Kinderklinik Winnenden Diät: Wenn Perfektion Kinder krank macht

Ein perfekter Körper durch perfekte Ernährung? Manch einer wird durch dieses Ansinnen krank. Foto: fotolia/magdal3na

Winnenden. Krank durch Diäten? In der Kinderklinik Winnenden müssen immer wieder Kinder und Jugendliche behandelt werden, die aufgrund verschiedenster Diäten krank geworden sind. Hier spielen psychische Probleme, oft aber auch gesellschaftliche Trends und Ernährungsüberzeugungen eine Rolle. Und der Wunsch, Körper und Leben zu perfektionieren.

Vegetarisch, vegan, glutenfrei, laktose- oder fruktosefrei, kalorienreduziert oder – Prof. Dr. Ralf Rauch von der Kinderklinik im Rems-Murr-Klinikum Winnenden versucht zwar, keine Regung zu zeigen, doch das Kopfschütteln lässt sich nicht ganz unterdrücken – das Essen der Frutarier, die nur Pflanzliches zu sich nehmen und auch nur dann, wenn die Pflanze bei der Ernte nicht verletzt wird, also etwa runtergefallenes Obst, all das lässt sich unter dem Begriff „Diät“ zusammenfassen.

Viele Kinder haben sich den Mangel selbst auferlegt

Am 6. Mai war Welt-Anti-Diät-Tag. Der Tag drückt Protest gegen den Schlankheitswahn und besonders gegen Diäten aus und wurde von Mary Evans Young, einer feministischen Schriftstellerin aus Großbritannien, initiiert. Mary Evans Young hatte eine Magersucht überstanden. Wobei es sich selbst hier im Rems-Murr-Kreis nicht leugnen lässt: Es gibt nicht nur jene, die sich selbst fast bis zum Tod hungern. Viel zu viele Menschen sind übergewichtig, auch Kinder. Übergewichtig nicht im Sinne von ein bisschen kuschelig, sondern im Sinne von jenseits der Sichtbarkeit jeglicher Muskulatur und Knochen. Bei Prof. Dr. Ralf Rauch und seinen zwei Spezialistinnen Dr. Dorothea Junginger und Dr. Femke Piersma landen viele von all diesen: Kinder und Jugendliche, die unter selbst auferlegtem Mangel verschiedenster Art krank werden.

Femke Piersma ist Gastroenterologin und damit Fachfrau für Probleme im Magen-Darm-Bereich. Sie hat Kinder, die wirklich und mit Darmspiegelung und Gewebeprobe nachgewiesen unter Glutenunverträglichkeit leiden. Diese Kinder müssen ein Leben lang Diät halten, damit die Entzündung im Darm nicht wiederkommt. Kinder mit Zöliakie werden nach der Diagnose und mit der richtigen Diät aufblühen, wachsen, zu Kräften kommen.

Kinder, die völlig unnötig einem Mangel ausgesetzt werden

Zu oft hat sie aber auch Kinder, die völlig unnötig einem Mangel ausgesetzt werden. Wer eine Zöliakie vermutet, sie aber nicht professionell nachweisen lässt, sondern einfach so und ohne fachgerechte Anleitung das Essen umstellt, läuft Gefahr, dass dem Kind wichtige Stoffe fehlen. Das Gleiche passiert bei veganer Ernährung. Kindern, die so viele Nahrungsmittel nicht essen dürfen, fehlen womöglich Vitamin D, B, K, A und E, auch Calzium und andere Mineralien. Dieser Mangel kann schwerwiegendste Folgen haben. Vitamin-A-Mangel zum Beispiel führt zuerst zu Nachtblindheit, dann sogar zu völliger Erblindung.

Mehrfach hatte Piersma Kleinkinder in Behandlung, deren Mütter bis übers erste Lebensjahr hinaus ausschließlich gestillt hatten. Diese Kinder waren spindeldürr, litten unter Eisenmangel und waren daher sehr blass, hatten viel zu dünnes Haar, ein großes Rachitis-Risiko und das Gehirnwachstum war gefährdet. Wobei Letzteres das Schlimmste ist: Ein körperliches Defizit, sagt Piersma, kann aufgeholt werden. War das Hirn mangelernährt, wird es sich nie davon erholen.

