Klischees über Berufe Sind Politiker faul, machtgierig und korrupt?

Dr. Joachim Pfeiffer ist seit 17 Jahren Mitglied im Bundestag. Als Berufspolitiker sieht er sich trotzdem nicht. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Sie gelten als faul, machtgierig und korrupt: Politiker belegen im Ranking der Berufe einen der hintersten Plätze. Noch schlechter schnitten dieses Jahr bei einer Forsaumfrage nur Vertreter von Werbeagenturen und Versicherungen ab. Vor allem haftet Politikern der Ruf an, von der wirklichen Welt keine Ahnung zu haben. Über die hartnäckig schlechten Berufsklischees über Politiker haben wir uns mit Joachim Pfeiffer unterhalten, Bundestagsabegordneter der CDU seit 17 Jahren.

Wenn sich jemand mit Politikerklischees auskennen muss, ist es wohl jemand wie der Vollblutpolitiker Joachim Pfeiffer: Schon mit zwölf wollte der Urbacher, Jahrgang 1967, in die Junge Union eintreten (wurde aus Altersgründen aber erst mal abgelehnt), saß acht Jahre im Urbacher Gemeinderat, ist seit 1996 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Verband Region Stuttgart und seit 2002 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Waiblingen. Ein Mann also, der sich der Politik voll verschrieben hat. Also, Herr Pfeiffer: Was ist dran an den miserablen Berufsklischees von Politikern?

„Man ist wie ein Hamster im Rad“

Falsche Frage, findet Pfeiffer. Auch wenn er schon 17 Jahre lang vollumfänglich Politik macht: Politiker zu sein sei für ihn kein Beruf, sondern eine Berufung auf Zeit. „Ich bin ein politischer Mensch, der sich früh für Politik interessiert hat“, spezifiziert er. Als Bundestagsabgeordneter sei er immer im Dienst, sieben Tage die Woche. „Es wird nie langweilig. Das treibt mich an.“ Andererseits, räumt er ein, sei sein Leben anstrengend, weil der Ausgleich zu kurz komme. „Man ist wie ein Hamster im Rad“, sagt der 52-Jährige. Schon lange trenne er nicht mehr zwischen Politik und Privatem, Arbeit und Freizeit. „Ich mache mein Interesse zur Arbeit. Sonst ginge es nicht.“

Einer, der so lebt und tickt, muss das Klischee vom faulen Politiker total ungerecht finden. Und in der Tat: Dass angesichts leerer Reihen im Bundestag viele meinen, Politiker kriegten ihr Geld fürs Nichtstun, ärgert Pfeiffer durchaus. Zumal ihm manche Praktikanten schon bescheinigt hätten, ein solches Pensum wie er niemals leisten zu wollen. Früher sei er noch joggen gegangen, heute bleibe für Freizeit und Privatleben keine Zeit mehr. Aber, sagt Pfeiffer: „Den Preis muss man zahlen.“

Vom Leben keine Ahnung?

Und wofür? Weil Politiker Machtmenschen sind, halten ihnen manche kritisch entgegen. Joachim Pfeiffer dagegen hält das Streben nach Macht nicht unbedingt für schlecht: Demokratie lebe ja vom Mitmachen und davon, etwas verändern zu wollen. Dazu seien oft auch Kompromisse nötig, die Pfeiffer aber keineswegs als Scheinkompromisse verstanden haben will. „Auch das Klischee, dass Politiker ihr Fähnlein nach dem Wind hängen, schließe ich für mich aus“, sagt der 52-Jährige entschieden. „Man muss seine Werte haben.“ Auch wenn er sich anderen Meinungen im Interesse seiner Partei auch mal anschließen müsse.

Politiker, die in ihren eigenen Zirkeln schmoren und vom wahren Leben keine Ahnung haben: Auch das ist ein Klischee, das Abgeordneten gern mal unterstellt wird. Und das der CDU-Mann angesichts der täglichen Flut von E-Mails energisch bestreitet. „Jeder teilt einem jeden Tag alles mit“, sagt er. Täglich bekomme er rund 5000 Mails und Faxe mit unterschiedlichen Themen vom Behördengang bis zu globalpolitischen Fragen. Dazu kommen anonyme Briefe mit meist wenig lobendem Inhalt. Derzeit erhält er interessanterweise besonders viele Mails zum Thema „Rettet den Wolf“ und zur Impfpflicht: „Es gibt nichts, was einen nicht erreicht“, versichert er.

"Die Politik ist das Spiegelbild der Gesellschaft"

Mit all dem müssten sich Politiker auseinandersetzen und sich dazu eine Meinung bilden. „Dazu brauche ich eine gewisse Unabhängigkeit“, betont Pfeiffer.

Und was ist mit dem Klischee vom korrupten Politiker, der sich vor Abstimmungen schmieren lässt? „Die Politik ist das Spiegelbild der Gesellschaft“, kontert Pfeiffer. Politiker seien genauso viel oder so wenig korrupt wie jeder andere. Wenn einer im Einkauf eines Unternehmens arbeite, gehe es auch nicht immer mit rechten Dingen zu, meint er. Eins sollten sich Politiker aber ebenso wie Vertreter anderer öffentlicher Ämter immer wieder klarmachen: „Die Wertschätzung wird dem Amt entgegengebracht und nicht der Person ... Wenn ich als Bundestagsabgeordneter irgendwo hinkomme, werde ich anders begrüßt als eine Privatperson.“

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