Kopfverletzungen im Fußball Geht die Bundesliga zu sorglos mit dem Thema um?

Am 16. September 2017 verletzte sich VfB-Kapitän Christian Gentner schwer am Kopf. Rund zwei Monate später stand er wieder auf dem Platz. Foto: Büttner / ZVW

Stuttgart. Was das Thema Kopfverletzungen angeht, ist der VfB Stuttgart ein gebranntes Kind. In der letzten Saison traf es Kapitän Christian Gentner und Verteidiger Timo Baumgartl. Der 22-Jährige musste auch in dieser Spielzeit wegen einer leichten Gehirnerschütterung schon zwei Spiele pausieren. Der Umgang mit solchen Verletzungen wirft eine grundlegende Frage auf: Geht die Bundesliga zu sorglos mit dem Thema um? 

Beim VfB Stuttgart ist man was Kopfverletzungen angeht vielleicht besonders sorgsam. Schließlich kam es in der jüngeren Vergangenheit zu mehreren solcher Fälle bei den Roten.

Baumgartl verpasste acht Spiele wegen Kopfverletzungen

Da wäre zum einen Kapitän Christian Gentner, der im Ligaspiel gegen den VfL Wolfsburg im September 2017 das Knie vom Gästetorwart Koen Casteels mit voller Wucht ins Gesicht bekam. Gentner, der ohnmächtig zu Boden sank, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, eine Fraktur des oberen und seitlichen Augenhöhlenbodens sowie einen Nasenbein- und Oberkieferbruch.

Zum anderen ist da Timo Baumgartl. Der 22-jährige Verteidiger fehlte allein in der letzten Saison bei sechs Pflichtspielen wegen einer Gehirnerschütterung. Und auch die letzten beiden Partien in der aktuellen Spielzeit beim FC Bayern und gegen den SC Freiburg verpasste er wegen Schwindelgefühlen ausgelöst durch einen Zusammenprall im Mannschaftstraining.

Und auch deutschlandweit ist das Thema Kopfverletzung im Fußball aktueller denn je. Erst am vergangenen Wochenende krachte der Torhüter des 1. FC Nürnberg, Christian Mathenia, mit Gegenspieler Theodor Gebre Selassie zusammen. Mathenia blieb benommen am Boden liegen. Wenig später stand er auf und spielte die restliche halbe Stunde der Partie zu Ende.

Markus Weinzierl: „Man ist schnell dabei zu sagen: Es geht schon wieder" 

Viele Fans, Mitspieler und Verantwortliche feiern solch ein aufopferungsvolles Verhalten. Schließlich stellt der betroffene Spieler, in diesem Fall Mathenia, seine eigene Gesundheit zu Gunsten des Vereins in den Hintergrund. Und auch Christian Gentner vom VfB wurde von allen Seiten gefeiert, als er nur zwei Monate nach seiner schweren Verletzung wieder mit einer Carbonmaske auf dem Rasen stand. Über mögliche gesundheitliche Folgen für den Spieler wird abseits des Rasens oft gar nicht nachgedacht. Vernachlässigt die Bundesliga das Thema Kopfverletzungen?

Wenn es nach VfB-Trainer Markus Weinzierl geht, jedenfalls nicht. Er ist laut eigenen Angaben „sensibilisiert aus vielen Dingen aus der Vergangenheit.“ Ihm ist jedoch auch bewusst, dass die Regeneration oft zu kurz kommt: „Man ist schnell dabei zu sagen: Es geht schon wieder. Der Kopf ist trotzdem das Wichtigste und deshalb muss man dem auch Zeit geben.“

In der Vergangenheit war das beim VfB jedoch nicht immer so. So spielte Sven Ulreich 2010 nach einem Zusammenprall mit dem Wolfsburger Stürmer Grafite noch knapp zehn Minuten bis zum Schlusspfiff weiter. Im Anschluss an die Partie kam der Torhüter ins Krankenhaus und konnte sich an nichts mehr erinnern.

Ein weiteres prominentes Beispiel für den Umgang mit Kopfverletzungen im Fußball ist Christoph Kramer. Über seinen Knockout im WM Finale 2014 machte man sich im Anschluss in Deutschland eher lustig, statt mögliche Folgen zu thematisieren. Zumal Kramer später noch weitere Kopfblessuren davon trug. Auch deshalb mahnte Gladbachs Trainer Dieter Hecking in der Vergangenheit: „Man wird sich überlegen müssen, wie man Spieler besser schützen kann.“

„Concussion Protocol“  schützt Spieler beim Football

Wie es funktionieren könnte zeigt der American Football. Dort schützt das sogenannte „Concussion Protocol“ (Concussion bedeutet Gehirnerschütterung) idealerweise vor Kopfverletzungen und deren Folgen. Bei jedem Spiel sitzen zwei Beobachter auf der Tribüne, die bei kritischen Szenen, in denen sich ein Spieler am Kopf verletzt haben könnte, eingreifen und Kontakt zum jeweiligen Trainer aufnehmen.

Treten beim Spieler Symptome wie Gleichgewichtsprobleme, Orientierungslosigkeit oder ein leerer beziehungsweise verwirrter Blick auf, muss er sich einem Test unterziehen. Bei diesem kann der Spieler eine bestimmte Punktzahl erreichen. Diese wird mit der Punktzahl verglichen, die der Spieler zuvor bereits in klarem Zustand erreicht hat. Kommt es zu Unterschieden, darf der Spieler nicht mehr am Spiel teilnehmen.


"Umgehend aus dem Spiel zu nehmen"

Auf der Homepage des DFB gibt es Tipps, was bei Kopfverletzungen zu tun ist. Unter anderem können User dort eine Taschenkarte herunterladen, auf der wichtige Hinweise vermerkt sind. Im letzten Teil dieser Karte heißt es deutlich: „Jede(r) Sportlerin/Sportler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ist umgehend aus dem Spiel zu nehmen und darf nicht zur Aktivität zurückkehren, bevor sie/er medizinisch untersucht worden ist.“

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