Krimi des Monats Carlo Bonini: ACAB

In "ACAB" wirft Carlo Bonini einen Blick über den Spielfeldrand hinaus und fragt: Woher kommt all diese Wut? Foto: Monck / ZVW

Zur Fußball-WM kann man sich schon mal die Frage stellen, ob es eigentlich gute Krimis über Fußball gibt. Die Antwort lautet: Ja, die gibt es. Allerdings gilt für "ACAB" von Carlo Bonini nicht das berühmte Preißler-Credo "entscheidend ist auf'm Platz". Abseits des Rasens und der öffentlichen Aufmerksamkeit entwirft der italienische Journalist in seinem Roman das Bild einer Gesellschaft, die vor allem eines fühlt: Wut, Wut, Wut. 

Wer eine heitere Literaturbeilage zum Großereignis in Russland erwartet, wird gleich auf den ersten Seiten eines Besseren belehrt. Zwei Fußballfans fahren auf der Autobahn zum Spiel ihrerer Lieblingsmannschaft, als ein Wagen neben ihnen auftaucht. Er überholt nicht, lässt sich auch nicht wieder zurückfallen, sondern fährt einfach parallel zu ihnen weiter. Sie beschleunigen. Der andere Wagen auch. Sie bremsen. Plötzlich fliegen Gegenstände, fallen Schüsse, quietschen Reifen. Und zwei die beiden Freunde, die einfach nur ein Spiel schauen wollten, kommen beinahe zu Tode. Weil sie in den Augen derer, die im anderen Wagen lachend davonbrausen, die falsche Mannschaft anfeuern. 

Diese Anfangsszene steht exemplarisch für das, was den Leser in "ACAB - All Cops Are Bastards" erwartet. Natürlich geht es um Fußball, um Fantum und Hooligans. Aber lässt sich mit der Leidenschaft für einen Ballsport wirklich die Gewaltbereitschaft erklären, die es braucht, um den Tod eines anderen Menschen in Kauf zu nehmen?

Das "schwarze Herz der Polizei"

Im Zentrum des Romans, der diese Frage zu beantworten versucht, stehen neben dem Fußball die "Celerini", die italienische Bereitschaftspolizei. Zwischen Flüchtlingslager und Fußballstadion werden sie immer dort hinzugezogen, wo es brennt. Sie verstehen sich selbst als Rechte, als "römische Legionäre". Einige von ihnen verehren Mussolini und beschreiben in heroischer Prosa und pathetischen Pamphleten ihre Philosophie, die sich auf folgende Formel bringen lässt: "Italien ist kein Stiefel, sondern der Springerstiefel der Bereitschaftspolizei".

In einer wunderschönen Parallelmontage zeigt Bonini, welche grausame Realität dem theoretischen Geschwurbel von Verbrüderung und Stärke gegenübersteht. Er zitiert die Anweisungen eines Handbuches für den Gebrauch der sogenannten "Tonfas", stahlharter Knüppel, mit denenen man "den Schenkelknochen eines Ochsen zertrümmern“ könnnte. Dem verklausulierten Ton der beschriebenen Bewegungsabläufe und Vorschriften stellt er nüchtern-schmucklose Auszüge aus Polizei-Akten gegenüber, in denen beschrieben wird, was diese "Tonfas" anrichten: Wunden, Brüche, schwerste Verstümmelungen. 

Politische Theorien und Faustrecht

Dieses Motiv zieht sich durch den ganzen Roman: Auf der einen Seite der Versuch, Gewalt theoretisch zu rechtfertigen, auf der anderen Seite die rohe Brutalität, die all die schönen Worte Lügen straft. Die Protagonisten bauen sich ihre Welt aus Begriffen wie Faschist, Neo-Faschist, Rechts, Links, Hool und Ultra, doch wissen selbst nicht, was sie damit meinen. Den meisten von ihnen ist es egal, solange es als Legitmation dafür taugt, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. 

Gegen wen diese Wut sich richtet, ist nämlich alles andere als klar. Im interenen Forum der Bereitschaftspolizei finden sich Wutreden auf das "Italien der Gutmenschen", die sich gegen die Diskriminierung mit Worten aussprechen würden, aber die wirtschaftliche Diskriminierung nicht anprangern. Es findet sich die Forderung, wieder "Herr im eigenen Haus" sein zu müssen, mit all den einhergehenden fremdenfeindlichen Implikationen. Es finden sich Aufrufe zum Widerstand: Kurz: Es geht zu wie in jedem anderen Online-Diskussionsforum im europäischen Raum, wenn nicht der gesamten westlichen Welt. 

Wütendes Europa

Auf den Straßen bricht sich das, was im Internet zu lesen ist, Bahn. Immer wieder sterben Menschen, und ihr Tod löst noch mehr Gewalt aus. Ein junger Mann auf dem G7-Gipfel. Eine Frau. Ein Lazio-Fan. „Sie werden uns alles büßen müssen. […] Alles, was in diesem Land nicht funktioniert.“ Dann wird auf den nächstbesten Menschen eingedroschen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, weil alles andere zu schwer zu greifen ist. 

"ACAB" ist ein wichtiges Buch. Literatur, der bewusst ist, welche Entscheidungen in den sogenannten "oberen Etagen" getroffen werden, aber von unten erzählt. Literatur über Leute, die glauben Bescheid zu wissen, über das, „was vor sich geht“, die aber nicht einmal genau sagen können, wer „die da oben“ eigentlich sind. Hilflosigkeit wird zu Hass, und am Ende steht blanke Eskalation. Schon 2006 ist das Buch in Boninis Heimat Italien erschienen, jetzt liegt es endlich auch in deutscher Übersetzung vor. An Aktualität hat es nichts verloren: Es bleibt bis heute eines der treffendsten Porträts europäischer Zustände. Das kommt dabei heraus, wenn Journalisten Krimis über Fußball schreiben. 


Das Buch

"ACAB. All Cops Are Bastards" ist im Folio Verlag als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Italienischen stammt von Karin Fleischanderl. 224 Seiten, 18 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)

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