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Köln/Berglen AfD: Petrys Sturz und Özkaras Beitrag

Köln/Berglen. Frauke Petry ist raus: Bereits vor dem Bundesparteitag der AfD am Wochenende in Köln hat sie ihren Anspruch auf die Spitzenkandidatur im Bundestagswahlkampf ad acta gelegt. Ihre gut vernetzten Gegner haben gesiegt. Unter ihnen: Ralf Özkara aus den Berglen, baden-württembergischer AfD-Landesvorsitzender und Freund von Petrys Intimfeind Jörg Meuthen.

Der Spiegel nennt ihn einen „Verschwörer“: Anfang April habe Ralf Özkara sich im „Separee“ eines Hotels „am Marktplatz von Goslar“ mit einem „halben Dutzend AfD-Männern“ getroffen, darunter Björn Höcke, der Thüringer Landeschef mit dem faschistoiden Zungenschlag. Thema der konspirativen Runde: Wie entmachten wir die Petry?

Mitgliederbasis votierte für Kollektivlösung

„Das hat der Spiegel grundsätzlich schon richtig wiedergegeben“, sagte Özkara noch am Mittwochvormittag, wenige Stunden, bevor Frauke Petry das Handtuch warf. Im Kern gehe es um die Frage: Zieht die AfD in den Bundestagswahlkampf mit einer alleinigen Spitzenkandidatin oder einem Team aus gleichberechtigten Köpfen? Die Mitgliederbasis habe bei einer Onlinebefragung für eine Kollektivlösung votiert.

Als Solo-Frontfrau wohl keine Mehrheit

Und damit komme eine „Einzelkandidatur nicht infrage“ – falls Petry darauf bestehen sollte, die Solo-Frontfrau zu geben, werde sie beim Parteitag „für ihre Position vermutlich keine Mehrheit kriegen“. In einem Team hingegen könne „wegen mir auch eine Frauke Petry“ ein Plätzchen finden, „die Hand ist ausgestreckt“. Aber was, wenn sie sagt, ich will alles oder nichts? Das wäre „ein Verlust“, schließlich „ist sie schon unser mediales Gesicht“, sagte Özkara; und klang dabei nicht, als breche er gleich in Tränen aus.

Petry steht weder allein noch für Team zur Verfügung

Kurz darauf war es offiziell, um 14.25 Uhr vermeldete dpa: Petry habe erklärt, dass sie „weder für eine alleinige Spitzenkandidatur noch für eine Beteiligung in einem Spitzenteam zur Verfügung stehe“.

Anekdote mit Hauptfigur Meuthen

Frauke Petry ist in der AfD schon lange umstritten. Der Spiegel veranschaulichte die „kleinen Fiesheiten“, mit denen sie innerparteiliche Konkurrenten demütigte, unlängst an einem süffigen Beispiel. Hauptfigur der Anekdote: Jörg Meuthen, Backnanger Landtagsabgeordneter, Özkara-Vertrauter und neben Petry formal gleichberechtigter Co-Bundeschef, wenn auch in der Hackordnung der „ewige Zweite“, wie „Die Zeit“ einmal schrieb. Neulich habe Meuthen im „Feindesland“, bei einer Veranstaltung der AfD Nordrhein-Westfalen, wo Petrys Gatte Marcus Pretzell herrscht, als Redner die Bühne geentert; und sei vom Moderator „zurückgepfiffen“ worden. Für jeden Auftretenden sei eine Einmarschmusik vorgesehen, erklärte der Einpeitscher, Meuthen aber sei gestartet, bevor die Dröhnung einsetzte: „Das machen wir jetzt noch mal!“ Worauf Meuthen sich vom Podium trollen und zu den Klängen von „Preußens Gloria“ erneut hochtrotten musste wie ein „lustloser Tanzbär“. Das Publikum, „inklusive Petry, lachte amüsiert“.

Machtfrage mit programmatischer Festlegung verknüpfen

Noch bis Mittwoch früh sah es so aus, als wolle Petry ihren Führungsanspruch durchsetzen, indem sie beim Parteitag versuchen würde, die Machtfrage mit einer programmatischen Festlegung zu verknüpfen: Sie hatte einen Antrag vorbereitet, wonach die AfD „völkischen und nationalistischen Ideologien“ entsagen solle.

