Klischees über Berufe Lehrer: Die Besserwisser mit den langen Ferien

Peter und Kristine Beck lieben ihren Beruf als Lehrer. Foto: ZVW/Gariel Habermann

Waiblingen. Investmentbanker sind skrupellos, Professoren verpeilt, Kreative trinken dauernd Kaffee und Beamte schlafen am Schreibtisch: Klischees über Berufe gibt es viele – und wenn sie uns nicht selbst betreffen, finden wir sie mitunter durchaus zutreffend. Sind wir selbst gemeint, ist allerdings Humor gefragt – und dann und wann auch eine klare Antwort. Wir fragen Menschen aus besonders gebeutelten Berufsgruppen, wie sie mit den Vorurteilen umgehen. Heute: Kristine und Peter Beck. Beruf: Lehrer.

Wir befinden uns mitten in den Sommerferien. Kaum zu glauben, dass Kristine und Peter Beck Zeit für ein Gespräch über Klischees haben. Sie sind nicht bereits am letzten Schultag mit dem Wohnmobil sechs Wochen lang verreist. Das Lehrerehepaar aus Waiblingen besitzt gar kein Wohnmobil und ist auch nicht in allen Ferien im Urlaub – womit bereits das erste Klischee über Lehrer widerlegt wäre. Dafür haben die beiden zum Gespräch eine Liste mitgebracht, auf der sie schon im Vorfeld viele Vorurteile über ihren Beruf aufgeschrieben haben (Merke: Lehrer bereiten sich prima vor).

Bei diesem Beruf kann jeder mitreden

Lehrer sind Besserwisser, Lehrer sind faul, Lehrer sind bei hitzefrei als erste aus dem Schulhaus: Es ist eine lange Aufzählung geworden, denn, hola, über Lehrer kursieren viele Klischees. Was möglicherweise daran liegt, dass sich bei diesem Beruf jeder kompetent fühlt und bereit ist, seine Meinung abzugeben. Waren wir nicht alle mal in der Schule? Haben wir nicht schon endlos lange Elternabende hinter uns gebracht? Und wissen wir nicht genau, was die Lehrer unserer Kinder falsch machen und was in den Klassen abgeht?

Bei solchen Vorstellungen können Peter (60) und Kristine Beck (60) nur müde lächeln. Für die Lehrerin an einer Werkrealschule in Fellbach und den Rektor der Welzheimer Kastell-Realschule ist das Lehrersein auch noch nach vielen Jahren ein Traumberuf. Ein Halbtagsjob, den man mal eben so macht, wie viele ätzen, ist er aus ihrer Sicht aber ganz und gar nicht. „An meine Kinder kommt man nur ran, wenn man mit ihnen eine Beziehung aufbaut“, sagt Kristine Beck. Das versucht sie mit viel Engagement und nicht zuletzt mit Humor. Wenn sie manche Schüler trotzdem nicht mehr erreicht – „weil die so viel Ballast zu Hause haben“ – empfindet sie dies als persönliche Niederlage. Dazu kommen immer öfter hemmungslose Mütter und unverschämte Väter: Manche Eltern seien inzwischen richtig beleidigend, erzählt Peter Beck. Kein Wunder, dass Becks mitunter hören: Deinen Job möchte ich nicht machen.

Habt ihr schon wieder Urlaub?

Habt ihr schon wieder Urlaub?, heißt es dann aber vor den Ferien. „Mein Lieblingsklischee ist ja, dass Lehrer vormittags recht und nachmittags frei haben“, bemerkt Kristine Beck süffisant. 27 Unterrichtsstunden hat ein Lehrer bei einer Vollzeitstelle. Geht man von einer 40-Stunden-Woche aus, bleibt nur wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung der Stunden, Korrekturen und Konferenzen, rechnet Peter Beck vor. Lehrer hätten unterm Strich auch nicht mehr als sechs Wochen Urlaub im Jahr, seien aber flexibler als andere Berufsgruppen, weil sie auch nachts oder im Urlaub korrigieren könnten. Diese Arbeitszeiten würden gern mal übersehen. Dazu passt die Einschätzung von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der Lehrer einmal als „faule Säcke“ bezeichnete. Günther Oettinger hielt Lehrer über 50 für „faule Hunde“. Wobei Politiker mit solchen Klischees vielleicht besonders vorsichtig sein sollten. Nicht nur, weil ihre Aussagen medienwirksam die Runde machen, sondern auch, weil sie im Glashaus sitzen: Auch über Politiker sind viele wenig schmeichelhafte Klischees im Umlauf.

Welche Vorurteile stimmen?

Was beiden Berufsgruppen, Lehrern wie Politikern, gern mal unterstellt wird, ist keine Ahnung vom wirklichen Leben zu haben. Mag sein, dass dies auf manche Vertreter zutrifft – auf Kristine und Peter Beck, die beide einen zweiten Beruf gelernt haben und Eltern einer erwachsenen Tochter sind, bestimmt nicht. Sie ist gelernte Krankenschwester, er ist Informatiker und sitzt außerdem für die SPD im Gemeinderat. Wobei wir hier schon wieder beim nächsten Klischee wären: SPD-Stadträte sind meistens Lehrer... Zeit haben sie ja, mag der eine oder andere jetzt denken. Es sei denn, sie sind gerade im Schullandheim und machen dort Urlaub. . . Ein bisschen fassungslos macht dieses Klischee die Lehrer schon. „Da steigt man nach dem Schullandheim aus dem Bus aus und ist froh, dass alles gut gegangen ist und alle ohne Blessuren zurück sind“, erzählt Kristine Beck. Geschlafen habe man kaum, die Reise auch noch selbst bezahlt. „Und dann wird man gefragt, wie es im Urlaub war.“ Doch die Schüler seien dankbar und solche Zeiten mit den Jugendlichen halten beide Becks für ausgesprochen wichtig.

Und welche Klischees stimmen - wenigstens zum Teil? „Na ja“, räumt Kristine Beck ein: Manche Lehrer seien schon Besserwisser. „In jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit“, ergänzt ihr Mann. Über die Jahre sind sie gelassener geworden – auch im Umgang mit lästigen Vorurteilen. Beide würden sich für ihren Job jederzeit wieder entscheiden. Und Menschen, die ihnen die vermeintlich langen Ferien vorhalten, antwortet Kristine Beck heute nur noch lapidar: „Augen auf bei der Berufswahl“.

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