Krimi des Monats Katja Bohnet: Kerkerkind

"Kerkerkind" ist das, was man gerne eine Achterbahnfahrt der Gefühle nennt. Nur dass die Achterbahn, die es mit Katja Bohnet aufnehmen kann, erst noch gebaut werden muss. Foto: Mogck / ZVW

Katja Bohnet schickt ihre Ermittler Rosa Lopez und Viktor Saizew nach "Messertanz" bereits zum zweiten Mal auf eine Reise in die menschlichen Abgründe. Gegen ihre lebendigen Figuren und aberwitzigen Einfälle wirken 0815-Psychothriller wie eine Einschlafhilfe. 

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit in Skandinavien: Nach dem Tod des schwedischen Journalisten und Schriftstellers Stieg Larsson wurden posthum drei seiner Kriminalromane veröffentlicht. Die „Millenium“-Trilogie war ein weltweiter Bestseller, und die Welt wollte nach dem dritten Band noch lange nicht aufhören zu lesen. Die Welt verlangte nach mehr. Jahr um Jahr schwemmen die Verlage seitdem massenhaft Psychothriller in die Buchhandlungen, größtenteils generisches Gemetzel in minimal variierender Verpackung.

Auch Katja Bohnets neuer Roman wirkt auf den ersten Blick, als könnte er Teil dieser Schwemme sein. Schon der Titel weckt Assoziationen: „Kerkerkind“. Zwei der Lieblingsthemen von Psychothriller-Autoren in einem Wort – dunkle Verliese und kleine Kinder. Dazu das Bild eines vergitterten Fensters vor schwarzem Hintergrund. Der rote, wie von Rost angenagte Schriftzug darunter. Der weiße, blutverschmierte Rand des Buches. Alles da. Nur: Schaut man hinter die Fassade, lauert dort eine Genre-Grenzen sprengende Geschichte, wie man sie lange nicht mehr gelesen hat. 

Gluthitze in Berlin

In der Hauptstadt ist es unerträglich heiß. Die Feuerwehr wird zum Wannsee gerufen, weil die Bäume dort sich entzündet haben, und schon bald hängt eine riesige Rauchsäule über der Stadt. Und es kommt noch schlimmer: Nachdem der Brand erfolgreich bekämpft werde konnte, liegt zwischen verbrannten Ästen und Zweigen die verkohlte Leiche einer schwangeren Türkin. Vermutlich wurde sie erstochen und danach angezündet. Rosa Lopez und Viktor Saizew von der Mordkommission sind vor Ort. Lopez ist schwanger, Saizew wurde gerade ein Hirnturmor entfernt, beide stehen sie eigentlich mit einem Bein schon – oder noch – im Krankenhaus.

Als der Ehemann des Mordopfers wenige Zeit später auf dem Revier völlig ausrastet, scheint die Lösung des Falls zum Greifen nahe. Doch der Mann hat nicht nur kein Alibi, sondern bald auch schon keinen Kopf mehr. Und damit fängt das Chaos erst an: Eine nationalistische Nachbarschaftswache verteilt Flugblätter in Berlin, aus Russland kommt unverhoffter Besuch und zwischen mehreren Enthauptungen findet der frisch aus der Klinik entlassene Viktor Saizew noch Zeit für einen Abstecher nach Dänemark. Dort ist es wenigstens nicht ganz so heiß.

Symbiose aus Irrsinn und Realität

Das Faszinierende an diesem Roman ist die Gegensätzlichkeit seiner Qualitäten. Da sind auf der einen Seite die authentischen Figuren und das zeitgemäße Setting: Lopez und Saizew bewegen sich durch ein Berlin, das nicht aus einer Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten besteht, sondern aus vollgestopften U-Bahnen, verrauchten Dönerläden und einsamen Wohnungen. Teenager hocken in baufälligen Gebäuden und behindern per Youtube-Video die Ermittlungen. Eine Künstlerin schockt mit einer blutigen Performance. Eine Seniorin flieht aus dem Altenheim. Selbst in den kleinsten Dingen spiegelt sich gesellschaftliche Realität. Trotzdem ist "Kerkerkind" alles andere als realistisch.

Auf der anderen Seite ist da nämlich die irrwitzig dichte Geschichte. So gut wie jedes Kapitel endet mit einem Schicksalsschlag. Einer Gewalttat. Einem Mord. Einem Indiz, das eine bisher übersehene Verknüpfung sichtbar macht. In "Kerkerkind" finden sich mehr Dramen als im Spielplan eines durchschnittlichen Theaters. Alles hängt mit allem zusammen, und wenn man glaubt, schon alles gelesen zu haben, setzt Katja Bohnet noch einen drauf. Wendung um Wendung dreht die Autorin ihre Leserschaft durch die Mangel, und lässt dabei zu keiner Zeit so etwas wie Ruhe aufkommen. 

Wie das Leben selbst

Nun könnte man meinen: So arbeiten andere Autoren auch. Stimmt. Hier zeigt sich jedoch, wie die gegensätzlichen Qualitäten sich perfekt ergänzen. In der realistisch wirkenden Welt der Erzählung ist man bereit, auch das zu akzeptieren, was einem unrealistisch scheint. Vor allem, weil man viel zu sehr mit Mitfiebern beschäftigt ist.

Ob es nun an dem ganz eigenen Ansatz der Autorin, oder der Haken schlagenden Story liegt: Nach der Lektüre ist man jedenfalls völlig runter mit den Nerven. Was tut die Frau ihren Figuren nur an? Da könnte man schon mal "eine Achterbahnfahrt der Gefühle" aus der Floskelkiste kramen. Nur dass die Achterbahn, die es mit Katja Bohnet aufnehmen kann, erst noch gebaut werden muss. Denn ihre Geschichten sind wie das Leben selbst: Spannend, traurig, schmerzhaft, fies, überraschend, wunderschön - und manchmal etwas schwer zu glauben. 


Das Buch

"Kerkerkind" von Katja Bohnet ist bei Knaur als Klappenbroschur erschienen. 332 Seiten, 14,99 Euro. Der erste Band um die Ermittler Rosa Lopez und Viktor Saizew erschien 2015 ebenfalls im Knaur Verlag. 

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