Kernen Video: Regisseur Marc Schlegel räumt weltweit Preise ab

Marc Schlegel aus Stetten ist Filmregisseur und startet gerade mit mehreren Preisen durch. Foto: Büttner / ZVW

Kernen. Mit seinem Wiener Hochschul-Abschlussfilm zieht er von Festival zu Festival und räumt Preis um Preis ab – einer der witzigsten, eigenwilligsten und bescheidensten deutschen Nachwuchs-Regisseure ist der Sohn vom Stettener Ochsenwirt: Marc Schlegel, 31.

Auf dem Schragen, bleich und nackert, liegt a Leich’ und macht kaan Mucks. Daneben, großäugig verschüchtert, steht ein Anfänger im Bestattungsgewerbe – aber sein Lehrer hat schon alles gesehen: tätowiert, Schürze überm Feinripp-Unterhemd, ein rechter Totenmetzger. Und wozu dient die Kordel, fragt der Junge, die da von der Decke baumelt? Das ist die Alarmschnur für Scheintote – „net deppert lacha!“, so was braucht man wirklich . . . So beginnt „Das Begräbnis des Harald Kramer“, 30 rabenschwarz komische Minuten lang, eine Wiener Geschichte.

Und nun erzählt der Tätowierte von diesem Kramer: In einer irren Rückblende entfalten sich Leben und Sterben (Sterben? Moment) eines sturzbiederen Kleinbürgers, Frau, Kind, Häuserl hat er und einen honorig-öden Beruf, Schadensregulierer. Doch ein Rest Rebellion haust in dem Angepassten: Heimlich im Schlafzimmer verrenkt er sich zu Heavy-Metal-Posen mit der Gitarre – bis er ausrutscht und von der Klampfe erschlagen wird. Erschlagen? Moment. Denn da schau, jetzt liegt der Kramer im Sarg – und was der Scheintote bei seiner eigenen Beerdigung zu hören kriegt, treibt ihn glatt noch mal raus aus der Kiste.

Journalisten-Erfahrung: Im Lauf der Jahre hast du immer mal wieder Absolventen der Filmakademie Ludwigsburg kennengelernt und Mal um Mal bewundert, wie professionell und zielstrebig diese jungen Leute sind; bloß kamen sie dir oft recht formatiert vor. So kompetent können die erklären, wie man Marktchancen einschätzt, Zielgruppen bedient – und so gerne hättest du über die zweckfreie, enthemmte Liebe zum Kino geschwätzt, die Lust am Experimentieren und Gegenwelten-Entwerfen. Stattdessen haben sie als Lieblingsfilm „Pretty Woman“ genannt und als Vorbild Produzenten-Mogul Jerry Bruckheimer, der Blockbuster in Serie rausledert.

Kottan, Kaurismäki und der Geist von Wien

Und jetzt sitzt da dieser Marc Schlegel. Als Ich-AG in Sachen Selbstanpreisung scheint er mäßig begabt. Fast ein bisschen linkisch wirkt er im ersten Moment, bis dir dämmert, wie hellwach er ist. Und nun schwärmt er auch noch von den Filmen des kauzigen Finnen Aki Kaurismäki. Freude!
Schlegel hat in Wien studiert. Mag sein, dass die Absolventen dort nicht ganz so viel Lebens- und Geschäftstüchtigkeit eingetrichtert bekommen – aber für Film-Liebende muss es unglaublich sein: Der geniale Michael Haneke ist Dozent; Peter Patzak wurde Schlegels Lehrer. Patzak hat einst „Kottan ermittelt“ gemacht – wer diese sagenhaft schräge Krimi-Schnurre damals gesehen hat, schwelgt noch heute davon.

