Kommentar zu AKK Die Angst vor der Generation Youtube

Sie galten als oberflächlich und naiv, mehr an Konsum und Selbstoptimierung interessiert als am politischen Diskurs. Die Generation Instagram und Youtube war für Politiker bislang eine zwar exotische, aber äußerst harmlose und irgendwie knuffige Spezies. Bis jetzt. Jetzt schlagen sie zurück.

Wer am Dienstag auf Twitter nach dem Hashtag #AKK suchte, wurde schnell fündig. Das Video von Annegret Kramp-Karrenbauer ist dort zusehen, wie sie die Frage stellt, fast trotzig, ob denn diese Youtuber da einfach so machen dürfen, was sie wollen. Ob es da nicht Regeln gäbe, aus dem analogen Bereich, an die sie sich auch halten müssten, in Sachen „Meinungsmache“.

Zur Erinnerung: Gerade letzte Woche wurde das Grundgesetz 70 Jahre alt. Darin enthalten ist der Artikel 5, der – nochmal zur Erinnerung – bekräftigt, dass jeder das Recht hat, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild zu äußern, zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten. Also genau das, was Rezo und seine Kollegen getan haben. Von Regeln und besonderer Diskretion im Wahlkampf steht da nichts.

Solange sie ihre Sneakers bekommen, ist doch alles in Ordnung

Diese Äußerungen von #AKK ist die aktuelle Spitze eines riesigen Eisbergs der Ignoranz, der da in den Köpfen vieler deutscher Politiker umherirrt. Ignoranz gegenüber einer Generation, die als unpolitisch und extrem selbstverliebt, aber deswegen auch als äußerst pflegeleicht galt. Solange sie ihre aktuellen Sneakers und das Levis-Shirt bekommen, ist doch alles in Ordnung, oder?

Eine Psychologin erklärte einmal auf einem Kongress einem Saal voller erwachsener Journalisten, die Generation Z sei deswegen so auf Selbstoptimierung aus, weil sie das Gefühl habe, alles andere nicht mehr kontrollieren zu können. Überall lauerten Krisen: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Bankenkrisen, Regierungskrisen, und der Einfluss der jungen Generation darauf ginge gegen Null. Da bleibe nun mal nichts übrig, als zumindest sich selbst krisenfest zu gestalten, sei es in Form des besten Contouring-Make-Ups oder indem man im angesagten Fortnite die meisten Punkte erzielt.

Jetzt aber hat die Generation Instagram die Nase voll davon, nichts mehr kontrollieren zu können. Oder zu dürfen. Und sie schlagen zurück. Und was für die Elite von heute oder gestern die Seite 3 der Tageszeitungen sein mochte, ist für die Elite von Morgen Youtube, Instagram und vereinzelt auch Twitter. Dort werden Meinungen kund getan und gehört, dort werden Bewegungen gegründet und ihnen gefolgt, dort werden Vorbilder gefunden und zerstört.

Respektlosigkeit und - blanke Angst

Die respektlosen Reaktionen der Politiker auf klimastreikende Schüler (FDP-Chef Christian Lindner: “Überlasst das mal den Profis“) , auf Wahlergebnisse (CDU-Staatssekretär Thomas Bareiß: „Wenn die Erstwähler erstmal selber Geld verdienen, werden die vernünftig“) und auf gut recherchierte, wenngleich auch ungewohnt vorgetragene Meinungsäußerungen (Video von Rezo auf Youtube) offenbart das blanke Unverständnis für diese Jugend,  das wahre Ausmaß des Ignoranz-Eisberges im Kopf. Und offenbart auch eine immer weiter wachsende Angst vor ihr. Diese knuffige, naive, irgendwie faszinierende Spezies wird gefährlich, wird politisch und wählt vor allem Waffen für ihren Kampf, die die herrschende Elite nicht versteht und nicht besitzt. Und dass diese jungen Menschen Wahlen entscheiden können, das haben sie nun eindrucksvoll bewiesen.

Nehmt sie endlich ernst

Unabhängig davon, ob man nicht tatsächlich auch mal festlegen sollte, wer wirklich presserechtlich verantwortlich ist für Videoportale wie Youtube – die Forderung der Regulierung egal welcher Medien zu egal welchen Zeiten ist natürlich nicht akzeptabel.

Selbst wenn die Parteien jetzt alle möglichen Social Media Experten engagieren, selbst wenn jetzt jede Partei auf allen Videokanälen präsent ist, unsere nachfolgende Generation ist viel zu clever, um darauf reinzufallen. Sie beobachtet genau, welche Versprechen wann gemacht wurden – und nicht gehalten. Sie erinnert sich, welche Parteien gegen ihren direkten Protest gehandelt haben – wie der Urheberrechtsreformer und EU-Parlamentarier Alexander Voss, der im Bewusstsein dieser Generation das Internet zu Grabe getragen hat oder Bundesjustizministerin Katarina Barley, die nichts dagegen unternahm.

Es ist ein aussichtsloser Kampf. Es sei denn, man greift zur letzten, ultimativen Waffe: Nehmt sie endlich ernst.

  • Bewertung
    30

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!