Klischees über Berufe Sind Pfarrer wirklich weltfremd und abgehoben?

Pfarrerin Antje Fetzer entspricht kaum einem der Klischees, die Menschen über Pfarrer haben. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Pfarrer sind salbungsvoll, verschroben und weltfremd. Pfarrer sind super fromm, beten den ganzen Tag, arbeiten aber nur sonntags. Vor allem aber sind Pfarrer Männer. Und sie haben, sofern sie evangelisch sind, große glückliche Familien, mit denen sie im Pfarrhaus ein ruhiges Leben führen. Über solche Klischees kann Pfarrerin Dr. Antje Fetzer nur lachen. Sie ist eine Frau, alleinstehend, promoviert. Und sie hat Sinn für schwarzen englischen Humor.

Über die britische Komikergruppe Monty Python und Filme wie „Das Leben des Brian“ kann sie sich schieflachen. Und weltfremd ist die 51-Jährige ganz bestimmt nicht. Nein, Antje Fetzer, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Waiblingen, passt nicht zu den gängigen Pfarrer-Klischees. Aber sie kennt sie gut. „Was! Du ...?!“, sei sie früher des Öfteren ungläubig gefragt worden, wenn sie auf Unifesten erzählte, was sie studiert. Dass viele meinen, Pfarrer schweben über den Dingen, kann sie in Teilen aber verstehen. Pfarrer beschäftigten sich schließlich mit den großen Sinnfragen im Leben. Da könnten Fragen der Stromrechnung schon mal außen vor bleiben, sagt sie und lacht. „Aber ich habe auch einen Haushalt, den ich bewältigen muss, und auch Pfarrer müssen nach einer Beerdigung wieder ins Leben finden.“

„Wenn du’s schön haben willst, studier’ Theologie“

Dass manche Pfarrer ein bisschen salbungsvoll wirken, bestätigt Antje Fetzer gern – und auch, dass sie selbst da keine Ausnahme ist. „Meine Rolle ist, dass sich alle wohlfühlen.“ Das schlägt sich nieder. Glaubt man dem Klischee, müssen sich aber auch die Pfarrer super-wohl fühlen mit ihrer Life-Work-Balance: „Wenn du’s schön haben willst, studierst du Theologie“, hatte der Vater einer Konfirmandin seiner Tochter mal geraten. „Dann musst du nur sonntags arbeiten.“

Von einer Ein-Tags-Woche ist die Waiblinger Pfarrerin weit entfernt. Auf 45 bis 60 Stunden kommt Fetzer mit ihrer Vollzeitstelle lässig – Kaffeetrinken nach Beerdigungen inklusive. Aber das wird von Pfarrern eben auch erwartet. Für die älteren Pfarrer sei das kein Problem gewesen, weiß Fetzer. Jene Pfarrer, deren Ehefrau sonntags noch die Orgel spielte, dem Mann den Rücken freihielt und den Frauenkreis leitete.

"Familie und Beruf zusammen geht nicht"

Auch das gehört noch zum Klischee des evangelischen Pfarrers: Er ist ein Mann mit Frau und Familie. Sie persönlich habe noch nie einen Nachteil gehabt, weil sie eine Frau ist, sagt Antje Fetzer. „In gewisser Weise habe ich es dadurch sogar leichter: Bei mir weiß man schon, was man mitkriegt. Es ist klar, ich kann nicht ganz konservativ sein.“ Sie selbst, sagt sie, habe früh gelernt, dass sie sich zwischen Familie und Beruf entscheiden müsse: „Ich habe einen Männerberuf, bin Gemeindeleiterin und akademisch profiliert ... Das sind Dinge, die Distanz schaffen.“ In diesem Zwiespalt sei sie groß geworden. „Familie und Beruf zusammen geht nicht.“

Als große Bereicherung empfindet es die 51-Jährige, dass sie diese Grenzen des Klischees sprengen darf, dass sie als Pfarrerin keine Familie haben muss. Allerdings, sagt sie, wäre es dann auch manchmal leichter für sie: „Ich könnte sagen, ich muss nach Hause zu meiner Familie.“

Als Pfarrer nicht zu unnahbar sein

Als ethisch unfehlbar und als Menschen mit Vorbildfunktion werden Pfarrer meist wahrgenommen. Wobei – zu unnahbar sollte ein Pfarrer auch nicht sein. „Sonst wirkt man unmenschlich“, weiß Fetzer. Und auch für einen selber sei’s schön, wenn man mal die Rolle verlassen könne. Die Klischees in den Köpfen, die Rollenerwartungen der Umwelt: Für einen Pfarrer sind sie auch ein Vorteil. Als Vikarin habe sie den Talar sehr entlastend empfunden, weil er ihre Rolle nach außen klar mache. „Ich finde es wichtig, dass Pfarrer durch ihre Persönlichkeit überzeugen“, betont Antje Fetzer. Doch der Vertrauensvorschuss, den die Menschen dem Pfarrer entgegenbringen, ist ihr bewusst. Und sie ist dankbar dafür

Sie selbst respektiert die Rollenzuschreibungen ihres Umfelds – mehr als sie müsste, wie sie sagt. „Ich bin auch in den Klischees gefangen“, sagt sie selbstkritisch. Nicht alle Pfarrer passten sich den Rollenklischees an, aber die müssten mit Gegenwind rechnen. Sie selbst sei ein vermittelnder Typ, weiche Konflikten nicht aus, suche aber auch keine. Antje Fetzer ist eine, die gern auf Menschen zugeht und auf sie eingeht. Aber ein bisschen freier, sagt sie, wäre sie schon gern.

 


Pfarrer im Fernsehen

Den Beruf des Pfarrers finden offenbar viele Menschen faszinierend. Aus dem Fernsehen jedenfalls sind Pfarrer als Film- und Serienhelden nicht mehr wegzudenken. Und das, obwohl Skandale die Kirchen erschüttern und die Zahl der Kirchenaustritte immer weiter steigt.

1988 startete die ARD-Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“: Sie gilt als Prototyp der deutschen Pfarrer-Serie.

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