Kinokritik: Wonder Wheel Eine Frau geht über Leichen

Ginny hat Probleme damit, ihre Illusionen aufrechtzuerhalten: Kate Winslet in „Wonder Wheel“ Foto: Verleih

Stuttgart - Alle paar Jahre schiebt Woody Allen eine Tragödie zwischen die Komödien. Der Kinostart von „Wonder Wheel“ wird indes überschattet von Allens unglücklichen Mitleidsbezeugungen für Harvey Weinstein. Das ist fatal, denn sein Film ist nicht einfach nur ein Drama, sondern schließt als solches an eine große Hollywood-Tradition an, indem es die Figur der „tragic evil woman“ wiederbelebt, wie sie einst in den Darstellungen von Glamour- Stars wie Bette Davis oder auch Joan Crawford lebendig war. Kate Winslet darf sich dieser Ahnenreihe nun zugesellen, sie bildet als Ginny das schillernde Zentrum von „Wonder Wheel“.

Der Film erzählt die Geschichte von gleich vier Leuten, die in den 1950er Jahren mitten im Gewimmel des Vergnügungsparks von Coney Island an der Küste des New Yorker Stadtteils Brooklyn leben, doch Ginny (Kate Winslet) ist die wichtigste Protagonistin: eine ehemalige Schauspielerin aus der zweiten Reihe, die nun als Bedienung in einem Muschelrestaurant arbeitet und mit diesem Realitätsschock nur schlecht zurechtkommt. In zweiter Ehe ist sie mit dem nicht weniger labilen Humpty (Jim Belushi) verheiratet, einem Karussell-Betreiber mit Alkoholproblem, der es selten lange aushält in einer Arbeitsstelle. Ginnys manisch zündelnder, filmverrückter und die Schule schwänzender Sohn aus erster Ehe ist noch das kleinere Problem der Eheleute.

Kate Winslet ist das Ereignis in diesem Film

Beide teilen ihr zu kleines Apartment nahe dem Glücksrad nämlich seit kurzem mit Carolina (Juno Temple), Humptys hübscher Tochter aus erster Ehe, die vor ihrem Gatten, einem Mafioso, geflohen ist, nachdem sie vor dem FBI gegen ihn ausgesagt hat. Der Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) schließlich träumt von einer Karriere als Stückeschreiber – ihn hat Woody Allen als Narrator der Geschichte eingesetzt, der sich von seinem Rettungswachturm aus direkt an den Kinozuschauer wendet und damit die erzählerische Distanz aufhebt. Bald verwickelt sich Mickey, der Frauen vor allem parasitär als Kunstmaterial betrachtet, persönlich in den Gang der Dinge, als er eine Affäre mit Ginny beginnt. Die 40-Jährige wiederum erkennt in der jungen Carolina eine unwillkommene sexuelle Rivalin und trachtet danach, die Stieftochter loszuwerden.

Kate Winslet ist das Ereignis in diesem 47. Film von Woody Allen: Sie bezeugt allein durch ihr Mienenspiel Ginnys fatalen Abstieg von der romantischen Ehebrecherin hin zum skrupellosen, zynischen Biest und geht am Ende quasi über Leichen, um ihre Illusionen aufrechtzuerhalten. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs in einer Wohnung, die wie ein Käfig ist für diese explosive Patchworkfamilie. Die eigene Existenz wird Ginny mehr und mehr zur Bühne, auf der sich Wunschträume ebenso offenbaren wie fatale Selbsttäuschungen. Dabei ist Ginny weniger Objekt als vielmehr Darstellerin ihres Lebens.

Der Rummel von Coney Island dient als metaphorischer Rahmen

Immer wieder wirft Allen recht pathetisch Fragen auf wie die nach dem Schicksal oder eigenem Verschulden, nach der Rolle von Gefühl und Verstand. Im vielfältigen Beziehungsdrama (Mann/Frau, Eltern/Kinder, Erzähler/Protagonisten) verweist „Wonder Wheel“ auf die antike Tragödie, ohne jedoch deren Grundsätzlichkeit anzustreben. Der von den Amazon Studios produzierte Film pflegt vielmehr ein illustratives Verhältnis zur Vergangenheit, auch zu der des Regisseurs als Entertainer. Der eng umgrenzte Raum des Appartments bildet mit wechselnden Personen-Tableaus den Hauptschauplatz eines sich zuspitzenden Geschehens, das bewusst theatral inszeniert ist und den tatsächlichen verbalen Bezug auf klassische Theaterautoren wie Eugene O’Neill, Sophokles oder Shakespeare eigentlich gar nicht braucht. Wenn Mickey der bezaubernden Caroline am Strand etwas über „Hamlet“ und „Ödipus“ erzählt, sorgt schon Justin Timberlakes kleidsamer Herrenbadeanzug dafür, dass nicht zu viel heiliger Ernst aufkommt.

Der Rummel von Coney Island mit Karussell, Schießstand und Glücksrad dient dabei natürlich als metaphorischer Rahmen dieser bei aller örtlichen Selbstbeschränkung und detailverliebten Ausstattung doch machtvoll düsteren Geschichte über Leidenschaft und Verrat, der Vittorio Storaros poetische Kameraführung einen weiteren dramatischen Kontrast hinzufügt.

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