Kommunalwahl in Winterbach Mehr Flächen für Wohnbau nötig

An dieser Stelle an der Remsstraße entstehen zusammen mit der Kreisbaugesellschaft ab Herbst 27 neue Wohnungen mit ein bis vier Zimmern. Bürgermeister Sven Müller (r.) mit Ulrich Wallkamm (ehemaliger Kämmerer 2.v.r.) vor den bestehenden Gebäuden im Jahr 2017. Foto: ZVW/Gaby Schneider (Archiv)

Winterbach. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht jemand beim Winterbacher Rathaus anruft, um nach einem Bauplatz zu fragen. Und auch was den sozialen Wohnraum betrifft, gibt’s im Flecken mehr Bedarf als Wohnungsschlüssel. Das Problem: Hochwasser- und Naturschutz begrenzen die Möglichkeiten der Gemeinde sich auszuweiten in alle Richtungen.

Bürgermeister Sven Müller schätzt, dass der Bedarf an Mehrfamilienhäusern mit Zwei- bis Vierzimmerwohnungen größer ist, als der Bedarf an Bauflächen für Einfamilienhäuser. Als Grund dafür vermutet er die stark gestiegenen Baupreisen der letzten Jahre. Schließlich müsse man sich den Kauf beziehungsweise die Miete auch leisten können. „Genau quantifizieren lässt sich dieser Bedarf nicht, aber er ist groß“, so der Rathauschef. In noch größerem Maße werde allerdings geförderter Wohnungsbau benötigt, also Wohnraum für Menschen mit Wohnberechtigungsschein. „Berechtigt sind mittlerweile mehr als 50 Prozent der Haushalte“, schätzt Müller. Auf die Ausschreibung einer Gemeindewohnung seien allerdings 40 bis 50 Bewerbungen keine Seltenheit.

Keine Weiterentwicklung an Ostlandstraße möglich

Wie man dem in Winterbach begegnen will? Mithilfe des beschleunigten Verfahrens nach Paragraf 13b des Baugesetzbuches könnten an den Rändern von Winterbach neue Baugebiete geschaffen werden. Aktuell werden einige Flächen dahingehend geprüft. An der Ostlandstraße ist eine Weiterentwicklung allerdings aktuell nicht möglich, Dreiviertel der Fläche liegen im Hochwasserschutzgebiet, wo laut Wassergesetz Bauverbot besteht. Entstehen hier einmal neue Möglichkeiten, möchte man ein Konzept aus einem Guss entwickeln. Bis es soweit ist, passiert an dieser Stelle zunächst gar nicht.

In Winterbach entstehen gerade viele neue Wohnungen

Ab Herbst wird in Zusammenarbeit mit der Kreisbau an der Remsstraße gebaut. Hier entstehen nach dem Abriss der alten Gebäude 27 neue Wohnungen. An der Schorndorfer Straße auf dem alten Nettogelände gibt’s demnächst 16 Wohnungen. Und ein privater Investor baut an der Neuen Gasse. Hier wird ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen errichtet.

Weitere Baugebiete müssen ausgewiesen werden

Dr. Klaus-Dieter Völzke (SPD) weiß: „Jeder kennt in Winterbach jemanden, der in eine andere Ortschaft abgewandert ist, aber gerne wieder zurück möchte.“ Immerhin habe Winterbach alles, was das Herz begehre: die Nähe zur S-Bahn, angenehmes Wohnen, eine gute Infrastruktur, und auch die Waldorfschule auf dem Engelberg ziehe etliche Interessenten an. Was helfen könnte? Das sieht die SPD ganz und gar wie die Verwaltung und die übrigen Fraktionen im Winterbacher Gemeinderat: Es müssen zwangsläufig weitere Baugebiete ausgewiesen werden. Zudem müssten auf Flächen, die der Gemeinde selbst gehören und die mit Gebäuden bebaut sind, die nicht dem heutigen Standard entsprechen, neue Gebäude entstehen. Wo die Gemeinde selbst in Besitz der Liegenschaften sei, hält Völzke es für wesentlich, die eigenen Mitsprachemöglichkeiten zu behalten. In der Vergangenheit habe man schon einmal den Fehler gemacht, an einen privaten Investor zu verkaufen, der schlussendlich andere Ziele verfolgte, als es die Gemeinde getan hätte. Zu eng, zu unschön, zu teuer für die Mieter das Ergebnis. Die aktuelle Kooperation mit der Kreisbau an der Remsstraße findet der SPDler optimal. Schließlich sei auf diese Weise sicherzustellen, dass tatsächlich sozialer Wohnraum entstehe.

