Krimi des Monats Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Lisa McInerney liefert mit "Glorreiche Ketzereien" ein probates Mittel gegen die Friede-Freude-Eierkuchen-Festtagsdepression. Foto: Mogck/ZVW (Montage)

Was würde sich besser unter dem Weihnachtsbaum machen, als ein Buch mit dem Titel "Glorreiche Ketzereien"? Richtig, überhaupt nichts. Unsere Rubrik "Krimi des Monats" endet passenderweise mit dem beeindruckendsten Genreroman des Jahres 2018 - meint zumindest unser Experte.

Sagt eine Irin im Beichtstuhl: „Ich lebe allein, und eines Tages brach ein Mann in meine Wohnung ein. Ich habe mich angeschlichen und ihm eine Devotionalie über den Kopf gezogen. Zunächst muss Gott mir also den Mord an einem seiner Geschöpfe vergeben und dann auch noch das Besudeln eines seiner Erinnerungsstücke.“ 

Schon mal Koks von einer Bibel gezogen?

Es ist eines der symbolgeladensten Verbrechen der Kriminalliteratur: Jemand benutzt etwas Heiliges, um etwas Sündhaftes zu tun - um mal im "Fachjargon" zu bleiben. Dann folgt das große Vertuschen, zum Leidwesen aller. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

Ja, es geht um die Kirche. Das ist nicht zu überlesen. Neben der herrlichen Beichtstuhl-Szene wird im Laufe des Romans auch noch Koks von einer Bibel gezogen und eine Schwangere von christlichen Missionaren auf die Straße gesetzt. Es geht um die Verbrechen in katholischen Kinderheimen - alleine im irischen Tuam wurden im letzten Jahr hunderte Kinderleichen ausgegraben - und fanatische Abtreibungsgegner, die selbst Vergewaltigungsopfern noch mit der Moralkeule eins überbraten. Aber: Das ist gerade mal die Oberfläche dessen, woran Lisa McInerney in ihrem Debüt kratzt. 

Doppelmoral, Empörungskultur und die Widersprüchlichkeit des Seins

"Ganze Horden irischer Kinder [...] wühlten sich durch den katholischen Schutt", heißt es im Roman. McInerney wühlt sich dagegen durch den menschlichen. Sie erzählt von den Verkorksten, Gescheiterten und gesellschaftlich Geächteten, dem Dealer, der Prostituierten und dem saufenden Familienvater. Deren Geschichten verwebt sie behutsam miteinander, bis sich am Ende ein Muster ergibt. Ein einzelnes, großes Fragezeichen: Warum sind wir so widersprüchlich, wie wir sind? 

Die Menschen in "Glorreiche Ketzereien" können sich für ihre moralischen Fehltritte hassen, aber trotzdem ständig über andere richten. Als wären sie ständig auf Facebook. Sie können sich darüber empören, dass die Nachbarin sich ihrem Kind annähert, obwohl sie es selbst unentwegt verprügeln. Überhaupt kein Problem. Und natürlich tun sie immer das, von dem sie ganz genau wissen, dass sie es eigentlich lassen sollten. 

Das schlägt sich natürlich auch im Ton des Textes nieder. Mal ist die Sprache knallhart und brutal und der Humor von einem Schwarz, das selbst auf einer Beerdigung unangebracht wäre. Dann ist das Buch plötzlich zum Heulen. Voller Empathie, tiefsinnig und klug, man will es zuklappen und sein Leben ändern. Widersprüchlich, ja, aber so facettenreich wie die menschliche Existenz selbst. Unnötig zu erwähnen, dass sich das alles so perfekt zusammenfügt, als gehöre überhaupt nichts dazu.

Sie haben ja keine Ahnung!

Die Meisterhaftigkeit dieses Debüts (man kann es gar nicht oft genug betonen: es ist ein Debüt!) liegt in der Leichtigkeit, mit der die Autorin ihren Lesern diese hochkomplexen Themen verkauft. McInerneys Roman ist zugänglich, liest sich locker weg und unterhält über die komplette Strecke. Trotzdem geht er tiefer also so mancher Klassiker, den Professoren und Kritiker irgendwann mal in den Kanon gehievt haben.

Deshalb: Egal mit welcher Erwartungshaltung Sie an den Text gehen werden: Sie haben ja keine Ahnung!

Am Ende gibt es in "Glorreiche Ketzereien" nur einen Weg aus der Krise. Verantwortung übernehmen für die eigenen Fehler und sich aufraffen, etwas Positives zu schaffen. In diesem Sinne: Kommen Sie gut ins neue Jahr. 


Das Buch

"Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney ist bei Liebeskind als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Werner Löcher-Lawrence. 488 Seiten Seiten, 24 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)
Michel Decar - Tausend deutsche Diskotheken (Juli)
Tom Franklin - Krumme Type, krumme Type (August)
Hugo Boris - Die Polizisten (September)
Jo Nesbø - Macbeth (Oktober)
Patrícia Melo - Der Nachbar (November)

  • Bewertung
    1

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!