Krimi des Monats Patrícia Melo: Der Nachbar

Höllische Nachbarn: Die brasilianische Autorin hat einen fiesen kleinen Roman geschrieben. Foto: Mogck/ZVW

Auf den ersten Blick hat Patrícia Melo einen sehr schwäbischen Roman geschrieben: Nachbar ermordet Nachbarn wegen Ruhestörung. Dahinter verbirgt sich aber weitaus mehr als nur eine zynische Betrachtung kleinbürgerlicher Problemchen.

São Paulo. Ein Biologielehrer kann nicht schlafen. Aus der Wohnung über ihm dringen Geräusche durch die Decke. Ständig. Er wird wahnsinnig. Tags darauf steht er bei seinem Nachbarn vor der Tür, es kommt zum Streit. Dann zum Kleinkrieg. Und irgendwann findet sich der Biologielehrer in der Wohnung seines Nachbarn wieder - und dessen Leiche liegt zu seinen Füßen.

Warum werden Menschen zu Mördern?

Seien wir mal ehrlich: So richtig spannend ist es in der Kriminalliteratur erst geworden, als der Verbrecher zum Protagonisten wurde. Dann ging es nämlich plötzlich nicht mehr um das banale "Whodunnit?" (= wer hat es getan?), sondern um die weitaus kompliziertere Frage nach dem Warum. Was macht Menschen zu Kriminellen? Man konnte das nun aus der Perspektive des Kriminellen selbst verfolgen, der einem seine Geschichte erzählte. Sehr beliebt ist dabei bis heute folgendes Szenario: Max Mustermann begeht irgendwie - meist aus Versehen - einen Mord. Und ist völlig überfordert.

Eine ähnliche Prämisse verfolgt Melo in ihrem Roman. Die mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Autorin geht aber noch einen Schritt weiter: Sie schildert nicht nur, wie der Biologielehrer sich plötzlich Gedanken über die Beseitigung der Leiche machen muss, sondern auch wie er sich wundert, als ihm die Geschichte plötzlich entrissen wird. Von Anwälten. Vor Gericht. Der Protagonist verliert die Deutungshoheit über das eigene Missgeschick - und die Gründe dafür.

Armut ist laut, aber keiner hört hin

Der Grund für den Mord, meint der Protagonist, ist Lärm. Der Nachbar ist laut, nimmt keine Rücksicht, stört. Die schwäbischste Szene im ganzen Buch: Als der Biologielehrer sich einen Besen schnappt und mit dem Stiel den Putz von der Decke klopft. Aber der Eindruck täuscht. Was hierzulande mit kleinbürgerlicher Spießigkeit in Verbindung gebracht wird, hat in Melos Roman einen anderen Hintergrund: Armut. Geräuschlosigkeit ist nicht nur in armen Ländern ein Privileg der Reichen.

Die Ironie dabei: Lautstärke bedeutet nicht automatisch, dass man sich auch Gehör verschafft. Im Gegenteil. Der Biologielehrer streitk für eine Erhöung seines Hungerlohns. Es wird nicht gehört. Er hämmert mit dem Besenstiel gegen die Decke. Zurück kommt nur Gelächter. Erst der Mord ist es, der ihn ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rückt. Eine kluge, wenn auch reichlich zynische Allegorie auf die Zustände in Melos Heimat.

Es ist nicht die einzige Anspielung auf aktuelle soziopolitische Entwicklungen, die von der Schriftstellerin in den Text eingeflochten wurde. 2017 wurde der Roman in ihrer Heimat veröffentlicht, ließ aber schon ahnen, wozu es kommen würde. 2018 wird Brasilien von einem waschechten Faschisten regiert.

Fieses Buch, grandioses Ende

Patríca Melo ist mit "Der Nachbar" ein fieses kleines Buch gelungen, dass verschiedene Lesarten eröffnet. Die brasilianische Schriftstellerin wirft auf wenigen Seiten komplexe, nicht zwingend sympathische Figuren in eine bösartig beiläufige Geschichte mit grandiosem Ende. Die Zeit für die Lektüre sollte man sich also auf jeden Fall nehmen. Und wehe der Nachbar lenkt mal wieder mit seinem Gepolter ab ... 


Das Buch

"Der Nachbar" von Patrícia Melo ist im Tropen Verlag als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch stammt von Barbara Mesquita. 159 Seiten Seiten, 18 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)
Michel Decar - Tausend deutsche Diskotheken (Juli)
Tom Franklin - Krumme Type, krumme Type (August)
Hugo Boris - Die Polizisten (September)
Jo Nesbø - Macbeth (Oktober)

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