Krimi des Monats Astrid Holleeder: Judas

Der Vater zwingt sie, ihr Erbrochenes zu essen, der Bruder droht Freunden und Familie mit dem Tod: Astrid Holleeder hat Schlimmes erlebt. In "Judas" erzählt sie davon. Foto: Mogck / ZVW

Wie bringt man seinen Bruder in den Knast? Und was muss man durchgemacht haben, um das überhaupt zu wollen? Astrid Holleeder erzählt in "Judas" schonungslos aus der Hölle, die ihr Leben ist. Eine Autobiografie, die sich mit den besten Krimis messen kann. 

Wir schreiben den 9. November 1983. Willem "Wim" Holleeder, Cor van Hout und drei weitere Männer entführen den Erben der Brauerei Heineken. Es ist einer der berühmtesten Kriminalfälle des letzten Jahrhunderts, der Name Holleeder wird über Nacht weltbekannt. Die Geschichte von Astrid Holleeder, Schwester von Wim und Schwägerin von Cor, kennt bis heute kaum jemand. Es ist die Geschichte einer Frau, die ihr Leben lang terrorisiert wird – und schließlich ihr Leben aufs Spiel setzt, um das zu ändern. Heute lebt sie in ständiger Angst vor einem Attentat. Ihr Bruder bestimmt ihr Dasein, selbst aus dem Gefängnis noch.

Totale Kontrolle

Das Bild, das Astrid Holleeder von Wim zeichnet, lässt sich am besten in einem Wort beschreiben: Kontrolle. Ihr Bruder kontrolliert nicht nur sein Umfeld durch eine perfide Mischung aus Drohgebärden, Schmeicheleien und Überwachung, sondern auch, wie er nach außen hin wahrgenommen wird: Der berüchtigte Verbrecher inszeniert sich lautstark als helfende Hand. Aus Angst, abgehört zu werden, wird innerhalb der Familie dagegen nur in Codes kommuniziert. Eine Tasse Tee beschreibt einen Treffpunkt, eine Frage enthält eine Warnung. Niemals sensible Themen im Haus ansprechen, niemals in der Nähe von Fahrzeugen. Keine Namen. Wenn jemand sterben soll, formt er die Finger einfach zur Pistole. "Wir sprechen nur laut, wenn wir wollen dass unser Gespräch aufgezeichnet wird."

Wim ist sein eigener PR-Mann, und er ist verdammt gut darin. Was also kann Astrid der Justiz liefern, um Wim hinter Gitter zu bringen? Nichts, was vor Gericht Bestand hätte. Sie muss sich erst das Vertrauen ihres Bruders erschleichen, sich unentbehrlich machen, ihn zum Reden bringen. Sie muss zurück in das Leben, das sie unbedingt hinter sich lassen wollte.

Die Schreckensherrschaft des Vaters

Astrid wächst als jüngstes von vier Kindern im Jordaan, einem ehemaligen Amsterdamer Arbeiterviertel auf. Ihr Vater arbeitet in einer Fabrik, die später von Heineken übernommen wird. Wenn er sich mal nicht dort aufhält, tyrannisiert er die Familie. Astrid, und ihre Geschwister Gerard, Sonja und Wim leben in ständiger Angst. Ein falsches Wort, und er schlägt zu. Widerspruch ist selbstverständlich verboten. Schreien auch.

Selbst als Astrid sich die Haut so schlimm verätzt, dass sie sich von ihren Armen schält, traut sie sich nicht zu weinen. Denn seine Strafen fallen bestialisch aus: Einmal hat sie beim gemeinsamen Abendessen keinen Appettit mehr, isst aber Weiter, aus Angst vor den Konsequenzen. Sie übergibt sich schließlich auf den Teller. Ihr Vater zwingt sie, das Erbrochene zu essen. Ihre Mutter will das nicht zulassen. Ihr Vater holt aus. Alltag bei den Holleeders. 

Wie der Vater, so der Sohn

Schon als Kind entwickelt Astrid den Plan, ihren Vater umzubringen. Tut es aber nicht. Währenddessen geht ihr ältester Bruder Wim zum Sport, wird kräftiger, und ist seinem Vater irgendwann körperlich überlegen. Er beendet dessen Schreckensherrschaft und verlässt das Haus seiner Eltern, um sein eigenes Leben zu führen.

