Korb Physios lehnen weiterhin Patienten ab

Seit vielen Jahren auf urologische Probleme spezialisiert: Die Korber Physiotherapeutin Heide Lust. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi (Archiv)

Korb.
Noch immer ist der Streit zwischen Physiotherapeuten und der Krankenkasse IKK classic nicht vollends ausgestanden – das sagen zumindest die Physios. Es geht um Rückforderungen der Kasse bei den Therapeuten für Rezepte, die teilweise vor vielen Jahren ausgestellt wurden – laut IKK classic fehlerhaft (siehe "Das Problem mit den Rückforderungen").

Unter den Physiotherapeutinnen, die sich wehren, ist die Korberin Heide Lust (54). Zwar hat die Expertin für urologische Leiden die Nachzahlungen geleistet. Ihre Zulassung für die Krankenkasse hat sie allerdings zurückgegeben. „Ich nehme nach wie vor keine IKK-classic-Kunden an“, sagt Heide Lust auf Nachfrage unserer Zeitung. Zwar ist die IKK classic der Auffassung, es sei gar nicht möglich, die Zulassung für nur eine Kasse allein zurückzugeben, Lusts Anwalt sei da jedoch anderer Meinung, „schließlich ist die Zulassung damals auch einzeln beantragt worden“.

Patienten abzulehnen, aus Angst vor finanziellen Einbußen, falle ihr sehr schwer, das sagte Heide Lust bereits im Gespräch mit unserer Zeitung im Oktober 2019, gerade weil sie sich auf vermeintlich peinliche Probleme wie unkontrollierten Urinverlust spezialisiert hat. Wer unter einer urologischen Krankheit leide, traue sich oft nicht mehr vor die Tür. Heide Lusts Behandlung kann Abhilfe schaffen, etwa mit Übungen für den Beckenboden.

Experten wie die Korberin gibt es nicht wie Sand am Meer. Manche Patienten der IKK classic wollen deshalb trotz des Aufnahmestopps nicht auf die Behandlung verzichten, sagt Lust. „Der ein oder andere kommt trotzdem – und bringt ein Privatrezept.“

IKK classic: „Weitgehend beruhigt und einvernehmlich bereinigt“

Mit der Rechnung wiederum gehe der Patient dann zur IKK classic, die für solche Leistungen ja grundsätzlich schon bezahlt, und fordere die Beteiligung direkt bei der Kasse ein. „Jetzt stellen sich die Leute ein bisschen auf die Hinterfüße, das ist sehr gut“, findet die Physiotherapeutin.

Derlei Fälle kann der Pressesprecher der IKK classic, Michael Förstermann, nicht bestätigen. Ihm seien diesbezüglich „keine nennenswerten Vorgänge bekannt“, heißt es auf eine Anfrage unserer Zeitung. Überhaupt: „Die Nachprüfungen, auf die Sie Bezug nehmen, wurden ja bereits vor einigen Monaten abgeschlossen.“ Im November 2019 habe es „ein konstruktives Gespräch der IKK classic mit dem Verband der Physiotherapeuten“ gegeben. Beide Seiten hätten „ihr Interesse an einer guten vertragspartnerschaftlichen Zusammenarbeit bekräftigt“. Für offene Fragen und Anliegen von Physiotherapeuten habe die Kasse eine „Clearing-Stelle“ eingerichtet. „Insofern ist die Situation aus meiner Sicht bereits seit längerem weitgehend beruhigt und einvernehmlich bereinigt.“

Die Gespräche und die Einrichtung der Anlaufstelle bestätigt auch Roland Hein, Justiziar des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Konfliktpotenzial zwischen Kasse und Therapeuten sieht er aber mindestens noch in den zurückgegebenen Zulassungen, wie bei Heide Lust. Landen solche Fälle irgendwann vor Gericht?

Physio-Anwalt übt auch Kritik an den Therapeuten

Bis jetzt habe die IKK classic, die der Auffassung ist, dass „die Rückgabe einer Zulassung nur für eine Kasse nicht möglich ist“, keine rechtlichen Schritte unternommen, sagt Roland Hein. Eine gerichtliche Auseinandersetzung scheue er aber nicht: „Nach meiner Auffassung ist die Rückgabe gar kein Problem.“

Was den von der IKK classic verkündeten Erfolg der Clearing-Stelle angeht, tappt der Physio-Verband derweil im Dunkeln. Hein sagt, er habe von wenigen Physiotherapeuten gehört, die tatsächlich eine Rückzahlung erhalten haben, aber auch von ebenso wenigen, die mit ihren Forderungen gescheitert sind. Wie viele Physiotherapeuten, denen Geld für alte, fehlerhafte Rezepte abgebucht worden ist, sich überhaupt an die Stelle gewandt haben, ist dem Physio-Verband nicht bekannt. Was das angeht, ärgert sich Hein auch über die Therapeuten selbst: Zu wenige meldeten ihre Erfahrungen an den Verband zurück.


Das Problem mit den Rückforderungen

Wie kamen die Rückforderungen der Krankenkasse zustande? In der Regel läuft das so: Ein Arzt schreibt ein Rezept, der Patient geht damit zum Therapeuten. Der hat eine gewisse Prüfpflicht, ob das Formular richtig ausgefüllt ist. Nach der Behandlung wird das Rezept an ein Rechenzentrum in Stuttgart geschickt und abgerechnet. Dann wandert es weiter zur Krankenkasse (oder deren Dienstleister), wo abermals geprüft wird, ob alles okay ist. Dann bekommt der Physiotherapeut das Geld mit Umweg über einen Abrechnungsdienst von der Krankenkasse überwiesen. Doch Anfang 2018 stellte die IKK classic fest, dass durch das von ihr beauftragte Abrechnungszentrum Emmendingen Rezepte abgerechnet wurden, die so nicht hätten ausgestellt werden dürfen. Als die Kasse das bemerkte, wurde ein neues Programm erarbeitet, mit dessen Hilfe sämtliche Rezepte, die noch nicht verjährt waren, noch einmal überprüft wurden.

In der Folge hagelte es Rückforderungen, die in manchen Praxen in die Tausende Euro gingen – und gegen die sich der Verband der Physiotherapeuten wehrt, der den Fehler eher bei der Kasse sieht.

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