Der 31-Jährige ist Sozialarbeiter in Stuttgart. Vormittags kommt er für drei Stunden in die Werkstatt, dann geht er zur Arbeit. Abends schaut er meist wieder in Rommelshausen vorbei.

Ohne Oldtimer fehlt ein Stück der Geschichte

Max hat mit 18 Jahren im Carport seiner Eltern angefangen, zu schrauben. Er brachte sich alles selber bei. Dann wechselte er in eine Werkstatt auf dem Gelände des Zollamts in Bad Cannstatt, die Vorgängerin der Stuttkarre. Nachdem der Pachtvertrag ausgelaufen war, mussten er und seine Schrauber eine neue Halle suchen – und wurden in Rommelshausen fündig. Im Oktober 2016 wurde die Stuttkarre offiziell eröffnet. Max sagt: „Wenn die alten Karren von der Straße verschwinden, wird Geschichte ausradiert.“ Das will er verhindern.

Inzwischen besitzt Max mehr als 20 Autos, neun davon sind angemeldet. Er zählt auf: „Zwei Minis, einen Golf, zwei T3, einen Fiesta“ und noch mehr. Immer wieder kommen Bekannte auf ihn zu und wollen alte Autos loswerden. Bei Max sind sie da genau richtig. Momentan schraubt er an einem roten Mini Cooper, Baujahr 1991. Dem Auto hat er gerade einen neuen Motor verpasst. Den braucht es auch, denn Max hat fürs kommende Jahr große Pläne: ein 13-tägiges Rennen mit dem Mini durch Marokko. „Inklusive Sandwüste“, sagt er begeistert.

Dellen zieren die Beifahrertür des alten Schmuckstücks. Ob Max diese ausbessert, weiß er noch nicht. Er denkt an das Rennen: „Das werden wahrscheinlich nicht die einzigen bleiben.“

Eine Schwalbe wird zum E-Roller, ein Eiswagen zum Campingwagen

Dem Mini Cooper gegenüber steht eine rote „Schwalbe“ von Simson, ein Motorroller aus der DDR. Den hat Max mit den Kindern aus dem Jugendhaus, in dem er arbeitet, zum E-Roller umgebaut. „Ich finde es wichtig, dass man einen Schritt vorwärts macht“, sagt er zur aktuellen Klima-Diskussion. Ob das Ansehen der Oldtimer darunter leidet, dass sie mit Benzin und Diesel fahren? „Darüber mache ich mir keine Sorgen“, sagt Max, „schließlich ist Reparieren auch nachhaltig.“

Und nicht nur Männersache! Max’ Freundin Lisa hat ihr erstes Projekt in der Stuttkarre schon abgeschlossen: Sie hat einen Eiswagen zum Campingwagen umgebaut. 300 Kilometer weit sind Max und Lisa gefahren, um den Mini-Bus, einen VW T 3, abzuholen. Dem vorherigen Besitzer war wichtig, dass die Identität des Wagens erhalten bleibt. Deshalb ziert den VW-Bus noch immer ein „Eis“-Schriftzug. Länger als ein halbes Jahr hat Lisa den Wagen aufgemotzt – immer mit Anleitung von anderen Stuttkarre-Schraubern. Aber, betont die Grafikerin, an alten Autos zu schrauben sei leichter als an neuen. Schließlich sei die Mechanik deutlich sichtbar und nicht hinter Schichten von Elektronik und Plastik versteckt. Die Arbeit hat sich bezahlt gemacht: Das Paar war mit dem ehemaligen Eiswagen schon in Frankreich, Spanien, Portugal und Polen unterwegs.

Lisa hat festgestellt: Immer mehr Leute träumen vom selbst gebauten Camper. Mehrere Kleinbusse stehen in der Halle, unter anderem ein roter Mercedes T 1, ein altes Feuerwehrauto. Sogar aus diesem Einsatzwagen soll jetzt ein Wohnmobil werden. Um den Innenausbau zu vereinfachen, gibt es neuerdings eine Holzwerkstatt. Lisa und Max erfüllen sich nicht nur ihre eigenen Träume – mit „Stuttkarre“ helfen sie auch den anderen „Verrückten“ dabei.

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