Korber Höhe Brigitte Riedl schließt Friseursalon nach 35 Jahren

Die Bewohner des Stadtteils wussten den Friseurladen in der Nachbarschaft zu schätzen. Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. Nach Wirt Charly Herrmann vom Staufer-Kastell geht der Korber Höhe wieder eine Institution verloren: Brigitte Riedl schließt das erste und bisher letzte Friseurgeschäft des Stadtteils nach 35 Jahren. Eine Ära, in der die „Cut & Style“-Chefin nicht nur Haare pflegte, sondern bei Bedarf auch als Seelentrösterin ihrer Kunden wirkte.

Schweren Herzens gibt die 67-Jährige ihren Laden auf. Der Vertrag läuft aus und ihre Augen machen nicht mehr richtig mit. Allzu gerne hätte sie ihren Stammkunden eine Nachfolgelösung präsentiert, doch eine fast sicher geglaubte Kandidatin sprang relativ kurzfristig ab. Noch verbleibt ein Großteil der Einrichtung im Laden – in der Hoffnung, dass sich doch noch was tut. Für Föhns und Spiegel stehen schon einige Abnehmer bereit: Brigitte Riedl hat Fans, die gerne Erinnerungsstücke mit nach Hause nehmen würden.

Ein Umstand, der Bände spricht über die Beliebtheit des familiär geführten Salons im Mikrozentrum. Die erste Dame, die 1983 das Geschäft betrat, kam bis zuletzt jede Woche zur gleichen Zeit. Manche Kunden kamen nicht nur zum Haareschneiden, sondern schätzten die Atmosphäre – und kamen einfach auf ein „Schwätzle“ mit der Chefin vorbei.

Echtes Meister-Handwerk statt billiger Maschinen-Schnitt

Als junge Friseurmeisterin wagte Brigitte Rumpel, wie sie damals noch hieß, den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit und ins neue Mikrozentrum, wo nach und nach die ganze erste Generation in den Ruhestand geht. Davor hatte sie im SI-Centrum und bei Breuninger als Herrenfriseurin geschafft – was recht einträglich war, denn die Männer gaben der jungen Frau immer etwas mehr Trinkgeld, wie sie sich lächelnd erinnert. Auf der Korber Höhe frisierte sie Männlein und Weiblein ebenso wie Kinder, die mittels Gummibärchen zum Stillhalten bestochen wurden: „Da war ich die Heldin.“ Geschnitten wurde fast ausschließlich von Hand, darauf legt die Meisterin Wert. Die Maschine kam höchstens für die Ränder zum Einsatz. Dem Schnell-Schnell der Billigkonkurrenz setzte sie unverdrossen qualitätsvolles Meister-Handwerk entgegen.

Wahrlich, die Frisurenmode hat sich gewandelt. Die Achtziger als hohe Zeit der Dauerwelle garantierten Friseuren ein gutes Einkommen. Heute stehen eher Farbspiele, Strähnchen und Highlights im Mittelpunkt. Bei Älteren waren Toupagen gefragt, jetzt wird mit Volumenwellen gegen dünnes Haar getrickst oder mit einem coolen Schnitt das Beste daraus gemacht. Zeitweise versuchte sich die Inhaberin zusätzlich mit einem Nagelstudio, was sich aber als allzu staubige Angelegenheit erwies. Gesichtspflege wurde geboten, und für „ausgewählte Kunden“ stand im Untergeschoss eine Sonnenbank bereit. Dreimal hat die Chefin den Laden umgebaut, zuletzt vor vier Jahren. Viele machen den Fehler nichts zu ändern, meint sie. Hart fürs Geschäft waren lange Streikphasen in den Achtzigern. Nach wochenlangem Ausstand hatten die Leute schlicht kein Geld mehr übrig – an den Frisuren wurde gespart.

"Als Friseurin wird man mit der Zeit ein halber Psychiater"

Bis zu sechs Leute arbeiteten im Salon – sie alle gingen bei der Chefin in die Lehre. Auch ihr Sohn Marcel, der inzwischen in Pforzheim mit seiner Frau ein eigenes Geschäft betreibt. Auf der Friseurschule hatte sich das Paar kennengelernt. Seit einigen Jahren beschäftigt Brigitte Riedl keine Azubis mehr, denn die Erfahrungen wurden immer schlechter. Null-Bock-Haltung und Schulschwänzerei waren der „Friseurin aus Leidenschaft und Herzblut“ ein Dorn im Auge.

Die Kunden kamen nicht nur von der Korber Höhe, sondern auch vom Galgenberg, den übrigen Stadtteilen Waiblingens, sogar aus Stuttgart und Umgebung. Doch besonders für die Älteren in der Nachbarschaft war es wichtig, einen Friseursalon in der Nähe zu haben. Ein Nachteil für die Infrastruktur der Korber Höhe. Wer sich früher schon als Kind die Haare kappen ließ, bringt heute als Mama oder Papa die eigenen Kinder. Lebensgeschichten und Scheidungen hat Brigitte Riedl unzählige mitbekommen. Manche Gäste sagen, es müsste für mehrere Romane reichen. „Als Friseurin wird man mit der Zeit ein halber Psychiater“, sagt sie mit nachdenklichem Blick. Doch den Humor hat sie über aller Schwere nicht verloren – ihr Lachen wirkt prompt ansteckend.


Urlaubsträume

In 35 Jahren war der Salon auch in der Urlaubszeit nie geschlossen,, obwohl die Chefin sich zweimal im Jahr Urlaub gönnte.

In Zukunft wird er länger ausfallen, denn das ist der Traum von Brigitte Riedl: „Ich möchte ein viertel oder halbes Jahr in Andalusien verbringen.“

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