Kretschmann in Winnenden Die besondere Winnender Zuversicht

Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Neujahrsempfang 2019 in Winnenden Foto: Büttner / ZVW

Winnenden. Die Winnender haben bewiesen, dass sie Zuversicht haben, weil sie vor zehn Jahren nach dem Amoklauf zusammengestanden sind. Dies war eine Botschaft, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Neujahrsempfang in der lückenlos mit Menschen gefüllten Hermann-Schwab-Halle den Winnendern zurief. Die andere war: „Suchen Sie nach dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält.“

Kretschmann kämpfte mit einem rauen Hals, musste husten, sich räuspern und warmreden, aber er kennt die kleinen Städte und ihre Befindlichkeiten, erzählt zunächst etwas von Backnang (!), das sich Murrmetropole nennt. Backnang könne sich so nennen. Es liege ja an der Murr. Winnenden nicht. „Winnenden wird zur Heimatmetropole unseres Landes.“ Damit hatte er den Draht zum Publikum. Die Heiserkeit schwand. Aus dem Heimattageprogramm pickte sich Kretschmann die 50-Jahr-Feier der Städtepartnerschaft mit Albertville heraus und war sofort bei einem seiner großen wiederkehrenden Themen: Europa. „Ich gratuliere Ihnen zu dieser Partnerschaft. Glauben Sie mir: Das ist so wertvoll in diesen Zeiten.“ Auf Städtepartnerschaften bauen Freundschaften zwischen europäischen Ländern auf. „Von einem geeinten Europa wird viel von unserer Zukunft abhängen.“

Gegen extremes Ausnahmeverhalten gibt es keinen absoluten Schutz

Kretschmann verknüpfte in Winnenden die kleine Stadt und die große Politik. Den Amoklauf, der vor zehn Jahren die Stadt erschütterte, sprach er direkt an. „Solch ein Gedenken reißt natürlich Wunden auf.“ Die Schmerzen der Hinterbliebenen, der Betroffenen und der Helfer seien heute noch da. Kretschmann erinnerte an das Streben nach Sicherheit nach diesem Schicksalsschlag und wies auf die begrenzten Möglichkeiten der Politik: „So ein Amoklauf ist ein extremes Ausnahmeverhalten. Dagegen kann es keinen absoluten Schutz geben. Entscheidend ist die Suche nach dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält.“

Politik ist nicht dazu da, die Menschen glücklich zu machen

Politik hat ihre Grenzen. Das ist Kretschmanns weitere Botschaft, die sich an alle im Land richtet. Glück, zum Beispiel, ist für ihn kein Ziel der Politik. „Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, Politik sei dazu da, die Menschen glücklich zu machen.“ Das sei gar nicht möglich. „Schon deshalb nicht, weil jeder unter Glück etwas anderes versteht.“ Der Staat habe nicht die Aufgabe, glücklich zu machen, aber er habe die Aufgabe, das Streben nach Glück möglich zu machen.

„Mut“ vermissen manche in der Politik. Kretschmann lächelte hintersinnig. Mut kann ziemlich unangenehm werden, wenn ein Politiker mutig das macht, was manchen Leuten gar nicht gefällt.

„Nicht solche Leute wählen, die bloß rummaulen“

Neben allen Heimattage-Ereignissen legte Kretschmann den Bürgern in der Hermann-Schwab-Halle das Wählen ans Herz: „Wichtig ist, dass Sie am 26. Mai zur Wahl gehen, und dass Sie nicht solche Leute wählen, die bloß rummaulen.“ Ein Staat brauche kritische und engagierte Bürger, aber er brauche nicht unbedingt „notorische Berufsnörgler“.

Kretschmann hält Winnenden für eine Stadt, die in eine schöne Landschaft eingebettet sei und die ein guter Wirtschaftsstandort sei. „Viele Städte im Land haben Hidden Champions, unerkannte Weltmarktführer. Winnenden hat einen weltbekannten Weltmarktführer.“ Dessen Name Kärcher sei sogar in den Wortschatz anderer Länder eingegangen. „Der Chef dieser Firma engagiert sich in einem wichtigen Verein, dem VfB“, erwähnte Kretschmann. Der VfB habe damit einen Aufsichtsrat aus einer Weltfirma. „Es wäre wichtig, dass auch der VfB wieder in höheren Regionen spielen würde, Herr Jenner.“

Johann Albrecht Bengel erklärte die Freude zur Christenpflicht

Die Winnender erinnerte der Ministerpräsident daran, dass vor über 300 Jahren der aus Winnenden stammende Theologe Johann Albrecht Bengel sagte: „Freude ist nicht alleine Gemütsbewegung, sondern auch eine Pflicht des Christen.“ Nun sei Bengel ein Pietist gewesen. Man müsse das vielleicht nicht allzu wörtlich nehmen, anstatt Freude könne man Zuversicht einsetzen. Dass sie Zuversicht hätten, hätten die Winnender vor zehn Jahren bewiesen, als sie zusammengestanden sind.

Wahrscheinlich war die Hermann-Schwab-Halle noch nie so stark besucht. Schätzungsweise 1000 Gäste saßen und standen im Saal und auf der Empore.

Hausmeister Hofmann stellte sich zeitweise unten an die Eingangstür und erzählte den Ankommenden, dass es nur Stehplätze in ganz dichtem Gedränge gebe. Vermutlich 150 bis 250 Gäste, die zur Tür gekommen waren, sind deswegen wieder weggegangen.

Wie angekündigt, wurde die Halle erst um Punkt 18 Uhr geöffnet. Auf dem Vorplatz der Halle hatte sich um 18 Uhr ein großer Menschenpulk gebildet, der lange im Regen ausharren musste. Wie aus der Stadtverwaltung zu erfahren war, war diese späte Saalöffnungszeit eine Vorgabe der Landespolizei.

OB Hartmut Holzwarth und seine Frau verzichteten bei diesem Empfang auf den üblichen Handschlag für alle Bürger am Eingang. Mit nur zehn Minuten Verzögerung konnte deshalb die Veranstaltung beginnen.

Die Organisatoren der Stadt hatten den Ablauf minutengenau so geplant, dass der offizielle Teil um 20 Uhr geendet hätte. Aber die beiden Hauptredner, Ministerpräsident Kretschmann und OB Holzwarth, hatten sich so in Schwung geredet und wichen oft vom Manuskript ab, dass die Minutenvorgaben nicht zu halten waren. Trotzdem: Der Abend hatte keine Längen.

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