Dieser Eigenwille wirkt auch in Schlegels Abschlussfilm, er ist so vollgesogen mit Wiener Geist. Die Stadt hat ja seit jeher ein inniges Verhältnis zu Schmäh und Tod. Da gab’s einst den Augustin, der so komatös besoffen war, dass ihn die Siechknechte, die im verseuchten Wien die Pestleichen aufsammelten, in ein Massengrab warfen – bis er ausgenüchtert und pumperlgsund der Grube wieder entsprang. Da gab’s die Dichter Nestroy und Schnitzler, panische Angst hatten sie, lebendig eingesargt zu werden, sie verfügten deshalb „den Herzstich“ – wer sie verscharren wollte, war verpflichtet, die Leichen vorher noch mal umzubringen. Und da gab’s in den 90er Jahren den Bau der U 3 – Arbeiter fanden beim Buddeln alte Gräber mit Skeletten. „Einer lag auf dem Bauch.“

Eine gute schwarze Komödie, sagt Marc Schlegel, „muss immer ein gewisses Maß an Grenzüberschreitung beinhalten“. „Das Begräbnis des Harald Kramer“ spielt virtuos mit solchen Tabubrüchen. Da ist aber noch mehr: Ganz en passant entspinnt sich auch eine Erzählung über verschüttete Lebensträume und Ausbruchsfantasien. Womöglich hat das auch etwas mit Marc Schlegels eigener Geschichte zu tun. Er besuchte die Realschule, danach eine Wirtschaftsschule, er war „saumäßig schlecht“. Mit solchen Noten hatte er kaum die Qual der Berufswahl. Aber „von 9 bis 5 im Büro“ sitzen oder „Schrauben verdealen auf der Welt“? Ein Harald Kramer werden?
Mit 21 zog Schlegel nach Berlin, stürzte sich hinein in eine prekäre Existenz: Er begann beim Film. Als „Set-Runner“. Kaffee holen. Straße absperren. Er erzählt das beiläufig, null großsprecherisch – und doch kann man ahnen, was für eine Sehnsucht, welch ein Wille ihn getrieben haben muss. „Meine Eltern haben ganz schön geschluckt, glaube ich.“

Nach vielen vergeblichen Bewerbungen, die er jahrelang in alle Himmelsrichtungen geschickt hatte, ergatterte er 2007 einen Platz in Wien. Und im Herbst beginnt Schlegel mit den Dreharbeiten zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm für den SWR, einem „Debüt im Dritten“. Es ist toll, dass „die Familie dahintersteht“. Es hat aber „ne Weile gedauert“, bis sie ganz ihren Frieden machte mit seinem Weg. Die Eltern sind „keine Kinogänger. Überhaupt nicht.“ Vor allem der Vater musste sich dran gewöhnen, dass der Bub nichts Bodenständiges, Berechenbares treibt, sondern Welten aus Licht zaubert und Scheintote aus Särgen steigen lässt.

Der Vater kam zur Vorführung des Films. Der volle Saal. Die große Leinwand. Das magische Dunkel. Das durch die Reihen brandende Glucksen, Kichern, Wiehern. „Da hat er begriffen, was ich mache.“ Die Geschichte von Harald Kramer aber, erklärt der Tätowierte dem Anfänger, ist eine Schand’ für jeden anständigen Bestatter. Er packt die Leich’ auf dem Schragen beim Kopf, dreht beherzt; ein Knacken. „Mir is no kaaner auskomma.“

Preise

Ein einziger nicht-englischsprachiger Film wurde beim LA Comedy Shorts Festival Los Angeles in das Wettbewerbsprogramm aufgenommen – und genau dieser eine gewann den Preis für den besten Studentenfilm: „Das Begräbnis des Harald Kramer“.

Beim Internationalen Festival der Filmhochschulen München holte „Harald Kramer“ die Preise für das beste Drehbuch und die beste Produktion sowie den „Prix Interculturel“ – die Jury pries den „schwarzen Humor“, die „ausgefeilten Dialoge“, die „ausgezeichnete Regie“, die „gute Lichtgestaltung“, das „Gespür für die Wichtigkeit von Details“, die „überraschende und klug erzählte Geschichte“, die „Fülle an vergnüglichen Drehungen und komödiantischen Wendungen“ und „ein vollendetes Drehbuch, das am Ende nichts dem Zufall überlässt“.

Dazu kamen in Polen beim Camerimage-Festival Bronze und beim European Short Film Festival der Titel „Best Fiction“ und in Weißrussland beim Cinema Perpetuum Mobile der Publikums-Preis.

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