Krimi des Monats "Bei den Lesungen musste ich mit Tränen kämpfen"

Frau Bohnet, ihr neuer Roman „Kerkerkind“ ist schwer einzuordnen. Wie würden Sie ihn selbst beschreiben?

Antikes Drama im Tarnmantel eines zeitgemäßen Kriminalromanes.

Die Figuren müssen ganz schön viel Leid ertragen. Auf Seite 172 fragte eine von ihnen: „Woher kommt nur all diese Gewalt?“. Ohne jetzt zu viel zu verraten – gab es beim Schreiben Momente, in denen es Ihnen schwer gefallen ist, einer Figur so übel mitzuspielen?

Beim ersten Band "Messertanz" ging mir das alles noch sehr nahe. Bei den Lesungen musste ich mit Tränen kämpfen. Ich behaupte mal, man kann nur intensiv über menschliche Untiefen schreiben, wenn man nicht nur davon, sondern auch etwas von Humor versteht. Mittlerweile habe ich gelernt, die Qual der Figuren von mir abzugrenzen. Das hält sonst auf Dauer kein Mensch aus. Oft ist es aber genau umgekehrt: Die Figuren spielen mir übel mit. Der Antagonist aus "Messertanz" zwang mich ständig, ihm in seine Vergangenheit zu folgen. Nach dem Schreiben musste ich mir wortwörtlich die Hände waschen.

Apropos Figuren: Die in „Kerkerkind“ dargestellten Lebensrealitäten sind zeitgemäß, authentisch, und deshalb auch absolut glaubwürdig. Die Handlung dagegen wirkt stellenweise unwahrscheinlich bis absurd. Wie passt das zusammen?

Unwahrscheinlich? So wie: Lahme können gehen? Blinde wieder sehen? Sie meinen wohl eher „extrem“. Ich halte es für schlichtweg uninteressant, ja unmöglich, Wirklichkeit oder Normalität lebensecht abzubilden. Das sollte guten Sachbüchern überlassen werden. Oder Dokumentationen. Oder der Realität selbst. Meine Romane stehen mit beiden Beinen fest in der Gegenwart, bekennen sich zu unserer Zeit, aber mit dem Kopf stecken sie in den Wolken. Ich überhöhe gern, wage etwas, kehre mich ab vom Naturalismus, springe und wende mich der Kunst zu, die alles darf und kann.

Rosa Lopez sagt auf Seite 36 zu Viktor: „Wir sind abhängig von Tötungsdelikten. Sonst wären wir arbeitslos.“ Gilt das auch für Krimiautorinnen? 

Absolut.

Wenn wir schon bei dem Thema sind: Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?

Ich nehme sie mir nicht. Sie kommen zu mir. Häufig bedrängen sie mich. Viele Gäste umlagern meinen Schreibtisch. Jeder einzelne buhlt um meine Aufmerksamkeit.

„Kerkerkind“ ist nach „Messertanz“ schon der zweite Roman mit Viktor Saizew und Rosa Lopez. Wie geht es für das Duo nach diesem Höllentrip weiter?

Natürlich höllisch. Viktor reist nach Moskau und wird dort Zeuge der Ermordung eines Schriftstellers. Obwohl er sich standhaft weigert, wird er in die polizeilichen Ermittlungen mit hineingezogen. Außerdem besteht gegen ihn in Russland noch ein alter Haftbefehl. Ich halte es mit Dantes „Göttlicher Komödie“ und den neun Höllenkreisen: Die Romane um die beiden Ermittler Lopez und Saizew sind als Serie angelegt. Betrachten Sie jeden Band als eine Art Vorhölle. Da gibt es noch viel Luft nach unten.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Irgendwelche letzten Worte an unsere Leser, bevor die sich in die Lektüre stürzen? 

Prepare for the unexpected!


Die Autorin

Katja Bohnet studierte Filmwissenschaften und Philosophie, moderierte für die ARD und schrieb für den WDR. Sie lebt heute – nach Zwischenstopps in den USA, Berlin und Paris – zwischen Frankfurt und Köln. 2015 erschien ihr erster Kriminalroman "Messertanz" im Knaur Verlag.

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)

  • Bewertung
    5
 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
    Kommentare werden vor der Veröffentlichung auf der Seite geprüft. Es gelten unsere Kommentarregeln. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden nicht veröffentlicht.