Kooperation mit Kreisbau gelungen

Verschärft habe sich die Wohnraumnot in Winterbach auch dadurch, so Dr. Klaus-Dieter Gawaz (CDU), dass man in den vergangenen Jahren den geförderten Wohnbau wenig vorangetrieben habe. Wie alle Fraktionen im Gemeinderat stehe auch seine hinter der Suche nach neuen Wohnbauflächen mittels des beschleunigten Verfahrens, hält die Kooperation mit der Kreisbau für durchaus gelungen und wiederholenswert. Aber auch das Ausweisen neuer Flächen für die ganz normalen Häuslebauer sei erstrebenswert. Dies eher durch eine umweltverträgliche Nachverdichtung als durch die Ausweisung neuer Gebiete in den Randlagen. „Man muss halt immer abwägen, ob der Naturschutz wichtiger ist oder die Linderung der Wohnraumnot.“ Nur eins wolle die CDU-Fraktion bei allen Bestrebungen keinesfalls aus den Augen verlieren: die Finanzen. Einen ausgeglichenen Haushalt anzustreben sei Pflicht.

Heidemarie-Vogel-Krüger (Grüne) dreht das Thema Nachverdichtung noch ein Stück weiter. Dachausbau vor Flächenfraß, so ihr Slogan. Warum nicht die Winterbacher Eigenheimbesitzer motivieren, ihre Dachgeschosse auszubauen und sie als Mietwohnungen zugänglich zu machen? Als Gemeinde könne man hier behilflich sein, wenn es um das Beschaffen von Landeszuschüssen geht und auch sonst versuchen, den Ausbau zu erleichtern. Auch ein weiterer Aufruf, aktuell ungenutzte Wohnungen wieder zu vermieten, hält sie für sinnvoll – auch wenn ihr klar sein, dass die Eigentümer oft ihre Gründe hätten, weshalb sie sich von der Vermieterei zurückgezogen hätten.

Zudem können sich die Grünen vorstellen, in den womöglich für die Wohnbebauung frei werdenden Gebieten gemeinsam mit einem Wohnbauträger alternative Wohnquartiere zu entwickeln. Hier könnten Alt und Jung zusammenleben. Immerhin: Die Spanne zwischen dem Renteneintrittsalter und dem durchschnittlichen Seniorenheim-Eintrittsalter (von über 80 Jahren) sei groß. Gleichzeitig gebe es immer häufiger alleinstehende Menschen ohne Familie. Sie könnten in einem solchen Quartier der Vereinzelung entgehen und bei eigenem Bedarf mit jüngeren Familien in Kontakt treten.

Müller: "Eine Kommune ist gesund, wenn das soziale Gefüge stimmt"

Aber auch für die Grünen gilt: Wo es sinnvoll erscheint, sind auch sie gerne bereit, grüne Wiesen für Wohnbebauung zu opfern. Grundsätzlich brauche man nämlich auch junge Familien, findet Heidemarie Vogel-Krüger, angesichts des zuletzt geschlossenen Kindergartens Kelter. Auch Bügermeister Müller erklärt dazu: „Eine Kommune ist gesund, wenn das soziale Gefüge stimmt.“ Dafür brauche es eben auch Kinder und Familien, andernfalls ist der Fortbestand etlicher Vereine in Gefahr. Aber nicht nur Musik- und Sportverein brauchen Nachwuchs. Das gilt auch für Feuerwehr und Rotes Kreuz.

Eine grundsätzliche Lösung für das Problem des Wohnraummangels im Ballungsraum sieht Vogel-Krüger allerdings außerhalb des kommunalen Einflussbereichs: Große Unternehmen müssten außerhalb der Speckgürtel neuen Werke bauen und Arbeitsplätze in den ländlichen Gebieten schaffen, wo es Wohnraum gibt und Dörfer geradezu aussterben.

Elke Heiland (BWV) versteht bestens, dass viele Menschen nach Winterbach ziehen wollen. „Für mich sind wir die attraktivste Gemeinde im Remstal, bei uns stimmt einfach alles.“ Aber sie findet, dass man in Winterbach eigentlich genug in Sachen Wohnbau unternimmt. Was man tue, das müsse verantwortungsbewusst geschehen. Und so sieht sie die Anwendung des beschleunigten Verfahrens mit Skepsis. „Klar brauchen wir Wohnraum, aber wir können auch nicht mit Gewalt gegen den Mangel ankämpfen.“ Auch für die nachfolgenden Generationen müssten noch Flächen zur Entwicklung übrig bleiben. „Das Remstal zuzupflastern, das ist nicht mein Weg.“ Eine Lösung des Problems könnte vielmehr der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sein. Dann würden vielleicht auch solche Gemeinden interessanter werden, die fernab der S-Bahnlinie liegen.


Schneller bauen

Die Regelung des § 13b BauGB ist bislang bis zum 31. Dezember 2019 befristet. Sie erlaubt es den Kommunen, Bebauungspläne schneller und leichter aufzustellen, als es beim Normalverfahren möglich wäre.

Die Bebauungspläne müssen dem Wohnungsbau dienen, an im Zusammenhang bebaute Ortsteile anschließen und dürfen eine bestimmte bebaubare Grundfläche nicht überschreiten.

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