Kommentar Scharmann und der "Zug der Mütter"

Was OB Michael Scharmann nicht begriffen hat. Foto: Palmizi/Büttner/ZVW

Die gute Nachricht zuerst: Der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann hat nach unserer Berichterstattung zum „Zug der Mütter“, der reichlich unglücklich konzipierten Weinstädter Gartenschau-Eröffnungsfeier, verlautbart, dass bei der Feier nicht nur Mütter, sondern „jede und jeder“ willkommen ist. Die schlechte Nachricht: Scharmann hat dies in Facebook getan, und zwar in einer Replik an Kritiker des Events und vor allem an eine Bürgerin, die beim Begriff „Zug der Mütter“ einen seltsamen Nachgeschmack monierte und sich an Zeiten des Mutterkreuzes erinnert fühlte.

Nun muss man den Organisatoren gewiss keine Nazi-Gesinnung unterstellen. Sicher ist aber, dass das Gartenschau-Event, das sich ausschließlich an Mütter, deren (Ehe-)Männer und Kinder wandte, die den Müttern zu Ehren eine Hymne singen sollten, viele Weinstädter und vor allem Weinstädterinnen unangenehm berührt hat. Mütter, die im Zug zum Gartenschaugelände ziehen und dort von ihren Kindern besungen werden: Offenbar ist es sogar bis zur Stadtverwaltung vorgedrungen, dass dieses verstaubte Frauen- und Familienbild viele Menschen höchst seltsam finden. Der erste Flyer jedenfalls, in dem die Kinder noch „eine bewegende Hymne“ singen sollten (wörtlich!) und die Mütter bei ihrem Zug weitgehend die gleichen Kleider tragen sollten, wurde inzwischen von einer neuen, leichteren Version ersetzt.

Dass Scharmann flexibel ist, zeigt sich nun auch nach der Berichterstattung der Zeitung. Nun also ist „jede und jeder“ eingeladen – und das ist gut so. Gleichwohl scheint der Weinstädter Oberbürgermeister aus der Kritik nichts gelernt zu haben. Wer mit dem Muttertag nichts anfangen könne, schreibt Scharmann in der Weinstädter Facebook-Gruppe, oder sich sonst irgendwie an dieser Veranstaltung störe, solle später oder zu einer anderen der 10 000 Veranstaltungen im Remstal im Jahr 2019 kommen. Und weiter: „Ja, ich bekenne mich dazu, ich schenke meiner Mutter zu jedem Muttertag Blumen und unsere Kinder basteln im Kindergarten oder in der Schule nach wie vor Muttertagsgeschenke.“

So mutig und beherzt Scharmann sein „Bekenntnis“ offenbar selbst findet: Die meisten Bürger werden es mäßig interessant finden, ob er seiner Mutter Blumen schenkt. „Unredlich“ findet er es, mit dem Event in eine rechte Ecke gedrängt zu werden, und betont, zum Auftakt der Gartenschau nur ein schönes Fest feiern zu wollen.

Was der Weinstädter Oberbürgermeister offenbar nicht begriffen hat: Hier geht es nicht um ein Gartenschaufest und schon gar nicht um den Muttertag. Es geht um das Frauen- und Familienbild einer Stadt und ihres Oberbürgermeisters, der die Stadtpolitik in großem Maße bestimmt.

Viel wichtiger wäre deshalb statt seiner reichlich larmoyant wirkenden Verteidigung sein klares Bekenntnis zu einem modernen Frauen-, Familien- und Weltbild. Falls die Organisatoren tatsächlich nur ein Fest mit „jeder und jedem“ feiern wollten, haben sie mit dem verstaubt und konservativ wirkenden „Zug der Mütter“ ziemlich danebengegriffen. Die Stadt ist bunt, und Nicht-Mütter, Nicht-Väter, Alleinerziehende und Patchworkfamilien leben auch in Weinstadt.

Mag sein, dass Scharmann die Tragweite seines Mütterzugs gar nicht aufgefallen war. Dass er die offenbar notwendige Diskussion darüber nun aber nicht führen will: Das, mit Verlaub, das ist unredlich. Lieber fokussiert er sich auf den Nebenaspekt, ob das Event nun an das NS-Mutterbild erinnert oder nicht. Damit schadet der Weinstädter Oberbürgermeister aber seinem eigenen hoffentlich schönen Fest. Und er brüskiert all diejenigen, die in sein Familienraster nicht reinpassen wollen.

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