Krimi des Monats Jo Nesbø: Macbeth

Motorradfahrer mit Maschinengewehren statt Reiter mit Schwertern - Nesbø verpasst dem klassischen Stoff eine Frischzellenkur. Foto: Mogck/ZVW

"Macbeth mordet den Schlaf" ist Programm: Der neue Jo Nesbø ist so spannend, dass man dafür abends gerne mal das Licht ein bisschen länger brennen lässt.  

Der Brite Peter James (Krimifans bekannt durch seine Roy-Grace-Serie) spekulierte 2016 im "Guardian": "Wenn Shakespeare heute schreiben würde, wäre er ein Krimiautor." Mit seinem Fokus auf Figuren und Plot, der Wahl einer - zumindest damals - populären Erzählform und seiner Vorliebe für Mord- und Gerichtsszenen, passe Shakespeare perfekt in das Profil heutiger Genre-Schriftsteller.

2018 geht der Norweger Jo Nesbø noch einen Schritt weiter. Er fragt: Wie würde das denn aussehen, wenn Shakespeare Krimiautor wäre? Seine Adaption von "Macbeth" liefert Antworten. Das Gute daran: Wer William Shakespeare nie gelesen hat, kann sich hinterher so fühlen, als hätte er es nachgeholt. Denn auch wenn Nesbø der Geschichte ein moderneres Setting verpasst, bleibt vieles beim Alten. Das fängt schon bei den Namen an:

"Aus dem Volk. Für das Volk. Mit dem Volk."

Macbeth, Leiter der Spezialeinheit bei der Polizei von Fife, ist eigentlich ganz zufrieden mit sich. Er hat einen Job, der zu ihm passt, seine Jungs lieben ihn abgöttisch und seine Abende verbringt er mit der vielleicht schönsten Frau der Stadt: Casinobesitzerin Lady. Dazu kommt, dass der neue Polizeichef, Duncan, einer von den Guten zu sein scheint. Er will das seit Jahren schwelende Übel der Korruption bekämpfen, um die desolate Lage der Stadt zu verbessern. Für alle. Macbeth will ihn dabei unterstützen.


Heute gibt es nur drei Geschäftszweige, in denen man bei uns noch reich werden kann: die Casinos, die Drogen und die Politik.“


Doch ist das wirklich schon alles, was er sich vom Leben erhofft? Nein, meint zumindest Lady. Er ist zu Höherem bestimmt. Wenn es nach ihr geht, brauchen die Menschen einen Anführer „[a]us dem Volk. Für das Volk. Mit dem Volk“, und wer könnte das sein, wenn nicht der Waisenjunge Macbeth? Wenn er dann an der Macht wäre, könnte er ihr - ganz nebenbei, versteht sich - vielleicht ja ihre Mitbewerber vom Hals schaffen. Und als würde seine Geliebte alleine nicht ausreichen, um den Machthunger in Macbeth zu wecken, prophezeien ihm auch noch drei Opium-Hexen in einer dreckigen Gasse einen steilen beruflichen Aufstieg.

Schnell offenbart sich den Lesern das Problem der Ambitionen, die in Macbeth heranwachsen: Trotz überraschender Beförderung gibt es noch ein, zwei Leute, die über ihm auf der Karriereleiter stehen - allen voran der Ritter in glänzender Rüstung, Duncan. Anfangs hat er noch Skrupel, doch dann kommt es wie es kommen muss: Macbeth verfällt seiner Gier nach Macht, und damit nach und nach dem Wahnsinn.

Ein Lehrstück in Sachen Dramaturgie

Nesbøs Adaption macht einen Höllenspaß. Statt schwertschwingenden Kämpfern auf Pferden gibt es eine Motorradgang mit Maschinenpistolen. Macbeths Spezialeinheit fährt gegen Ende sogar mobile Geschütze auf. Action ohne Ende also. Die Dialoge sind zum Niederknien. Die Figurenkonstellationen, die Charakterentwicklung, die Fülle der Themen, die auf engstem Raum behandelt werden, die Wendungen - "Macbeth" ist ein dramaturgisches Lehrstück. Und selbst dort, wo der Norweger sich vermeintlich verhebt, hält er sich doch treu an die Vorlage: Manche Motive wirken etwas plump, manche Namen allzu vielsagend. Man hat stellenweise das Gefühl, einen abgedrehten Comic zu lesen. Na und? "Zugänglich" nennt man das in der Shakespeare-Forschung.

Für alle, die so gar nichts mit Shakespeare, oder mit Büchern allgemein wenig anfangen können: Mochten Sie "House of Cards"? "Game of Thrones"? Wollen Sie einem Junkie dabei zusehen, wie er sich den Weg zum höchsten Amt der Stadt freischießt (Er kann sogar mit Dolchen werfen, kein Witz!)? Dann lesen Sie "Macbeth". Komischer Name, aber verdammt gute Unterhaltung. Ehrenwort.


Das Buch

"Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt " von Jo Nesbø ist bei Penguin als Hardcover erschienen. Die Übersetzung ins Deutsche stammt von André Mumot. 624 Seiten Seiten, 24 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)
Michel Decar - Tausend deutsche Diskotheken (Juli)
Tom Franklin - Krumme Type, krumme Type (August)
Hugo Boris - Die Polizisten (September)

  • Bewertung
    1
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!