Korb Fliegen am Limit

Am Paragliding World Cup in den Schweizer Alpen hat Braun (rot-gelber Gleitschirm) im vergangenen August teilgenommen. Ins Superfinale hat er es leider nicht geschafft. Foto: Andreas Busslinger

Korb/Weinstadt. Reiner Braun genießt die Herausforderung: Der Gleitschirmpilot vom Korber Verein „Die Remstäler“ ist Mitglied der Deutschen Liga, nimmt an World Cups teil und hat als Teil des Nationalteams bei einer Europameisterschaft in Serbien eine Silbermedaille geholt. Er stand schon bei Deutschland- und Landesmeisterschaften auf dem Siegertreppchen. Für den Beutelsbacher sind die Wettbewerbe jedoch kein verbissener Kampf, sondern ein reines Freizeitvergnügen.

Hundert Gleitschirmpiloten gemeinsam am Himmel, mit durchschnittlich 40 bis 65 Stundenkilometern unterwegs ins Ziel: Das ist Reiner Brauns Welt. Bei Meisterschaften im Inland und Ausland fliegt der Beutelsbacher schnell und präzise um Tages- und Gesamtsiege. Mal zwei Tage, mal zwei Wochen lang; mal auf 50 Kilometer, mal auf 150 Kilometer langen Einzelstrecken.

„Wir fliegen eigentlich am Limit.“ Ein Schulterzucken und ein Lächeln begleiten die Worte des Sportpiloten. Zurückhaltend und freundlich, wie er sich das ganze Gespräch über zeigt. „Ich war schon immer der Wettbewerbstyp“, sagt er. Das sei er schon als junger Mittelstürmer beim VfL Waiblingen gewesen, bis Kreuzbandriss und Sprunggelenksschaden seinem Ehrgeiz Grenzen setzten.

So wurde ihm auch das reine Genussfliegen schnell zu langweilig. Über einen Schnupperkurs mit einem Freund war er zu seinem Hobby gekommen. 1992 macht er bei der Flugschule Luftikus in Stuttgart-Hofen, die den Wettbewerbspiloten mittlerweile sponsort, seinen Flugschein. Vier Jahre später trat er bei den baden-württembergischen Landesmeisterschaften an.

„Ich war schon immer der Wettbewerbstyp“

In den 22 Jahren, die seither vergangen sind, ist er rund um die Welt bei unzähligen Wettbewerben mitgeflogen, von Landesmeisterschaften bis zum Paragliding World Cup (PWC). In diesem Jahr steht unter anderem ein PWC-Wettbewerb in Italien auf dem Programm.

Der sportliche 52-Jährige ist stolz auf seine Leistungen. Zum Beispiel darauf, dass er seit 16 Jahren seine Mitgliedschaft in der deutschen Liga hält, für die sich jährlich gerade mal 60 bis 70 Leute qualifizieren. Oder darauf, dass er 2014 für die deutsche Nationalmannschaft ausgewählt worden ist. Mit neun weiteren deutschen Piloten sowie zwei Pilotinnen trat er in Serbien zur Europameisterschaft der Gleitschirmflieger an. Mit Silber kehrte das Team zurück.

Doch als er berichtet, ist er ganz bescheiden, lächelt verhalten. Ein breites Grinsen entwischt ihm, als er vom vergangenen Jahr berichtet: Da belegte er bei den deutschen Meisterschaften Platz drei. „Ich freue mich heute noch drüber“, sagt er. „Da sind sehr gute Piloten dabei.“ Ein weiterer Grund zur Freude: Erst vor wenigen Wochen landete er bei den baden-württembergischen Landesmeisterschaften am Breitenberg im Allgäu auf Platz zwei.

Am liebsten in den Bergen

An den Wettbewerben schätzt er nicht nur die Zeit in den Bergen, seiner liebsten Umgebung. Es sei einfach spannend, wie sich so viele Piloten gleichzeitig derselben Aufgabe stellen. „Jeder hat die gleichen Voraussetzungen“, keiner hat besonderes Glück oder Pech mit Thermik oder Wetter. Anders als bei freien Wettbewerben, bei denen Flieger zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein müssen – wie es beispielsweise bei seinem Vereinskollegen Thilo Schaber der Fall war. Wie berichtet, schaffte es dieser unverhofft von Korb bis Franken.

Besonders beeindruckend findet Braun die Startphase: Nachdem alle Piloten über Flugbedingungen, Gelände und Strecke informiert worden sind, formieren sich die Teilnehmer am Himmel. Dann geht es los: Sie steigen gemeinsam in einer Thermikblase auf, kreisen in dieselbe Richtung aufwärts. Wie ein Tanz muss es aussehen.

Vor Zusammenstößen hat Braun dabei keine Angst. Zum einen, weil zu Beginn vorgegeben wird, in welche Richtung die Piloten im Auftrieb kreisen. Zum anderen, weil Wettbewerbsflieger gut lenken können. Formale Voraussetzung ist die B-Lizenz, die erfahrene Piloten zum freien Flug mit Überlandstrecken berechtigt. Bei Einsteiger-Wettbewerben wird zudem geübt. So entwickeln sich Erfahrung und Präzision. „Ich könnte auf eine Landewiese einen Tisch hinstellen und auf dem Tisch landen“, sagt Braun selbstbewusst.

Nicht ganz ungefährlich

Nach dem Start geht es meist um Geschwindigkeit: Eine bestimmte Strecke, teils mit vorgegebenen Wendepunkten, soll so schnell als möglich abgeflogen werden. Welche Aufgaben gemeistert werden sollen, hängt ganz von Wetter und Gelände ab.

Ganz ungefährlich ist Brauns Hobby nicht. Die Gleitschirme, die für Wettbewerbe ausgelegt sind, sind zwar wendiger und schneller als Anfängerschirme, verzeihen aber auch weniger Fehler und Turbulenzen. „Manchmal riskiert man ziemlich viel.“ In Zell am See habe er erlebt, wie sich Flieger wegen eines Föhnwindes schwer verletzt haben. Er selbst bricht im Zweifel lieber ab. „Da geht’s ja nur um Ruhm und Ehre.“

Billig ist sein Freizeitvergnügen auch nicht. Mit neuen Schirmen und Gurtzeug, Fahrt- und Übernachtungskosten, Startgeldern und so weiter kommen jährlich gut 12 000 Euro zusammen, schätzt Braun. Warum er’s trotzdem gern mitmacht? Weil’s einfach grandios sei: „Wind, ein Stückle Stoff und Sonne“, die Berge sehen, herumkommen. „Ich bin sehr dankbar, dass meine Frau mir da freie Hand gibt.“ Sie hat zum Glück auch etwas von seinem zeitaufwendigen Hobby: Die beiden fliegen gemeinsam Tandem und verbinden Wettbewerbe mit Urlaubsreisen.


Weiter Teile der Serie "Faszination Fliegen"

Teil 1: Gleitschirmfliegen für Anfänger

Teil 2: Von Korb bis Würzburg: Hundert Kilometer im Leichtgurt

Teil 3: Wie man die Reißleine zieht

In der nächsten Folge unserer Serie „Faszination Fliegen“ wird’s ernst: Unsere Autorin berichtet von ihrem ersten Tandem-Flug.

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