Klischees über Berufe Sind Friseure schlecht verdienende Psychologen?

Rosa Ben und Simon Collier sind mit ihrem Beruf als Friseure glücklich. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen/Weinstadt. Frauen kennen Bad-Hair-Days, also Tage, an denen die Haare überhaupt nicht sitzen, und viele finden einen guten Haarschnitt wichtiger als teure Klamotten. Andererseits müssen sich Friseure fragen lassen, was um Himmels willen sie in drei Jahren Ausbildung lernen, denn: „Haare schneiden kann doch jeder.“ Überhaupt bekommen Friseure vieles zu hören. Nicht nur Klischees über ihren Beruf, sondern auch Klatsch, Tratsch, Krankendiagnosen und ganze Lebensgeschichten.

„Erzähl das doch deinem Friseur“, sagen manche, wenn sie einen Vielsprecher genervt zum Schweigen bringen wollen. Und tatsächlich: Während die neue Haarfarbe aufgetragen wird, die Haare geschnitten werden oder die Frisur geföhnt wird, fangen viele Kunden an zu erzählen. Scheidungen, Fremdgehen, Techtelmechtel: Es gibt fast nichts, was ein Friseur nicht zu hören bekommt. „Ein Friseur ist für manche auch eine Art Psychologe“, sagt Simon Collier, Inhaber des Friseursalons Haarclub in Endersbach. Abends könnte er rein körperlich oft noch arbeiten, aber der Kopf sei voll. „Am besten ist es, wenn wir uns diese Geschichten merken und beim nächsten Mal wieder darauf eingehen können“, meint seine Mitarbeiterin Rosa Ben. „Man lebt mit den Kunden, man kennt sie“, ergänzt Collier: „Es nimmt einen mit, wenn sie krank sind.“

„Friseusen sind blond und blöd“

Der Endersbacher Salon hat viele Stammkunden, die ihren Friseur vermutlich zu schätzen wissen. Aber auch Simon Collier und Rosa Ben kennen die vielen Klischees über ihren Berufsstand. Das typische Klischee laut Collier: „Friseusen sind blond und blöd und Friseure schwul.“ Die Klischees über schwule Friseure würden durch Starfriseure wie Udo Walz befeuert. Meist würden solche Klischees aber nicht offen ausgesprochen. Beim abwertenden Begriff „Friseusen“ weist Simon Collier darauf hin, dass seine Kolleginnen schon lange „Friseurinnen“ sind. Ansonsten lässt er sich seinen Beruf dadurch ebenso wenig vermiesen wie seine Mitarbeiterin Rosa: „Viele denken ja, das bisschen Haareschneiden“, weiß sie. Ein guter Friseur müsse aber den Stil des Kunden erkennen und seine oft vage geäußerten Wünsche umsetzen können. Schneiden, tönen, färben: „Das kann nicht auf Youtube gelernt werden“, stellt sie klar. Nicht ohne Grund habe man während der dreijährigen Ausbildung zum Friseur viel Chemieunterricht. „Da kann man ganz viel falsch machen.“ Und nur weil Friseure wenig verdienten, bedeute das noch lange nicht, dass sie nichts dazulernen: „Man muss sich ständig weiterbilden.“

Das Gehalt liegt bei rund 1 600 Euro brutto

Kein Klischee ist der schlechte Verdienst der Friseure – das Gehalt liegt im Schnitt bei rund 1600 Euro brutto – und die Geiz-ist-geil-Mentalität, die vielen Billigfriseuren Zulauf beschert. Seit einiger Zeit meint Simon Collier hier allerdings eine Veränderung zu bemerken. Die Leute seien wieder bereit, für Schönheit mehr auszugeben. Was in südlichen Ländern ganz normal sei, wie die Spanierin Rosa weiß.

Was hier viele normal finden: einen Friseur, egal wann und wo, zu bitten, mal kurz die Haare zu inspizieren, einen Rat zu geben oder zur Schere zu greifen. „Ja, wie ... du hast deine Schere nicht dabei?!“, wird Simon Collier im Urlaub gefragt und auch Rosa Ben wird immer wieder aufgefordert, „kurz mal die Haare zu schneiden“. „Mach einen Termin aus“, sagt Collier dann, der seinen Beruf noch nach vielen Jahren als Berufung bezeichnet. „Ich lebe für meinen Beruf“, sagt er. „Ich schaffe nicht zehn, zwölf Stunden fürs Finanzamt, sondern deshalb, weil ich den Beruf gerne mache.“

Kreativ sein und mit Menschen arbeiten, das wollen viele, weshalb es nach Angaben Colliers auch viele Friseure mit Abitur gibt. Er selbst legt als Arbeitgeber keinen großen Wert auf den Schulabschluss seiner Bewerber: Kreativität, sagt er, habe schließlich nichts mit dem Bildungsgrad zu tun.


Zuerst ein Praktikum

Simon Collier wollte eigentlich Koch werden. Bei einem Praktikum merkte er dann aber, dass ihm das nicht liegt. Mit dem Friseurberuf hat er eigenen Worten zufolge seine Berufung gefunden.

Ein Praktikum bei einem Friseur hat Rosa Ben um ein Haar den Berufswunsch ausgetrieben, weil sie nur putzen musste. Beim zweiten Praktikum hat sie gemerkt: Es ist super.

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