Kirche und Homosexualität in Schorndorf Pfarrerin Eisrich: „Das Thema ist nicht vom Tisch“

Der CVJM steht für vieles – nur nicht für eine klare Position im Umgang mit diskriminierender Einstellung gegenüber Homosexuellen. Foto: Schneider / ZVW

Schorndorf. Nachdem es im vergangenen Herbst zu einem Eklat bei einer Veranstaltungsreihe der evangelischen Gesamtkirchengemeinde kam, ist es um das Thema „Kirche und Homosexualität“ in Schorndorf ruhiger geworden. Zumindest nach außen hin. Einigen gefällt das Schweigen, vor allem des CVJM, jedoch nicht. Stadtkirchern-Pfarrerin Dorothee Eisrich betont jedoch: „Das Thema ist nicht vom Tisch.“

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Dabei hätte der CVJM, dessen Vorstandschaft sich ausdrücklich gegen ein Gespräch mit der Presse ausgesprochen hat, durchaus einiges zu erklären. Zum Beispiel, wie es zusammenpasst, dass der CVJM in einer 2017 verabschiedeten Stellungnahme betont, dass „Menschen, die homosexuell empfinden, einen festen Platz in unserer Jugendarbeit haben“ (siehe Infokasten), und es gleichzeitig toleriert wird, dass die Band Grace 1 bei ihrer Haltung bleibt, dass Homosexuelle in ihren Reihen nichts verloren haben.

Passiert ist Pfarrerin Eisrich zufolge nämlich Folgendes: Eine von der Gesamtkirchengemeinde zusammengestellte Delegation hat das Gespräch mit der mittlerweile bei der Süddeutschen Vereinigung angedockten Grace-1-Band gesucht. Ziel des Gesprächs war es zu erfragen, ob sich während oder nach der Veranstaltungsreihe zum Umgang der evangelischen Kirchengemeinden mit dem Thema die Einstellung der Band verändert hat. Die Grace-1-Band bleibt jedoch bei ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Homosexuellen.

Zur Erinnerung: Es war die Grace-1-Band, die durch den Ausschluss einer lesbischen jungen Frau, die zunächst innerkirchlich und dann öffentlich geführte Diskussion um „Kirche und Homosexualität“ überhaupt erst ausgelöst hatte.

Thomas Fuchsloch ist der für den CVJM zuständige Pfarrer

„Die Gesprächsatmosphäre war gut, das Ergebnis ernüchternd“, fasst Dorothee Eisrich den Kontakt mit der Band, die weiterhin offiziell eine von vielen Gruppen des CVJM ist, zusammen. Wobei die Konsequenz zumindest für die Stadtkirchengemeinde klar ist: Die von Grace 1 seit längerem bei der Süddeutschen Vereinigung veranstalteten Gottesdienste werden auch weiterhin nicht mehr beworben.

Andererseits aber ändert sich auch nichts daran, dass der als eigenständiger Verein fungierende CVJM von der Gesamtkirchengemeinde mit der Jugendarbeit beauftragt ist und sich im Zweifel darauf beruft, dass unter seinem Dach alle einen Platz finden, die ihn auch in der Landeskirche haben. Der für den CVJM zuständige Pfarrer ist übrigens Thomas Fuchsloch von der Versöhnungsgemeinde. Mit seinen polarisierenden Äußerungen hatte er dafür gesorgt, dass die Veranstaltungsreihe zu „Kirche und Homosexualität“ nicht versöhnlich, sondern mit einem Eklat zu Ende gegangen war.

Eisrich versucht „Verständnis zu entwickeln“

In der Folge hatten, wie Dorothee Eisrich auf Nachfrage bestätigt, nicht wenige Schorndorfer innerhalb der Gesamtkirchengemeinde die Seiten gewechselt. Sprich: Die Stadtkirchengemeinde hat Mitglieder an die Versöhnungskirchengemeinde verloren, aber sie hat auch, und zwar deutlich mehr, Mitglieder dazugewonnen. Weshalb die Pfarrerin von einem „hilfreichen Klärungsprozess“, was die Verschiedenheiten im Bibelverständnis und im Verständnis von Frömmigkeit angeht, spricht.

Ähnlich wie bei den Kirchengemeinden verhält es sich aus Sicht von Dorothee Eisrich auch beim CVJM: Es gebe Menschen, die nicht mehr für den CVJM spendeten, solange der sich nicht eindeutig von Positionen, die Homosexuelle ausgrenzten, distanziere. Es gebe aber auch sicher Leute, die den CVJM nicht mehr unterstützen würden, wenn er in seiner Haltung ganz klar wäre. Dorothee Eisrich selber versucht nach eigenem Bekunden, „Verständnis zu entwickeln für die Haltung des CVJM“.

Sie macht aber auch unmissverständlich deutlich, dass für sie eine Grenze erreicht ist, wenn andere Menschen ausgegrenzt werden. Und sie gibt zu, dass es ihr nicht leicht fällt, der Beteuerung „Wir diskriminieren niemand“ zu glauben, wenn de facto zumindest in einer dem CVJM zuzurechnenden Gruppe nachweislich diskriminiert werde. Dass die Stadt und der Gemeinderat in dieser schwierigen Gemengelage trotz mancher Vorbehalte dabei geblieben sind, das städtische Jugendcafé in den Räumen des CVJM zu verorten, wertet Dorothee Eisrich als „Vertrauensvorschuss“. „Es ist gut, dem CVJM zu vertrauen und nicht alle über einen Kamm zu scheren“, findet sie.

