Kommentar SchoWo-Vorfälle: Ein Kommunikationsdesaster

Die Mienen von Matthias Klopfer und Roland Eisele sind nicht nur dem Ernst der Lage, sondern auch dem angespannten Verhältnis von Stadt und Polizei beziehungsweise von Oberbürgermeister und Polizeipräsident geschuldet. Foto: Gabriel Habermann

Alle, die an der Aufarbeitung dessen, was rund um die SchoWo an Gewalt gegen die Polizei (im Schlosspark) und an sexuellen Übergriffen (auf dem SchoWo-Gelände und außerhalb) passiert ist, beteiligt sind, sind sich zumindest in dem Punkt einig, dass die jetzt im Raum stehenden Tatvorwürfe nicht beschönigt werden dürfen und, so weit möglich, strafrechtlich verfolgt werden müssen. Die Vorfälle hätten aber auch niemals so dramatisiert werden dürfen, wie das zunächst einmal geschehen ist – zum Leidwesen der SchoWo und der Stadt, die sich kurzzeitig der weltweiten Aufmerksamkeit sicher sein durfte und die auf diesen „Imagezuwachs“ gerne verzichtet hätte. Dass es so weit kommen konnte und dass vieles auch im Nachhinein – bislang zumindest – nicht sauber geklärt ist, hat auch ganz viel mit dem Krisenmanagement in besagter Nacht und in den Stunden und Tagen danach zu tun. Was bleibt, sind nicht ausgeräumte Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten. Und wenn manche das, was im Zusammenhang mit der SchoWo passiert ist, ein Desaster nennen, dann offenbaren diese Vorfälle und ihre anschließende Aufarbeitung vor allem auch eines: ein Kommunikationsdesaster.

Widersprüche: Was stimmt nun?

Widersprüchliche Aussagen gibt es zum Beispiel auf die Frage, warum die Polizei im Schlosspark nicht so rechtzeitig interveniert hat, dass die Gewalteskalation verhindert werden konnte. Tatsache ist, dass die Stadt, als es im Schlosspark ernst wurde, in der im Rathaus eingerichteten Einsatzzentrale nicht vertreten war, und dass auch mit dem Abstand von ein paar Tagen noch nicht nachvollziehbar geklärt ist, wie in der SchoWo-Nacht von Samstag auf Sonntag tatsächlich verfahren worden ist. Während nämlich Polizeipräsident Roland Eisele am Donnerstagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz klar gesagt hat, dass er es, „Stand heute“, nicht mehr mittragen würde, mit der Räumung des Schlossparks erst gegen Mitternacht oder noch später zu beginnen, hat der Erste Bürgermeister Edgar Hemmerich ein paar Stunden später im Gemeinderat auf kritische Nachfrage von SPD-Stadtrat Hans-Ulrich Schmid behauptet, die Ordnungskräfte seien genauso unterwegs gewesen wie in den vergangenen Jahren, um das von 22 Uhr im Schlosspark geltende Alkoholverbot durchzusetzen. Was stimmt nun, außer der übereinstimmenden Einschätzung, dass die spätere Eskalation der Gewalt so nicht vorhersehbar war? Und was heißt später? Die Polizei hat zwar mittlerweile ihre Zahlen korrigiert – auch wenn der Polizeipräsident Wert darauf legt, dass sie nur „konkretisiert“ worden sind –, aber es gibt nach wie vor keine detaillierten Aussagen, was in jener Nacht wann genau passiert ist und wie viele Personen dabei auf jeder Seite beteiligt waren beziehungsweise wie viele Menschen sich überhaupt noch im Schlosspark aufgehalten haben. „Diese Nacht“, hat Oberbürgermeister Matthias Klopfer im Gemeinderat zutreffend festgestellt, „muss präzise aufgearbeitet werden“ – intern im Rathaus genauso wie zwischen Stadt und Polizei, zwischen denen die Kommunikation weder während des nächtlichen Einsatzes noch im Nachhinein so gut gelaufen ist, wie das im Interesse einer sauberen Aufarbeitung des Geschehenen wünschenswert gewesen wäre.

