Kommentar Wie die AfD den Amoklauf von Winnenden instrumentalisiert

, aktualisiert am 15.03.2019 - 20:11 Uhr

Winnenden. Am 11. März 2019, dem zehnten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden, hat die ganze Stadt der Opfer gedacht. Nur wenige Tage später versucht die Alternative für Deutschland (AfD), die schreckliche Tat für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ein Kommentar von unserem Volontär Alexander Roth.

Man weiß gar nicht, wo man mit dem Kopfschütteln anfangen soll. 

Der Amoklauf von Winnenden war in den vergangenen Monaten allgegenwärtig, nicht nur im Rems-Murr-Kreis. Zum zehnten Jahrestag kamen Journalisten und Kamerateams aus dem ganzen Land angereist, um über die Gedenkveranstaltungen zu berichten - und über die Spuren, die die Tat in der Stadt hinterlassen hat. Ein schwieriges Unterfangen. Da braucht es Empathie, Rücksichtnahme, Taktgefühl. 

Die AfD scheint das anders zu sehen. Mal wieder macht sie Wahlkampf auf Kosten Verstorbener. Kandel ist überall. Tote können sich schließlich nicht wehren.

Was ist passiert?

Am 14. März um 7 Uhr setzt die AfD über die offizielle Facebookseite des Bundesverbands ein Posting ab. Geteilt wird der Link zu einem Artikel der Berliner Morgenpost über einen Vorfall an einer Schule in Berlin-Spandau. 

Direkt zu Beginn wird ein Bezug zum Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden hergestellt. "[...] und das gestern, ausgerechnet am Jahrestag [...]", heißt es. 

Wer in einem Post vom 14. März das Wort "gestern" verwendet, meint in der Regel den Tag davor. Also den 13. März. Der Vorfall an der Berliner Schule war am Dienstag, dem 12. März. Knapp daneben.

Was aber noch schwerer wiegt: Der Jahrestag des Amoklaufs war am 11. März. Ein Datum, das man nicht so leicht vergisst, wenn man sich ernsthaft mit dem Geschehenen auseinandergesetzt hat. Man könnte meinen, die Partei hätte daran kein Interesse.

Vom Social-Media-Team einer Partei, die im Deutschen Bundestag sitzt, erwartet man jedenfalls etwas mehr Professionalität. Vor allem bei solch heiklen Themen.

Dann erfahren wir, was eigentlich passiert ist. Oder besser gesagt: Was ungefähr passiert ist. Ein Elfjähriger sei mit einer Schreckschusspistole auf dem Gelände der Schule gesehen worden, heißt es. Die Morgenpost schreibt: Er wurde vor der Schule gesehen. War das noch auf dem Grundstück? Ob die AfD im Grundbuch nachgeschaut hat? Details. So klingt es jedenfalls bedrohlicher, und stimmen könnte es ja.

Dann noch so ein Detail: Die Waffe war nicht geladen. Die AfD vergleicht also einen 17-Jährigen, der 112 Schuss aus einer scharfen Waffe abgegeben, Menschen verletzt und getötet hat, mit einem Elfjährigen, der eine ungeladene Schreckschusspistole mit sich führte. 

Ach, was soll's. Relation ist out, Spekulation ist in. Man weiß nicht wo die Waffe herkommt? Die AfD hat da so einen Verdacht. Er gründet sich auf einen weiteren Verdacht. Wen wundert das auf einer Facebook-Seite, auf der so manch Verdächtiges im Umlauf sein dürfte. Ausgebrütet von Gehirnen, die in diesem Fall zwar nicht geladen zu sein scheinen, aber ansonsten funktional, gewiss keine Attrappen. 

Und es wird sich weiter im Konjunktiv gesuhlt: Das Zitat der Senatorin findet sich im Artikel der Morgenpost. Der Satz davor: Pure Interpretation. Könnte sie ja durchaus so gemeint haben. Hat sie aber nicht gesagt. Und wenn hier jemand etwas durchblicken lässt, dann ist es die AfD. 

Die AfD verletzt die Würde der Opfer und ihrer Angehörigen

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist ein Vorfall wie der in Berlin nicht zu verharmlosen. Dass die Beobachtung der Mutter ernst genommen wurde, ist ebenso wichtig wie das schnelle Eingreifen der Polizei. Es ist aber genauso falsch, den Vorfall künstlich aufzublasen. Vor allem mit den Mitteln, die von der AfD gewählt wurden.

"Amoklauf Winnenden", das ist nicht einfach eine Google-Suchanfrage, die in den letzten Monaten vermehrt gestellt wurde, ein trending topic, ein Aufmerksamkeit generierender Hashtag. Es ist eine reale Tat, die noch heute für reale Menschen reale Folgen hat. Wer sie nur als Instrument versteht, die eigene politische Agenda zu verbreiten, der lässt nicht nur den nötigen Respekt vermissen: Er verletzt die Würde der Opfer und ihrer Angehörigen. 


10 Jahre Amoklauf Winnenden

Unsere Berichterstattung zum Amoklauf Winnenden aus diesem und den vergangenen Jahren finden Sie hier.

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