Auch wenn es ihn in die Amsterdamer Unterwelt zieht, ist er für Astrid zu diesem Zeitpunkt ein Ritter in glänzender Rüstung. Er hat sie befreit. Doch nach und nach nimmt Wim die Verhaltensmuster seines Vaters an, verfällt seinen Freundinnen gegenüber in den gleichen Kontrollwahn und entpuppt sich als Tyrann, der dem bisherigen Famillienoberhaupt mindestens ebenbürtig ist. 

Brutale Offenheit

Astrid Holleeder erzählt das alles auf eine brutal offene Art, wahrt aber tortzdem analytische Distanz. Als Leser hat man das Gefühl, ihr direkt in die Seele zu schauen, während sie selbst neben einem steht. Ein bisschen so, als wäre man ihr Beichtvater, Therapeut oder Anwalt, und ihre Lebensgeschichte ein einziges Geständnis.

Je länger man ihren Erzählungen folgt, umso stärker beschleicht einen außerdem das Gefühl, sie würde sich rechtfertigen wollen. Der Titel des Buches, "Judas", untermauert diese Annahme. Wieso hat eine Frau, die durch die Hölle gehen musste, ein schlechtes Gewissen dabei, ihre Peiniger einer gerechten Strafe zuzuführen? Die Antwort auf diese Frage ist trotz der klaren Sprache einer reflektierten Autorin nur schwer zu greifen. 

Aus Angst wird Panik

Es geht aber immer noch schlimmer: Zwei Ereignisse sorgen dafür, dass aus der ständigen Angst blanke Panik wird. Das erste Ereignis ist die Entführung von Alfred Heineken und dessen Chauffeur. Astrid und ihre Schwester Sonja, die gleichzeitig die Ehefrau von Mit-Entführer Cor ist, geraten in das Visier der Polizei. Sie werden eingesperrt, vernommen, und ohne nähere Angaben von Gründen wieder vor die Tür gesetzt.

Das zweite Ereignis ist ein Streit zwischen Wim und Cor, der sich im Kern um das verschwundene Lösegeld von mehreren Millionen Gulden dreht. Es gibt mehre Anschläge auf das Leben von Cor und seiner Familie, bis Cor schließlich auf offener Straße ermordet wird. Wim trauert, ist plötzlich wieder ganz der große Bruder. Wenig später wird klar: Er hat den Auftrag gegeben. Es ist nicht der erste, und nicht der letzte Mord, der auf Wims Konto geht.

Harter Stoff

Dieses Buch platzt nur so vor unglaublichen Geschichten, und ist dabei ebenso leicht zu lesen, wie es schwer zu verdauen ist. Astrid Holleeder schreibt, als hätte sie nie etwas anderes getan, und lässt nach einem ohnehin schon düsteren Anfang durch eine geschickte Anordnung der einzelnen Fragmente ihres Lebens alles zum Teufel gehen. Abwärtsspirale statt Spannungsbogen.

"Judas" ist harter Stoff über eine harte Welt, die fast schon absurd initme Geschichte einer Frau, die sich wehrt, und trotzdem wahrscheinlich nie so etwas wie Normalität kennen lernen wird. Als sie eine Freundin fragt, ob sie ihren Bruder hinter Gittern bringen soll, obwohl er sich mit Sicherheit an ihr rächt, sagt diese sinngemäß: Was hast du denn zu verlieren? Dein Leben kann doch nicht mehr schlimmer werden. Traurig, aber wahr. Nach der Lektüre ihrer Autobiografie kann man sich jedenfalls wenig vorstellen, das schlimmer wäre, als ein paar Tage lang in der Haut von Astrid Holleeder zu stecken. Auch wenn es sich so anfühlt, als hätte man das gerade über 400 Seiten lang getan.


Das Buch

"Judas. Wie ich meinen Bruder verriet, um das Morden zu beenden. Eine wahre Geschichte" ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Niederländischen stammt von Inge Klöbener-Jones und Per Marquardt. 416 Seiten, 24 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)

  • Bewertung
    0
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!