Krimi des Monats Leonhard F. Seidl: Fronten

In "Fronten" gerät eine muslimische Ärztin zwischen einen psychisch kranken Bosnier und einen verwirrten Reichsbürger. Foto: Mogck / ZVW

Leonhard F. Seidl hat für seinen neusten Roman einen realen Fall ins Jahr 2016 geholt. Viel dazuerfinden musste er nicht. Doch statt einer Reise in die Vergangenheit ist ihm mit "Fronten" der Kriminalroman zur aktuellen gesellschaftlich-politischen Stimmungslage in Deutschland gelungen. 

Wir schreiben den 4. März 2016 im fiktiven bayrischen Ort Auffing. Der Bosnier Ayyub Zlatar erhält Besuch von der Polizei. Sie wollen ihm seine Waffen abnehmen. Was die Beamten nicht ahnen: Ayyub hat schwere psychische Probleme. Ihn plagen Visionen von Blut, Verstümmelungen und Tod, die immer wieder seine Wahrnehmung der Realität überlagern. Er fühlt sich verfolgt. Hinter jeder Ecke lauert der Geheimdienst, und nur seine Waffen geben ihm das Gefühl von Sicherheit. Ihm dieses Gefühl zu nehmen ist gefährlich. 

Die Beamten finden nicht alle Waffen in Ayyubs Wohnung. Manche sind in Reparatur, sagt er. Stunden später betritt er das Polizeirevier, angeblich um den entsprechenden Nachweis zu liefern. Er läuft schnurstracks am Empfang vorbei, sieht auf einem Tisch seine Waffen liegen, greift zu und beginnt sofort zu schießen. 

Reichsbürger und eine Ärztin zwischen den "Fronten"

Die Tat zieht eine Menge Hass nach sich. Die muslimische Ärztin Roja Özen gerät unter Verdacht, mit Ayyub unter einer Decke zu stecken. Weil sie sich zur Tatzeit auf der Wache aufhielt. Und weil sie Ausländerin ist. Was die Bewohner von Auffing glücklicherweise nicht wissen: Ayyub war ihr Patient. Sie hätte den bosnischen Sportschützen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen können, hat sich aber dagegen entschieden. Sie macht sich Vorwürfe.

Und dann ist da Markus Keilhofer: Aufgewachsen bei den Großeltern, glühenden Verfechtern der Reichsbürger-Bewegung, weil seine Mutter bei seiner Geburt starb. Erst sorgen sie für ihn, schützen ihn vor Chemtrails und geben ihm Medizin "gegen das Gift von den Amis und dem Jud". Später pflegt er sie, kümmert sich um den Haushalt und setzt ihnen den Aluhut auf, damt niemand ihre Gedanken lesen kann. Eine Kindheit zwischen Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Esoterik und Selbstgeißelung hat ihn zum zornigen Mann werden lassen, der jemanden für Ayyubs Verbrechen büßen lassen will. Mit Tempelritter-Abzeichen und dem Eisernen Kreuz des Großvaters auf der Brust schreitet er zur Tat. 

Das "Drama von Dorfen"

Genau 16 Jahre zuvor, am 4. März 1988: Im oberbayrischen Dorfen ermordet ein psychisch kranker Jugoslawe drei Polizisten, ehe er gestoppt werden kann. Wie Ayyub war Slobodan Stefanovic Sportschütze, wie Ayyub hatte er einen Waffenschein beantragt. Als er um eine Begründung seines Antrags gebeten wurde, verfasste er eine elfseitige Erklärung. Die RAF verfolge ihn, hieß es darin unter anderem. Für die Polizei war klar: Diesem Mann müssen wir seine Waffen abnehmen. Wie Ayyub tauchte Stefanovic noch am selben Tag auf dem Revier auf. Was dann genau geschah, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im März 2018 jährte sich die Tat zum 30. mal. 

