Krimi des Monats Adrian McKinty: Dirty Cops

Adrian McKinty versucht in "Dirty Cops" seinem Protagonisten Sean Duffy einen schnöden Rätselkrimi auf den Leib zu schreiben. Doch der Plan geht schief, weil ihm etwas dazwischen kommt: Der Nordirlandkonflikt.

Nordirland, 1988: Sean Duffy von der Royal Ulster Constabulary (RUC) erhält einen Anruf. Ein Drogendealer wurde in einer Belfaster Sozialsiedlung erschossen. Mit einem Pfeil. „Indianer?“ – Fehlanzeige. „Oder dieser Bösewicht aus Sherwood Forest […]?“ Der war’s auch nicht. Normalerweise würde man zu dieser Zeit zu diesem Ort davon ausgehen, dass irgendeine paramilitärische Organisation dahintersteckt. Die „Irish Republican Army“, die „Ulster Defence Association“ oder vielleicht die ominöse „Direct Action Against Drugs“. Nur dass sich keine dieser Gruppen dazu bekennt – und deren Mitglieder in der Regel Zugriff auf etwas modernere Waffen haben. Vielleicht ein verrückter Einzeltäter? Duffy ist – wie so oft in seiner mittlerweile sechs Bücher umfassenden Polizeikarriere – völlig ratlos.
 

Der Nordirlandkonflikt / Die "Troubles" (1969-1998): Nach der Unabhängigkeit der Republik Irland in den 1920er Jahren blieben einige Provinzen im Norden des Landes in britischer Hand. Die "Troubles" bezeichnen den Konflikt zwischen den überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken, die eine Einigung Irlands anstrebten, und den britisch- und schottischstämmigen Protestanten, die sich gegen diese Forderung wehrten (auch Unionisten genannt). 

Royal Ulster Constabulary (RUC): 1922 gegründete Polizeitruppe für die nordirischen Provinzen. Neben normalen Polizeiaufgaben erfüllten sie auch die Aufgabe, den politischen Status Quo zu erhalten.

Aufgewachsen im Schatten der „Troubles“

Der nordirische Autor Adrian McKinty ist in den 70er Jahren in Carrickfergus, direkt an der Irischen See aufgewachsen. Es war das Jahrzehnt des „Bloody Sunday“, an dem britische Fallschirmjäger während einer Demonstration in Derry 13 Demonstranten erschossen. Das Jahrzehnt des „Bloody Friday“, an dem in Belfast 22 Bomben explodierten. Das Jahrzehnt, dessen Ereignisse Anfang der 80er im großen Hungerstreik mündeten, bei dem sich IRA-Gefangene im Maze-Gefängnis aus Protest zu Tode hungerten. Sprich: McKinty ist in einer Hochphase des Nordirlandkonflikts groß geworden, nur einen Steinwurf von der zerrissenen Hauptstadt Belfast entfernt. Das hat ihn geprägt.



Als McKinty Jahrzehnte später auf die Idee kam, eine Krimi-Reihe über die "Troubles" zu schreiben, stieß er auf Ablehnung. Das Thema wäre zu schwierig, zu emotional, die Leute würden das nicht lesen wollen. Er ließ sich nicht davon abbringen. Heute sind seine Sean-Duffy-Bücher ein internationaler Erfolg, und es gibt kaum einen wichtigen Krimipreis, den McKinty noch nicht in der Tasche hat. Was aber macht diese Reihe so gut?

Nette Geschichten aus der Hölle

Wenn man „Dirty Cops“ liest hat man das Gefühl, Adrian McKinty würde gerne harmlose Rätselkrimis schreiben. Krimis, in denen es nur darum geht, einen Mord aufzuklären, in denen am Ende der überführte Täter haarklein sein Vorgehen beschreibt, während der Kommissar gemütlich an seiner Pfeife oder Zigarette zieht. Ein bisschen Agatha Christie, ein bisschen Sherlock Holmes, nur eben im Nordirland der 80er Jahre. Das Problem ist: Im Nordirland der 80er Jahre ist für solche netten Krimigeschichten kein Platz.

Der Tod lauert unter dem Dienstwagen

Man betrachte sich nur mal die Hauptfigur: Sean Duffy ist bei der Carrickfergus RUC, der Polizeitruppe mit der (zumindest damals) höchsten Todesrate der Welt. Er ist außerdem Katholik, und damit prädestiniert dafür, die IRA bei ihrem Kampf für eine Wiedervereinigung Irlands zu unterstützen. Tut er aber nicht. Stattdessen arbeitet er indirekt für die britisch-protestantische Besatzungsmacht und ist dafür zuständig, den politischen Status Quo zu erhalten. Leute wie er galten damals als Verräter, und die IRA ließ ein saftiges Kopfgeld für ihre Ermordung springen.