Eine "unglücklich formulierte" Pressemitteilung der Polizei

Womit wir bei der am Sonntag von der Polizei herausgegebenen Pressemitteilung wären und dem von ihr wenn schon nicht verursachten, dann doch zumindest ausgelösten Kommunikationsdesaster. Natürlich hat die Polizei nicht behauptet, dass die 1000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich im Schlosspark aufgehalten haben, allesamt randaliert und die Polizei mit Flaschen attackiert haben, wie das anschließend zunächst in einer dpa-Meldung verbreitet und dann von vielen anderen Medien – teilweise dankbar und noch dankbarer von der AfD und anderen Rechtspopulisten – aufgegriffen worden ist. Das Eingeständnis freilich, dass diese Pressemitteilung zumindest unglücklich – Hans-Ulrich Schmid hat sie im Gemeinderat nicht ganz unzutreffend „reißerisch“ genannt – formuliert war, hätte Polizeipräsident Eisele gut zu Gesicht gestanden und hätte ihm und dem Schorndorfer Oberbürgermeister ein weiteres öffentliches Scharmützel über die Rolle der Polizei in dieser ganzen Gemengelage erspart. Dass die Polizei in diesem Fall auch emotional etwas übers Ziel hinausgeschossen ist, nachdem ihr bei anderer Gelegenheit auch schon der Vorwurf gemacht worden ist, sie sei bei ihren Verlautbarungen, zumal was die Beteiligung von Migranten angehe, zu zurückhaltend gewesen, ändert nichts daran, dass bei dieser Geschichte in allererster Linie „die Medien“ versagt und ihren Nutzern eine Krawallnacht verkauft haben, die es so nachweislich nie gegeben hat. Schorndorf ist und war, es sei an dieser Stelle noch einmal gesagt, kein zweites Köln und kein zweites Hamburg. Bis sich das allerdings herumgesprochen hat, das kann dauern. Denn, und auch das ist ein Kommunikationsdesaster in Zeiten von Facebook und Co: Die Nachricht, dass alles nicht einmal halb so schlimm war, wie vermeldet, interessiert außer ein paar seriösen Medien niemanden mehr.

OB fordert Abstimmung von Polizei und Stadt bei der medialen Aufarbeitung

Vielleicht wäre aber von Anfang an alles nicht so schlimm und dramatisch gewesen, wenn sich – und diese Forderung des Oberbürgermeisters ist im Falle eines großen Stadtfestes keineswegs von der Hand zu weisen – Polizei und Stadt bei der medialen Aufarbeitung der nächtlichen Ereignisse abgestimmt hätten. Haben sie aber nicht, was, wie gesagt, zu Zerwürfnissen zwischen Oberbürgermeister und Polizeipräsident geführt hat. Einerseits haben Klopfer und Eisele mehrfach den engen Schulterschluss zwischen Polizei und Kommune beschworen, andererseits hat Klopfer für die Zukunft unmissverständlich eine Kooperation und Kommunikation „auf Augenhöhe“ gefordert – und so viel unterschwellige Kritik an der Polizei, zumal wenn sie mit der Selbstkritik, dass auch im eigenen Hause und bei Klopfers eigenen Verlautbarungen nicht (immer) alles optimal gelaufen ist, einhergeht, muss erlaubt sein, ohne dass ständig der Vorwurf laut wird, die Stadt distanziere sich öffentlich von der Polizei.

Irritationen müssen ausgeräumt werden

Es gibt, das hat Matthias Klopfer freimütig eingeräumt, „Irritationen“. Die auszuräumen, verbunden mit einer schonungslosen Aufarbeitung der Vorfälle rund um die SchoWo und der damit verbundenen Kommunikationsdefizite, wird die Aufgabe der nächsten Wochen und Monate sein. Eventuelle persönliche Animositäten, die sich möglicherweise aufgeschaukelt haben, dürfen da kein Hinderungsgrund sein.

  • Bewertung
    133
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!