Klinikum Winnenden Kinderschutzprojekt vor dem Aus

Wenn ein Kind Opfer von Gewalt wird, stehen die Ärzte in der Kinderklinik vor einem Dilemma. Foto: Pixabay (Lizenz CC0 Public Domain)

Winnenden. Auf ein Schwarzer Peter-Spiel lässt sich Landrat Richard Sigel nicht ein. Schließlich ist er sowohl Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken als auch Chef der Mitarbeiter im Kreisjugendamt. Das gemeinsame Kinderschutzprojekt der Kinderklinik mit dem Jugendamt steht gleichwohl vor dem Scheitern. Wer ist schuld?

Bisher hat noch keine einzige Schulung für Klinikmitarbeiter stattgefunden. Mangels Anmeldungen. Und auch der Jugendhilfeverbund der Paulinenpflege Winnenden als Projektträger stellte fest, dass im ersten halben Jahr nur zwei Beratungen nachgefragt wurden. Das Kinderschutzprojekt sollte Kinderärzte aus ihrer moralischen Zwickmühle helfen, wenn sie bei einem ihrer kleinen Patienten Missbrauch oder Gewalt vermuten und gern das Jugendamt informieren würden, gleichzeitig aber der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen.

„Wir sehen schon ganz oft Missbrauch, aber es ist nicht unser medizinischer Auftrag, für die ambulante Nachsorge bei einem Kind zu sorgen, wenn es die Kliniken verlassen hat“, sagte Claudia Bauer-Rabe, Klinikleiterin des Rems-Murr-Klinikums Winnenden, im Sommer 2017. Damals hat der Jugendhilfeausschuss des Kreistages das Projekt beschlossen. Mit einem niederschwelligen Beratungsangebot durch eine Fachkraft wollten Kliniken und Jugendamt den Mitarbeitern aus ihrem Dilemma helfen. Die Eltern sollten sich freiwillig auf eine Beratung einlassen.

Fehlende Teilnehmer

Im 1. März 2018 lief das Kinderschutzprojekt an. Doch die Resonanz war mehr als kläglich. Nach einem halben Jahr führten Klinik, Jugendhilfeverbund und Kreisjugendamt ein ausführliches Gespräch, wie das Projekt doch noch ins Laufen gebracht werden könnte, berichtet Jugendamtsleiter Holger Gläss dem Jugendhilfeausschuss des Kreistages. So sollten die ganztägig angesetzten Schulungen auf zwei je dreistündige Schulungen gestutzt werden. Die sogenannte Wegweiserberatung für hilfesuchenden Familien wurde ganz gestrichen, weil der psychologische Dienst der Kinderklinik diese Aufgabe erbringt. Und die angestellte Fachkraft sollte nicht mehr däumchendrehend in der Klinik herumsitzen, sondern stand nur noch auf Abruf bereit. – Der Erfolg blieb wieder aus.

Aufgrund fehlender Anmeldungen habe bisher keine einzige Schule für die Klinikmitarbeiter stattgefunden, bemängelt das Jugendamt in der Vorlage für die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses. Seit März 2018 seien lediglich zwei Beratungssequenzen mit der Fachkraft zustandegekommen „und damit die abgesprochenenden Zielgrößen bei weitem verfehlt worden“, heißt es in der Vorlage weiter. Holger Gläss hat offenbar die Hoffnung begraben, dass das Projekt jemals ins Laufen kommt, wartet aber für eine Beerdigung ein weiteres Gespräch am 22. März mit den Kliniken ab.

SPD-Kreisrat Alexander Bauer wundertn die zögerlichen Anmeldungen für die Schulungen seitens der Klinikmitarbeiter nicht. Sie seien mit ihrer normalen Arbeit sowieso überlastet, mutmaßte er in seiner Wortmeldung,dass es auch am notwendigen Druck der Klinikleitung gefehlt habe. Eine Vermutung, die Landrat Sigel zurückwies. Die Kliniken hätten schließlich kundgetan, sich an dem wichtigen Projekt zu beteiligen wollten und tragen die Hälfte der Kosten von fast 52 000 Euro für drei Jahre. Das mögliche Scheitern habe „nichts mit der täglichen Belastungen der Mitarbeiter zu tun“, betonte Sigel.

Projekt optimieren

Ziel des Kinderschutzprojektes ist es, für den langjährig bestehenden Kinderschutz an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ein direktes Bindeglied zum Jugendamt zu schaffen und dadurch Wege zu verkürzen, nehmen die Rems-Murr-Kliniken Stellung zum Projekt, das vor dem Scheitern steht: „Hierbei sehen alle Beteiligten Verbesserungspotenzial. In Kürze loten wir deshalb in einem gemeinsamen Termin aus, wie das Projekt optimiert werden kann.“

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