Auch für den Reichsbürger Markus Keilhofer gibt es eine reale Vorlage: Nach dem "Drama von Dorfen" brach eine Welle des Ausländerhasses über das Dorf herein, und wer zur Vernunft aufrief, erhielt Morddrohungen. Ein bekennender Nazi sah sich dazu berufen, Selbstjustiz zu üben. In der örtlichen Sparkasse nahm er zwei Geiseln, die er im Austausch gegen drei Türken wieder frei lassen wollte. Diese Türken sollten leiden. Für die Tat eines psychisch kranken Jugoslawen. Nach Verhandlungen mit der Polizei gab der Mann seine Geiseln schließlich frei, ohne weiter auf seine Forderungen zu bestehen. 

Die Suche nach dem Warum

Leonhard F. Seidl springt zwischen Jahren und Jahrzehnten hin und her und beleuchtet seine Figuren von allen Seiten. In kurzen Schlaglichtern ihrer Vergangenheit sucht er nach Erklärungen für ihr Handeln und Verhalten, ohne es dabei auf irgendeine Weise rechtfertigen zu wollen. Er zeigt Zusammenhänge auf, ohne zu viel zu konstruieren, hält sich dort an die Vorlage, wo die Realität die Fiktion an Brisanz übertrifft, und spitzt dort zu, wo er es für richtig hält. Auf etwas mehr als 150 Seiten setzt er knapp erzählte Handlungsabläufe in ein komplexes Gefüge aus Ursachen, das über Ländergrenzen hinausgeht. 

Der einzige Lichtblick in diesem düsteren Roman ist Roja Özen. Sie hat viele Gründe, die Bewohner von Auffing zu hassen. Immer wieder bekommt sie zu spüren, dass sie als Ausländerin nicht dazu gehört, egal, wie lange sie nun schon in Deutschland wohnt. Trotzdem entscheidet sie sich, den Menschen als Ärztin zu helfen, statt ebenfalls eine ablehnende Haltung einzunehmen und sich von ihren Mitbürgern abzuwenden. Doch der Autor macht nicht den Fehler, sie als Lichtgestalt zwischen verkorksten Existenzen darzustellen. Sie ist ein Mensch, mit allen moralischen Verfehlungen, die dazugehören. Ein Mensch, der in etwas hineingerät, über dass er keine Kontrolle hat. 

Balanceakt zwischen Fiktion und Realität

Seidl ist in doppelter Hinsicht der Richtige, um die Stimmungslage der Bundesrepublik in Romanform einzufangen. Als Sozialarbeiter hat er mit den alltäglichen Problemen der Menschen zu tun und weiß, was sie umtreibt. Für sein Buch "Beschriebene Blätter – Kreatives Schreiben mit strafffälligen Jugendlichen" saß er freiwillig im Knast. In seinem Debütroman "Mutterkorn" erzählte er 2003 von Anschlägen durch Neonazis. Die Geschichte wies viele Parallelen zu den erst Jahre später bekannt gewordenen Aktivitäten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auf. "Noch heute werde ich bei Lesungen gefragt, wie ich das damals schon wissen konnte", schrieb er in einem Gastbeitrag für den "Münchner Merkur". Bleibt nur zu hoffen, dass sein neuster Roman nicht auch von der Realität überholt wird. 

"Fronten" ist ein Balanceakt. Der Roman gibt Einblicke in die Psyche von Menschen, die man eigentlich lieber meiden würde. Als Leser schwankt man zwischen Wut und Mitleid, Hilflosigkeit und tiefer Trauer. Am Ende der Lektüre bleibt die Erkenntnis: Die Probleme unserer Zeit lassen sich nicht mit Hass und Gewalt lösen. Sie machen alles nur noch schlimmer.


Das Buch

"Fronten" von Leonhard F. Seidl ist bei Edition Nautilus als Taschenbuch erschienen. 160 Seiten, 16 Euro. 

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)

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