Zu viel des Guten schadet den Kindern

Auf Probleme dieser Art trifft Piersma sehr oft in Familien, die sich sehr bewusst gesund ernähren wollen. Die auch sofort auf Probleme des Kindes reagieren, oftmals mit Stapeln von Papieren bei ihr aufschlagen: Untersuchungen über Untersuchungen – und für ihre Diagnostik allesamt irrelevant. Bei diesen Familien, sagt sie, spiele Übergewicht keine Rolle. Vielmehr gehe es um eine Perfektionierung, um zu viel des Guten. Und das, so hat sie den Eindruck, wird immer mehr. Femke Piersma arbeitet in den Krankenbetten quasi die Diät-Moden ab, die durch die gebildete Gesellschaft schwappen. Unglücklicherweise stecken Erwachsene solche Moden sehr viel leichter weg als Kinder und sehen daher keinen Grund einzuhalten. Wenn Kinder aber falsch ernährt werden, sind die Auswirkungen fatal.

Fatal sind auch die Folgen der Diäten, deren Behandlung Dorothea Junginger angeht. Sie ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin und hat die psychosomatische Station im Klinikum aufgebaut – eine Station, die quasi seit der Eröffnung stets ausgelastet ist. Hierher kommen die, an die sich der genannte Anti-Diät-Tag ausdrücklich wendet. Nach wie vor sind es vor allem Mädchen, die ihr Gewicht runterhungern, bis sie nur noch Haut und Knochen sind. Sehr oft gleicht der Beginn der Tortur aber jenem Ansinnen der Diät-Familien: Ich will mich gesund ernähren. Auch diese Mädchen wollen das Leben, den Körper perfekt machen. So werden freiwillig Kalorien reduziert, wird laktose- und glutenfrei gegessen, weil das vermeintlich besser ist. Viele der kranken Mädchen ernähren sich vegetarisch. Und so, sagt Junginger, wird die Auswahl an Lebensmitteln, die die jungen Frauen noch essen dürfen beziehungsweise wollen, immer kleiner und die Diät wird zum Fass ohne Boden.

Manchmal werden psychische Probleme in Diäten übersetzt

Magersucht oder Bulimie sind verbunden mit psychischen Problemen. Das psychische Problem findet quasi seinen Ausdruck in einer Diät. Manchmal kommen die Patientinnen aber auch vom Übergewicht her, hatten nicht ohne Grund eine Diät begonnen, aber einfach den Punkt, wieder auszusteigen, verpasst.

Beim Übergewicht haben Jungs und Mädchen die gleichen Probleme: zu viele Zuckergetränke, zu viel Fastfood und viel zu wenig Bewegung. Letztlich auch eine Diät, wenn auch vollkommen unreflektiert und der Bequemlichkeit, dem Genuss, der geringen Frustrationstoleranz und dem daraus resultierenden Wunsch nach schneller Belohnung, schnellem Glück geschuldet. Das wird dann beispielsweise in Schokolade oder Computerspielen gesucht und gefunden.

Einseitige Ernährung macht krank

Jungs aber bringen noch eine weitere Diät-Variante ins Krankenzimmer: Sie wollen nicht abnehmen, sondern vor allem viel Muskelmasse aufbauen. Dafür treiben sie extrem viel Sport, nehmen Proteinpulver, essen viel Fleisch. Auch sie ernähren sich einseitig. Die Jungs bringen nicht zu wenige Kilo auf die Waage. Und dennoch geht es ihnen nicht gut. Oft richtet sich der gesamte Alltag am Trainings- und Ernährungsprogramm aus. Wie bei allen anderen, die durch verschiedene Diäten krank geworden sind, könnten sie niemals ganz entspannt und einfach das zu sich nehmen, was beispielsweise in Jugendfreizeiten eine Woche lang auf den Tisch kommt. Das Essen und die Probleme damit gleichen denen von Süchtigen.


Diät

Die Bezeichnung Diät kommt aus dem Altgriechischen und wurde ursprünglich im Sinne von „Lebensführung“ oder „Lebensweise“ verwendet. Die Diätetik beschäftigt sich auch heute noch wissenschaftlich mit der „richtigen“ Ernährungs- und Lebensweise.

Im deutschsprachigen Raum bezeichnet der Begriff bestimmte Ernährungsweisen und Kostformen, die entweder zur Gewichtsab- oder -zunahme oder zur Behandlung von Krankheiten dienen. Diät im Sinne von „Schlankheitskur“ ist nur ein Aspekt.

Relativ neu ist das massenhaft auftretende Phänomen von Diäten, die entlang einer Überzeugung entwickelt werden und die von eigentlich vollkommen gesunden Menschen eingehalten werden.

  • Bewertung
    8
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!