Krimi des Monats Michel Decar: Tausend deutsche Diskotheken

Eine Mischung aus "Fear and Loathing in Las Vegas" und "Herr Lehmann": Michel Decar hat das vielleicht beste Debüt des Jahres abgeliefert. Foto: Mogck/ZVW

Es gibt ja Menschen, die glauben, in einem Krimi müsste viel passieren. Schüsse, Schreie, Morde all sowas. Unsinn! In Michel Decars Debüt ist die Sprache das Ereignis.

Manchen Büchern lässt sich mit einer Inhaltsangabe schwer beikommen. Klar, sie beschreibt ungefähr, wie die Handlung verläuft, aber das Gefühl, das man beim Lesen hat, bleibt dabei häufig auf der Strecke. "Tausend deutsche Diskotheken" ist so ein Buch. Aber es hilft ja nichts: Ein bisschen Kontext muss schon sein.

Madonna, Bacardi, Schnitzeljagd

Deutschland, Ende der 80er Jahre: Privatdetektiv Frankie ist gerade bei seiner Lieblingsbeschäftigung Bacardi Cola trinken , als er unter einem Vorwand aus seiner Stammkneipe gelockt wird. Einem erotischen Vorwand. Leider entpuppt sich das versprochenen Schäferstündchen als knallharter Geschäftstermin. Ein hohes Tier der Deutschen Bundesbahn wird erpresst, und Frankie soll den Verantwortlichen finden. Einziger Hinweis: Zum Zeitpunkt des ersten und einzigen Anrufes war der Mann in einer Diskothek, in der "White Heat" von Madonna lief.


Was folgt ist eine Schnitzeljagd durch die Bundesrepublik, die der Leser von einem exklusiven Standort aus verfolgt: Aus dem Kopf des beinahe durchgehend alkoholisierten Protagonisten. Doch nicht nur Fans hochprozentiger Literatur kommen dabei auf ihre Kosten:

Der Sprachverliebte

Wenn ich die Stimme eines Protagonisten auch aus dem Lärm tausend deutscher Diskotheken noch heraushören könnte, macht der Autor etwas richtig. Seine Figur hat einen unverwechselbaren Sound, einen in sich konsistenten Charakter und lässt Dinger vom Stapel, bei denen selbst liberale Linguisten mit den Ohrensesseln schlackern.

Hinter all dem steckt die Kunst, Dinge so zu sagen, wie sie sonst noch niemand gesagt hat. Dafür braucht es angesichts einer jahrhundertealten Literaturtradition natürlich jede Menge Fantasie und Geschick. Und nicht zu vergessen: Die meisten Debütanten müssen ihre Sprache erst noch finden. Nicht so Michel Decar. Was er mit den Worten anstellt, ist – um es mit seinen eigenen zu sagen – einfach grande

Der Nostalgiker

Im Herzen des Romans steht das fast-schon-aber-noch-nicht-ganz-wiedervereinigte Deutschland, mit dem Rest verbunden über Auto- statt Blutbahnen. Überall kann man in kurzer Zeit hinfahren, überall gibt es etwas zu entdecken, und zu jeder Stadt hat Frankie ein Meinung. Auch Städte, die sonst selten in der zeitgenössischen Literatur auftauchen, bekommen ihr Fett weg.

Doch die Großmäuligkeit des Protagonisten täuscht: Wie sehr dieses Buch dem Land und seinen Menschen verbunden ist, äußert sich alleine schon in der akkuraten Recherche. Wer Ende der 80er an einem der Orte gelebt hat, wird die Clubs, die Frankie abklappert, mit Sicherheit wiedererkennen. Dazu noch ein paar Disko-Hits, kultige Getränke und unvergessene Ereignisse – fertig ist das Fest der Nostalgie.

Der Paranoide 

Aber kommt es angesichts der Verschwörung, die Frankie in den Chefetagen der Bundesbahn wittert, überhaupt zu einer friedlichen Einigung zwischen Ost- und West? Der Detektiv weiß: Natürlich nicht. Der Osten wird die marode Republik übernehmen, vielleicht sind gar die letzten Tage der Menschheit angebrochen.


Darauf muss man erstmal klarkommen. Frankie fährt im zucchinigrünen Admiral Richtung Katastrophe wie Hunter S. Thompson einst auf amerikanischen Highways auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Die Verfolger immer im Rückspiegel, ob nun real oder nicht.

Der Bodenständige

Wir müssen uns Frankie ein bisschen wie Sven Regeners Herrn Lehmann vorstellen – nicht nur der zeitlichen Nähe wegen. Beide sind auf ihre Art bodenständig, wollen einfach nur ihre Ruhe und schlagen sich irgendwie durchs Leben. Das große Ganze? Das ist etwas, das man bei einem Bier besprechen kann, aber stundelang darüber philosophieren? Viel zu anstrengend.

Während andere über das Leben nachdenken, lebt Frankie seines. Es besteht vor allem aus Trinken, Rauchen, sich aus brenzligen Situationen herausreden und Geschlechtsverkehr. Ganz normalen Dingen eben. Alles andere hält er für extravaganten Quatsch, vor allem Meinungen zum Weltgeschehen. Die Sind schließlich Privatsache. Und natürlich Kunst. Ganz besonders Kunst.

Furcht und Schrecken in der Bundesrepublik

Wer also schon immer mal eine Mischung aus "Fear and Loathing in Las Vegas" und "Herr Lehmann" lesen wollte, der ist hier genau richtig.

Vielleicht der lustigste Roman des Jahres. Vielleicht das beste Debüt. Ganz sicher aber ein abgefahrener Trip in ein Kapitel deutscher Geschichte, das so noch nicht erzählt wurde.


Das Buch

"Tausend deutsche Diskotheken" von Michel Decar ist bei Ullstein fünf als Hardcover erschienen. 240 Seiten, 20 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)

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