Man mag das heuchlerisch finden – schließlich hatte dieselbe Petry vor gar nicht langer Zeit, als es ihr opportun erschien, mit verbalem Gezündel zu punkten, noch erklärt: Man müsse „daran arbeiten“, dass der Begriff des Völkischen „wieder positiv besetzt“ werde. Taktisch indes schien der Vorstoß durchaus pfiffig: Liebe AfD-Freunde, wenn ihr mich kaltstellt, stärkt ihr den stramm rechten Nationalistenflügel um Björn Höcke und vergrault bürgerliche Wähler!

Gegenplan von Petry-Gegnern um Özkara

Indes: Auch die Petry-Gegner um Özkara sind keine Anfänger in der Kunst der macchiavellistischen Kabale und hatten bereits einen Gegenplan ausgeheckt – sie wollten per Parteitagsmehrheit die „Nichtbefassung“ mit Petrys Antrag beschließen. Sprich: Die Frage, wie es die AfD mit der Abgrenzung nach ganz weit rechts draußen hält, erörtern wir erst gar nicht. Über derlei, sagte Ralf Özkara am Mittwochvormittag, könne man „später diskutieren“.

Gegner waren immer einen Schritt weiter 

Petry muss zuletzt gespürt haben, wie einsam es um sie wurde: Egal, was sie auch versuchte – ihre Gegner waren ihr immer einen Schritt voraus, für jeden Hakenschlag hatten sie einen Antwort-Winkelzug, und hinter den Kulissen schmiedeten sie fleißig Mehrheiten. Auf den „Nichtbefassungs“-Plan zum Beispiel hatten sich offenbar vorab die einflussreichen Landesverbände Baden-Württemberg und Bayern verständigt.

Özkara und Höcke unter den Siegern 

Sieger gibt es jetzt mehrere: Ralf Özkara, der als Landesvorsitzender ein erstes Gesellenstück in Sachen Machtmanagement abgeliefert hat; den thüringischen Rechtsausleger Höcke – Petry hatte seinen Parteiausschluss zu betreiben versucht; diverse AfD-Gruppierungen im Osten – sie hatten in den vergangenen Tagen gegen Petry Front gemacht, indem sie auf Facebook posteten: „Denkverbote“ in der politischen Debatte dürfe es nicht geben. Eine „rote Linie“ gegen Rechtsaußen? Nicht mit uns!

Auch Meuthen wird schmunzeln

Und noch einer wird jetzt wohl schmunzeln: Jörg Meuthen aus dem Landtagswahlkreis Backnang. Manchen gilt der Professor ja als gutbürgerliches Vorzeigegesicht der AfD; im Machtkampf mit Petry aber hat er sich auf die Seite Höckes geschlagen, Galionsfigur der Völkischen. Vielleicht ist diese vorderhand schräge Koalition in Wahrheit das Allertypischste für die Verhältnisse in der AfD – in dieser von einem Netz aus Spinnefeindschaften umsponnenen Partei gilt jenseits aller ideologischen Differenzen offenbar vor allem ein Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Doch kein Rückzug? Die alternative Deutung

„Ein Rückzug ist das nicht“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung Frauke Petrys Entscheidung – „im Gegenteil: Sie will die Partei noch stärker auf sich selbst ausrichten“, auf einen „realpolitischen Weg“ lenken. Petry glaube, dass ein Kurs, der auf „größtmögliche Provokationen“ setze, Wählerstimmen im bürgerlichen Lager koste. Deshalb versuche sie seit längerem, „die Partei in der Öffentlichkeit von den radikalen Ausbrüchen Björn Höckes und anderer zu distanzieren“, während Akteure wie Alexander Gauland oder auch Jörg Meuthen „Höckes rechtsextreme Auftritte“ eher heruntergespielt hätten.

Als sich nun abzeichnete, dass Frauke Petrys Gegner die Forderung, sich von „völkischen und nationalistischen Ideologien“ zu distanzieren, beim Parteitag via Nichtbefassungsantrag debattenlos beiseiteräumen würden, zog sie die Notbremse. Und könnte sich künftig umso leichter als Stimme der Vernunft, als „moderate und bürgerliche Realo-Politikerin“ profilieren.

Ob das funktionieren wird, bezweifelt indes selbst die Süddeutsche: „Der Paukenschlag vom Mittwoch könnte Petry helfen – oder ihr politisches Ende in der AfD einläuten.“

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