Krimi des Monats Hugo Boris: Die Polizisten

Vier fahren zum Flughafen, nur drei wieder zurück: In Hugo Boris' Roman hadern Polizisten mit der Abschiebung eines Asylbewerbers. Foto: Mogck/ZVW

Dem preisgekrönten französischen Autor Hugo Boris ist ein wahres Kunststück gelungen. In "Die Polizisten" behandelt er auf engstem Raum in einem Polizeiauto die große Frage der europäischen Gegenwart: Wie umgehen mit den Geflüchteten?

Kein Thema bestimmte die europäische Öffentlichkeit der letzten Jahre stärker als die sogenannte Flüchtlingskrise. Auch in der Literatur ist sie natürlich längst angekommen. Trotzdem hat man das Gefühl, Hugo Boris' neuer Roman würde eine Lücke schließen. Der französische Autor nähert sich dem Thema nämlich aus der Perspektive einer gesellschaftlichen Gruppe, die im medialen Kontext zwar ständig im Zusammenhang mit Geflüchteten auftritt, dabei aber selten wirklich zu Wort kommt: Gewöhnliche Streifenpolizisten.

Die Ausgangssituation: Im Polizeiauto Richtung Todesurteil

Virginie und ihre beiden männlichen Kollegen sollen einen tadschikischen Asylbewerber vom Abschiebezentrum zum Flughafen eskortieren. Er muss zurück in sein Heimatland. Was sie noch nicht wissen: In Tadschikistan erwarten ihn weder Familie noch Freunde, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach der Tod. Gegen die Abschiebung wurde deshalb zwar schon Einspruch eingelegt, aber die Mühlen des Gerichts mahlen langsam, die Politik fordert dagegen entschlossenes Handeln. Nach einem kurzen, verbotenen Blick in die Abschiebepapiere wird aus der Fahrt kurz vor Dienstschluss für die drei Polizisten eine Reise nach innen, in die Untiefen ihrer eigenen Werte- und Moralvorstellungen.

"Die Polizisten" ist im doppelten Sinne ein Kammerspiel: Zum einen sitzen vier Personen in einem fahrenden Auto fest, was an sich schon eine angenehme Situation sein könnte, wäre es für einen von ihnen nicht die vielleicht letzte Fahrt seines Lebens. Zum anderen spielen sich die einzelnen Kapitel vor allem in den Köpfen der Protagonisten ab. Sie wälzen Gedanken hin und her, wägen Optionen ab, versuchen Entscheidungen zu treffen. Die Spannung entsteht demnach nicht durch Handlung selbst, sondern durch den inneren Zwang der Polizisten, irgendwie handeln zu müssen, bevor der Countdown abläuft. Denn während sie noch überlegen, was zu tun ist, rückt der Flughafen stetig näher.

Fragen über Fragen: Das Problem mit der Distanz

Was wiegt schwerer: Mein Wohlergehen oder das eines anderen? Das Leben eines Einzelnen oder das Wohl einer ganzen Nation? Geltendes Recht oder meine eigenen moralischen Werte? Wie sind diese Begriffe überhaupt definiert, wie unterschiede ich sie voneinander? Und wenn wir schon bei schwerwiegenden Fragen sind: Wie soll ich mich mit weltweiten Missständen im Hinterkopf noch banalen, alltäglichen Dingen widmen? Immer wieder gelingt es dem Autor scheinbar aus dem Nichts Situationen zu erschaffen, die symptomatisch für die gesamtgesellschaftliche Debatte stehen. Boris' Figuren - und mit ihnen die Leser - schlittern von einem Dilemma ins nächste. Antworten hat der Autor nicht anzubieten. Dennoch ist sein Roman keineswegs neutral gehalten.

Aus literarischer Sicht ist die lebendige Beschreibung der Charaktere schon ein Ereignis an sich. Man merkt, dass Boris für die Recherche mit echten Polizisten auf Streife war - es sind die vielen kleinen Details, die aus der Realität in die Fiktion übertragen seinen Figuren Tiefe verleihen. Aber das ist nicht der Punkt. Je mehr dieser Details erfahren, umso stärker fühlen wir mit den Polizisten, verstehen ihre Zweifel. Auf der fiktiven Ebene selbst funktioniert es genauso. Mit jeder neuen Information über den Asylbewerber steigt die Bereitschaft der Polizisten, dessen Abschiebung irgendwie zu verhindern. Fast so als wolle der Autor uns sagen: Es hat einen Grund, warum solche Entscheidungen in der Regel aus der sicheren Distanz eines Schreibtischs heraus getroffen werden.

Plädoyer für mehr Empathie: Ein Roman als Augenöffner

"Die Polizisten" ist weder ein tendenziöses, noch prätentiöses Buch. Es ist ein eindeutiges Plädoyer für mehr Empathie. Der Geflüchtete ist nicht einfach nur ein Aktenzeichen, kein Platzhalter, der stellvertretend für eine Nation/Region/Bevölkerungsgruppe steht, sondern ein Mensch mit Gefühlen und einer ganz individuellen Geschichte. Wäre es nicht einer der großen Kampfbegriffe, mit dem mittlerweile vor allem Rechte hantieren, würde man sagen: Ein Einzelfall. Auch die Polizisten sind nicht einfach nur der verlängerte Arm des Staates, Avatare in Uniform, ohne eigenen Willen. Es sind Menschen mit persönlichen Problemen, die beruflich auch noch die Probleme der restlichen Gesellschaft lösen sollen.

Was aus diesen Erkenntnissen folgt, überlässt der Autor seinen Lesern. Wahrscheinlich will er uns mit diesem Augenöffner von Roman aber nicht den selben Ratschlag mit auf den Weg geben, den Virginie von ihrem Kollegen erhält: Einfach die Augen schließen und ganz fest ans Vaterland denken.


Das Buch

"Die Polizisten" von Hugo Boris ist bei Ullstein als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Amelie Thoma. 192 Seiten, 20 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)
Michel Decar - Tausend deutsche Diskotheken (August)
Tom Franklin - Krumme Type, krumme Type (September)

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