„Wir haben uns eine Pause gegönnt, aber wir sind noch nicht am Ziel“

Was die Diskussion um den Umgang der Kirche mit Homosexualität angeht, so weiß die Pfarrerin sehr wohl, dass es auch im Kirchengemeinderat der Stadtkirchengemeinde Menschen gibt, die von diesem Thema mittlerweile genug haben und es gerne als erledigt betrachten würden. Nicht mit Dorothee Eisrich! „Wir haben uns eine Pause gegönnt, aber wir können nicht aufhören, darüber zu reden“, sagt sie und begründet diese Haltung so: „Wir sind ja nicht am Ziel, sondern immer noch unterwegs.“

Da braucht sie sich nur ihre Landeskirche anzuschauen, die bei der Segnung homosexueller Paare Schlusslicht unter den Landeskirchen in ganz Deutschland ist („unfasslich“) und von der sich Dorothee Eisrich manchmal einen schärferen Blick auf fundamentalistische evangelikale Positionen wünschen würde.

Im Gespräch zu bleiben, das gilt für Dorothee Eisrich nicht nur mit Blick auf den CVJM, sondern auch mit Blick auf ihren Kollegen Fuchsloch. „Natürlich arbeiten wir weiter zusammen, er ist ja schließlich Pfarrer der Landeskirche“, sagt sie. Weil das aber aus ihrer Sicht eine Selbstverständlichkeit ist, hätte es die Stadtkirchen-Pfarrerin für besser gehalten, wenn nach der Veranstaltungsreihe anstatt der um des lieben Friedens willen verfassten Solidaritätserklärung unter den beteiligten Pfarrern (zu denen sie nicht gehört hat) eine Solidaritätserklärung mit homosexuell orientierten Menschen verabschiedet worden wäre – am besten von der Gesamtkirchengemeinde und vom Kirchenbezirk. Weil es vor allem diese Menschen seien, die den Beistand und die Solidarität der Kirche brauchten.

„Macht braucht Kritik und Macht braucht Öffentlichkeit“

Was ihre eigene unzweideutige Haltung angeht, so kann die Pfarrerin sagen, dass sie darauf bislang persönlich so gut wie keine negativen Reaktionen bekommen hat. Sehr wohl aber habe sie aus unzähligen Gesprächen immer wieder die Empörung herausgehört, was es in der heutigen Zeit noch an antiquierten und menschenverachtenden Positionen innerhalb der evangelischen Kirche (aber nicht nur in ihr) gibt.

Besonders gefreut hat sich Dorothee Eisrich über die große Resonanz auf die „Aufstehen“-Demonstration, von der vor allem dieses Zeichen ausgegangen sei: „Wir wollen wachsam sein für eine Gesellschaft, in der alle ihren Platz haben“ – Fremde genauso wie Homosexuelle. Dazu brauche es aber einen langen Atem und die Bereitschaft, Auseinandersetzungen mit Andersdenkenden zu führen. Und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen. „Macht braucht Kritik und Macht braucht Öffentlichkeit“, sagt Dorothee Eisrich.


Die Stellungnahme des CVJM

  • „Als CVJM beheimaten wir viele Menschen in unterschiedlichen Gruppen, mit unterschiedlichen Meinungen. Die Gruppe Grace 1 ist eine davon“, heißt es in einer vom CVJM Schorndorf in der Winterausgabe seiner „Über uns“-Broschüre abgedruckten Stellungnahme, die sich ausdrücklich auf den Zeitungsartikel zur Veranstaltungsreihe „Kirche und Homosexualität“ bezieht. Und in der ausdrücklich festgestellt wird, dass „Menschen, die homosexuell empfinden, einen festen Platz in unserer Jugendarbeit haben, sowohl als Teilnehmer unserer Angebote, aber auch als Mitarbeiter unserer Kreise und Gruppen“.
  • Dass der CVJM nicht bereit ist, sich über seine schriftlichen Stellungnahmen hinaus zu äußern, erklärt der Christliche Verein Junger Menschen in Verbindung mit dem Vorwurf, dass ihm früher die Gelegenheit hätte gegeben werden sollen, Hintergründe zu erläutern und Missverständnisse auszuräumen, folgendermaßen: „Wir ziehen die persönliche und interne Diskussion vor, auch wenn dies unter Umständen als Schweigen gedeutet wird. Eine öffentliche Diskussion auf Kosten der betroffenen Menschen birgt die Gefahr persönlicher Ehr- und Gefühlsverletzungen.“ Als wenn die in dieser Geschichte nicht schon längst passiert wären.

Unsere bisherige Berichterstattung:

13.10.2018: Veranstaltungsreihe in Schorndorf endet mit Eklat

15.10.2018: Plakataktion und Austrittsdrohungen nach Eklat in Schorndorf

16.10.2018: Stellungnahme des CVJM zur Berichterstattung

17.10.2018: Landeskirche: Fuchslochs Verhalten nicht nachvollziehbar

19.10.2018: Podcast: Homosexualität und Kirche

22.10.2018: Synode: Diskriminierung passt nicht zu Wertebild

22.10.2018: Kommentar: Zur Würde des Menschen gibt es keine zwei Meinungen

15.11.2018: Stellungnahme der Versöhnungskirche

24.11.2018: Fuchslochs knappe Entschuldigung

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