Korb Gift im Schul-Fußboden: Luftfilter als "Placebo"?

Im Parkettkleber, der in den 60er und 70er Jahren verwendet wurde, ist der gesundheitsgefährdende Stoff Naphthalin enthalten. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Korb.
Dass im Parkettboden der Gemeinschaftsschule in der Urbanstraße der gesundheitsgefährdende Stoff Naphthalin gefunden wurde, bewegt die Korber. Die einen erzählen von aufgebrachten Eltern, die anderen reden von unnötiger Panikmache.

Zwar sind die Naphthalin-Werte in der Klassenzimmerluft so niedrig, dass das Gesundheitsamt keine akute Gefahr für Schüler und Lehrer sieht. Dennoch hat der Gemeinderat entschieden, dass der belastete Parkettboden während der Sanierung der Schule im Jahr 2021 herausgerissen und ersetzt wird. Das kostet die Gemeinde voraussichtlich eine Viertelmillion Euro. Hinzu kommen jetzt weitere 17 000 Euro für Luftfilter, die in den Klassenräumen die Schadstoffe minimieren sollen. Über den Sinn dieser Maßnahme gehen die Meinungen auseinander.

„Es wäre schwierig gewesen, die Eltern hinzuhalten"

„Die Eltern waren und sind sehr besorgt“, sagt Michaela Branz, Elternbeiratsvorsitzende an der Gemeinschaftsschule Korb. Sie hat Verständnis dafür, auch wenn die Messungen nicht auf eine akute Gefahr hinweisen. „Mich beruhigt’s total, dass die Filter jetzt kommen“, sagt sie. Dass die Gemeinde so schnell reagiert hat, findet sie super. Wäre das nicht passiert, hätte sich die Vorsitzende des Beirats für die Eltern eingesetzt.

Cora-Constanze Sommerey, die bis vor kurzem noch stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende an der Gemeinschaftsschule war und für die Grünen im Gemeinderat sitzt, sagt: „Es war kurz davor, dass ein kompletter Schulstreik ausgebrochen wäre.“ Von Sommerey stammt die Idee, Luftfilter einzusetzen, um die Naphthalin-Werte zu drücken. Vorbild ist eine Schule im Ruhrgebiet. Dort sind die Werte allerdings zehnmal so hoch gewesen wie in Korb. „Natürlich liegen unsere Werte nicht so hoch“, sagt Michaela Branz. Doch das habe die Eltern nicht besänftigt.

Bis der Boden herausgerissen wird, sollen jetzt also Luftfilter die Wogen glätten: „Ich bin jetzt total erleichtert“, sagt Sommerey nach der Entscheidung des Gemeinderats für die Geräte. Für die Eltern sei es schlimm, ihre Kinder zur Schule zu schicken, obwohl sie von dem giftigen Stoff im Bodenkleber wissen. Schließlich wird das Parkett erst in mehr als einem Jahr entfernt. „Es wäre schwierig gewesen, die Eltern hinzuhalten und zu beruhigen“, sagt Sommerey. Ebenfalls zufrieden mit der Luftfilter-Lösung ist Jochen Binder, Rektor der Gemeinschaftsschule. Dass die Eltern der Schulkinder allerdings besonders besorgt gewesen wären, kann er nicht bestätigen. „Bei uns ist gar nichts angekommen“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung.

„Wir sind selber schuld, wir haben uns verrannt“

Wie notwendig die Anschaffung der Luftfilter für knapp 20 000 Euro ist, spaltet die Gemüter. Weil der Gemeinderat beschlossen hatte, nach Möglichkeiten für die Verringerung der Werte zu suchen, müsse er nun auch handeln, sagt Regina Hauser (SPD): „Wir sind selber schuld, wir haben uns selber reinmanövriert.“ Susanne Bloching (Fraktion CDU/Freie Wähler) stimmt ihr zu: „Wir haben uns jetzt so in die Sache verrannt, jetzt müssen wir was machen, sonst steigen die Eltern uns auf die Barrikaden.“ Sie und andere Räte machen außerdem die Berichterstattung unserer Zeitung dafür verantwortlich, dass die Eltern beunruhigt sind. Die WKZ hatte bereits vor einem Monat über das Thema berichtet und freilich betont, dass Experten keine akute Gefahr für Kinder und Lehrer sehen.

„Das sind unnötige Ausgaben“, sagt Gemeinderat Albrecht Ulrich (Freie Bürger). Lüften hätte genügt, meint er. So sieht es auch das Gesundheitsamt. Die Grüne Sommerey bezweifelt das. Vor allem im Winter sei starkes Lüften unwirtschaftlich und unökologisch – aufgrund der höheren Heizkosten und der verlorenen Energie.

Die Sorgen der Eltern berücksichtigen

So richtig überzeugt davon, dass die Filter die Werte verbessern, sind nur wenige Räte. „Das ist eine Placebo-Wirkung“, sagt Eberhard Negele (Freie Bürger). Er geht davon aus, dass die Aufstellung der Filter zwar die Sorgen der Eltern und Lehrer mindert, aber die Geräte keinen oder nur einen geringen Effekt haben. Nichtsdestotrotz: „17 000 Euro tun mir überhaupt nicht weh, das sind Peanuts“, sagt Negele. Die Gemeinde solle die Geräte im Anschluss nur nicht wegwerfen, sondern weiternutzen. Kämmerer Stefan Obenland stellt in Aussicht: Entweder das oder sie werden verkauft.

Auch Martin Schwegler und Martin Zerrer (CDU/Freie Wähler) glauben, dass die Räte in dieser Entscheidung vor allem die Sorgen der Eltern berücksichtigen müssen.

Bürgermeister Jochen Müller möchte ein Signal an die Eltern und die Lehrer senden, dass die Gemeinde etwas tut, um sie und die Kinder keinen gesundheitlichen Risiken auszusetzen. Auch betont er, dass die Gemeinde schnell geprüft hat, was möglich ist: „Wir haben da richtig Gas gegeben.“

  • Bewertung
    2
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!