Kommentar zur Lage an den Börsen Nervenprobe für Anleger

Händlern an der Wall Street steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben Foto: dpa

Stuttgart - Mehrere Hundert Milliarden Euro sind allein am Montag an den europäischen Börsen vernichtet worden, weil die Kurse rasant fielen. Erst stürzten die Kurse in China ab, dann rauschte der Deutsche Aktienindex (Dax) weit unter die Marke von 10 000 Punkten, bevor dann auch die US-Börsen mit riesigen Kursverlusten ins Rennen gingen. In der Welt der Börseneinbrüche scheint die Sonne derzeit nicht unterzugehen. Weltweit wurden in den vergangenen Monaten rund 10 Billionen Euro an Börsenwert vernichtet.

Doch dem Kursverfall steht ein starker Anstieg in früheren Monaten entgegen. So hat der Dax von Oktober 2014 an innerhalb eines halben Jahres um fast 50 Prozent zugelegt – nun steht er in etwa wieder dort, wo er Anfang 2015 stand. Der chinesische Index Shanghai Composite ist in dieser Zeit noch weit stärker gestiegen und weit stärker gefallen – liegt aber immer noch deutlich über dem Stand zu Jahresbeginn. Doch in China haben sich viele Anleger bis über beide Ohren verschuldet, um an dem immensen Boom teilhaben zu können. Nun, da ihnen die Aktien zwischen den Fingern zerrinnen, bleiben die Schulden – und weniger Geld für die Anschaffung teurer Güter wie etwa Autos. Das trifft vor allem diejenigen, die erst im Lauf des Booms teuer eingestiegen sind.

Gerade die Autohersteller setzen massiv auf den Markt China

Das kann gerade deutsche Hersteller wie Daimler, BMW und Volkswagen treffen, für die der chinesische Markt eine enorme Bedeutung hat. Dass dem chinesischen Markt bei Daimler und Volkswagen als einziger Weltregion ein eigenes Vorstandsressort gewidmet ist, ist alles andere als ein Zufall – dort sieht man das, was man sich als Unternehmen nur wünschen kann: eine Bevölkerung, die hungrig ist nach westlichem Wohlstand – und deren Wohlstand weiter wächst. Kein Wunder, dass die Aktien von Daimler und mehr noch von BMW und Volkswagen in den vergangenen Monaten herbe Kursverluste hinnehmen mussten.

Ist es also falsch, dass die deutsche Wirtschaft so stark auf den chinesischen Markt setzt? Keineswegs – problematisch wird es nur, wenn die Hoffnungen zu einseitig auf dieses Land gesetzt werden. Dass sich das Wachstum abschwächt, ist aber für die Weltwirtschaft geradezu ein Segen, denn in China sind die Immobilienpreise in bedenklichem Maß gestiegen. Was geschieht, wenn sich Übertreibungen schlagartig zurückbilden, ließ sich ab 2008 am amerikanischen Immobilienmarkt besichtigen, dessen Zusammenbruch der wichtigste Auslöser der weltweiten Finanzkrise war. Die chinesische Wirtschaft gleicht derzeit einem Flugzeug, das auf dem Landeanflug etwas abgesackt ist und nun wieder etwas an Höhe gewinnen will. Die Börsen aber handeln derzeit, als sei sie kurz vor dem Absturz, wovon angesichts weiter ordentlicher Wachstumsraten aber nicht die Rede sein kann.

Bei den Anlegern aber wächst nach Jahren steigender Kurse die Sorge, dass Aktien zu teuer werden und man den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg verpasst. Doch dabei wird gern übersehen, dass in diesen Jahren nicht nur die Aktienkurse gestiegen sind, sondern auch die Gewinne der Unternehmen. Gemessen an den Gewinnen, sind Aktien heute aber sogar billiger als im langjährigen Durchschnitt. Viele Anleger, die jetzt panisch aussteigen, werden schon bald vor der Frage stehen, wo sie ihr Geld denn jetzt parken sollen – und solange die Zinsen sehr niedrig bleiben, werden sie nicht viele Alternativen zur Aktie entdecken. Heute steht der Dax doppelt so hoch wie vor zehn Jahren – und das trotz einer Finanzkrise, die ihresgleichen in der Nachkriegszeit sucht. Deshalb ist es gut möglich, dass einem bedrohlich erscheinenden Rückgang der Kurse auch dieses Mal wieder ein weit stärkerer Anstieg folgt.

Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!