Deshalb geht Duffy jeden Morgen, bevor er zur Arbeit fährt, vor seinem BMW auf die Knie. Auf der Suche nach einer Autobombe. Deshalb entwickelt er einen Zynismus, der in jedem anderen Kriminalroman als Coolness durchgehen würde. „Eine Kugel in den Kopf ist die schnellste Kur gegen eine Asthmaatatacke“, lässt er die Leser beispielsweise wissen. Oder: „Wenn man schon auf sich schießen lassen muss, dann ist Belfast der beste Ort dafür.“ Doch diese lässigen Sprüche sollen nur seine Angst übertünchen. Er hat eine kleine Tochter, eine Freundin, einen Kater und eine grandiose Plattensammlung. Nicht zum ersten Mal überlegt er deshalb, seine Heimat zu verlassen, um sein Leben zu behalten.

Erschwerte Ermittlungsbedingungen

Dabei geht es in „Dirty Cops“ anfangs relativ ruhig zu. Während die Oberen der verschiedenen Konfliktparteien in Geheimgesprächen auf einen Frieden hinarbeiten, halten die Paramilitärs auf der Straße die Füße still. Doch während Duffy im Fall des ermordeten Drogendealers nur langsam vorankommt, wird Nordirland von Ereignissen überrollt. Auf dem Milltown-Friedhof in Belfast wird die Beerdigung in Gibraltar gefallener IRA-Mitglieder von einem Mann namens Michael Stone angegriffen. Michael Stone ist Mitglied der protestantischen UDA. Er stürmt das Begräbnis, schießt um sich, wirft Handgranaten, tötet drei Menschen und verletzt sechzig weitere. Stone überlebt, geht in den Knast, schreibt seine Memoiren. Jahrzehnte später wird er versuchen, bis an die Zähne bewaffnet das nordirische Parlamentsgebäude zu stürmen. Sein Anwalt wird das Ganze als klaren Fall von „Performance-Kunst“ abtun.
 

Irish Republican Army (IRA): Paramilitärische Gruppe, die den Anspruch hatte, die irisch-nationalistischen Katholiken zu vertreten. Es wird unterschieden zwischen der "real" IRA und der provisorischen IRA (PIRA).

Ulster Defence Association (UDA): Paramilitärische Gruppe, die den Anspruch hatte, die Uniosten zu vertreten.

Direct Action Against Drugs (DAAD): Terroristische Gruppe, die Selbstjustiz an Drogendealern übte.

Michael Stone: Für das "Miltown Cementery Massacre" wurde Michael Stone zu 800 Jahren Haft verurteilt. Zwölf Jahre später kam er wieder frei. 2008 musste er dann erneut für 16 Jahre ins Gefängnis. Seine Autobiographie "None Shall Divide Us" ist im Verlag Blake Publishing erschienen.


Die Realität ist grausam, die Realität hält sich nicht an Literaturhandbücher, und sie ist verdammt kompliziert. Der Autor weiß das. Es sind die verstörenden Geschichten, die es nur im echten Leben gibt, die McKintys Krimis von vielen anderen abheben. Mehr noch: Ihm gelingt, worum viele seiner Kollegen ihn sicherlich beneiden. Zum einen erzählt er lockere, humorvolle Geschichten, die man schon mal in einer schlaflosen Nacht durchschmökern kann. Zum anderen haben seine Romane trotz dieser Lockerheit eine unglaubliche Tiefe. Man kann sich jahrelang mit den Themen beschäftigen, die in „Dirty Cops“ mal eben in einem Nebensatz angerissen werden.



Der Volker Kutscher Nordirlands?

Man könnte sagen: Adrian McKinty ist der Volker Kutscher Nordirlands. Mit zwei großen Unterschieden. Erstens schreibt McKinty noch besser. Zweitens schreibt Volker Kutscher Krimis, die in der NS-Zeit spielen, einer Zeit, mit deren Aufarbeitung wir uns hier in Deutschland seit Jahrzehnten beschäftigen. McKinty hat es schwerer. In Nordirland spricht man nicht gerne über die „Troubles“. Klar gibt es Museen, geführte Touren, und unzählige Bücher zu diesem Thema. Aber der Frieden ist vergleichsweise frisch, und die schmerzhaften Ereignisse noch viel zu stark im Gedächtnis der Menschen verankert. Zudem kommt man außerhalb der irischen Grenzen so gut wie nicht mehr mit dem Thema in Berührung – daran hat der Brexit nur bedingt etwas geändert. Man kann Adrian McKinty daher nicht genug dafür danken, dass er dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte zurück ans Tageslicht holt. Und das auch noch so verdammt gut verpackt.


Das Buch und die Reihe

"Dirty Cops" von Adrian McKinty ist bei Suhrkamp Nova als Klappenbroschur erschienen. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 392 Seiten, 14,95 Euro. Band 6 der Sean-Duffy-Reihe.

Weitere Bände der Reihe (ebenfalls bei Suhrkamp erschienen):

  • Band 1: "Der katholische Bulle"
  • Band 2: "Die Sirenen von Belfast"
  • Band 3: "Die verlorenen Schwestern"
  • Band 4: "Gun Street Girl"
  • Band 5: "Rain Dogs"

Im Original sind übrigens alle Bände nach (Zitaten aus) Songs von Tom Waits benannt. "Dirty Cops" trägt beispielsweise den wunderschönen Titel "Police at the Station and They Don't Look Friendly".

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)

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