Krimi des Monats Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type

Tom Franklins Roman ist nicht nur für die baden-württembergischen Schüler ein Gewinn, die ihn nächstes Jahr für das Englisch-Abitur lesen dürfen. Foto: Mogck/ZVW

Tom Franklin erzählt in seinem Südstaaten-Roman eine Geschichte über Freundschaft, Schuld, Rassismus und die fatalen Urteile, die wir tagtäglich fällen. Selten ist das jemandem besser gelungen.

Wir Menschen urteilen andauernd. Urteile strukturieren unsere Welt, machen uns das komplexe Gefüge um uns herum überhaupt erst zugänglich. Wir gleichen die Welt mit dem ab, was wir meinen zu wissen, teilen sie in Sinneinheiten ein, grenzen uns ab. Als Grundlage dienen uns dabei die Werte, die wir glauben als Maßstab für unser Leben heranziehen zu müssen.

Unschuldsvermutung? Nie gehört

Auch im Zwischenmenschlichen verfahren wir so: In Sekunden schätzen wir unser Gegenüber ein, bewerten, zerren eine Schublade auf und stopfen hinein was geht. Notfalls helfen wir ein bisschen nach. So sind wir eben. Was aber, wenn das Ganze auf kollektiver Ebene geschieht? Wenn eine Gesellschaft so mit einem einzelnen oder einer Gruppe von Menschen umgeht? Dann wird aus Urteilen plötzlich Verurteilen, aus Ab- ganz schnell Ausgrenzung. Was das für Folgen haben kann, darüber hat der US-amerikanische Autor Tom Franklin ein Buch geschrieben.  

In Chabot, Mississippi verschwindet eine 19-Jährige. Für die Einwohner sind zwei Dinge sofort klar: Sie ist tot. Und Larry Ott ist ihr Mörder. Denn 25 Jahre zuvor hatte es in der Kleinstadt einen ähnlichen Fall gegeben: Larry Ott, damals noch Schüler, war mit dem Nachbarsmädchen Cindy Walker ins Autokino gefahren und alleine wieder zurückgekehrt. Bis heute weiß niemand, was aus ihr geworden ist. Doch bevor die Polizei in Gestalt des jungen schwarzen Constables Silas Jones überhaupt die Chance hat, den Verdächtigen zu verhören, wird Ott in seinem Haus angeschossen.

Außenseiter mit Ansage

Von Anfang an wird Larry Ott systematisch ausgegrenzt. Er ist der gruselige Junge, der lieber zuhause Horrorgeschichten und Comics liest, als mit den anderen draußen Football zu spielen. Niemand will sich mit ihm abgeben, und wenn, dann nur um ihn vor den anderen bloßzustellen. Dann hat er plötzlich ein Date. Und alles wird noch schlimmer.

Nachdem Cindy Walker verschwindet, halten ihn alle für einen Mörder. Niemand kann es beweisen, kaum jemand spricht es in seiner Gegenwart aus, aber jetzt dulden die Bewohner von Chabot ihn nicht einmal mehr in ihrer Nähe. Seine Familie wird geächtet, sein Vater geht daran zugrunde, seine Mutter ist nicht mehr dieselbe. "Scary Lary" wird erwachsen und fristet ein einsames Dasein zwischen Büchern und seiner Autowerkstatt, in die nie jemand kommt. Selbst sein einziger Freund von früher scheint ihn vergessen zu haben: Der junge schwarze Constable Silas Jones.

Das Buch funktioniert ...

„Krumme Type, krumme Type“ ist ein zeitloser Roman, der auf vielen Ebenen funktioniert:

... als Kriminalroman

In keinem Genre wird mehr vorverurteilt als im Krimi. Der war es! Nein die! Vielleicht doch der? Meistens verrät die Wahl des Mörders mehr über den Autor, der ihn in die Geschichte hineingeschrieben hat, als über das Wesen der Menschen. Gerade der junge Mann, der als Kind schon Außenseiter war, gruselige Masken trägt und einsam im Wald lebt, ist ein vielzitiertes Klischee. Statt es stumpf wiederzuverwerten oder zu konterkarieren fragt Franklin aber: Welche Folgen kann dieses gesellschaftlich gewachsene, fiktive Bild in der Realität haben?

... als Geschichte über Freundschaft und Schuld

Ohne die ganz großen Themen geht es natürlich nicht. Die geheimnisvolle Verbindung zwischen dem unter Generalverdacht stehenden Larry Ott und dem Polizisten Silas Jones ist Dreh- und Angelpunkt der Erzählung. Beeindruckend ist nicht nur, wie geschickt der Autor diese nach und nach vor seinen Lesern ausbreitet, sondern auch wie lebensecht sie ihm gelingt. Wer überfiktionalisierte Erlösungsfantasien in Form von billigen, allumfassenden Happy Ends sucht, wird bei Franklin enttäuscht – im wahrsten Sinne des Wortes.

... als Erinnerung an unsere Eigenverantwortung

Natürlich ploppen beim Lesen direkt Assoziationen auf. Charlotte. Chemnitz. Zu den gerade (noch) präsenten Ereignissen, bei denen die Vorverurteilung von Individuen durch eine Gruppe von Menschen im Zentrum steht. Doch Franklins Roman funktioniert abseits davon, weil er den Kern dieser Ereignisse auf eine persönliche Ebene herunterbricht. Er umgeht damit leichtverdienten, kurzweiligen Applaus ebenso wie die Gefahr, allzu oberlehrerhaft zu wirken. Klar, sein Roman kommt nicht ohne Zeigefinger aus, aber er richtet ihn auf die Leser – und auf sich selbst. Was Larry Ott widerfährt, könnte uns allen widerfahren, und jeder von uns sollte das im Hinterkopf behalten.

Abi-Lektüre 2019

Apropos im Hinterkopf behalten: Zu diesem Roman gäbe es noch sehr viel mehr zu sagen. Zu Tom Franklin auch. Aber das wollen wir an dieser Stelle den Abiturienten in Baden-Württemberg überlassen, die sich mit „Crooked Letter, Crooked Letter“ – so der Titel der Originalausgabe – ab nächstem Jahr in der Englisch-Abschlussprüfung auseinandersetzen dürfen. Eine tolle Sache für den Autor, den immer noch sträflich unterschätzten Berliner Kleinverlag Pulp Master, aber vor allem für die jungen Menschen, die dieses Buch noch vor sich haben. Da wird man fast ein bisschen neidisch.


Das Buch

"Krumme Type, krumme Type" von Tom Franklin ist bei Pulp Master im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikansichen stammt von Nikolaus Stingl. 350 Seiten, 15,80 Euro.  

Krimi des Monats

In der Rubrik Krimi des Monats stellen wir jeden letzten Mittwoch im Monat einen außergewöhnlich guten Krimi vor.

Die bisherigen Empfehlungen:
William Boyle - Gravesend (Januar)
Katja Bohnet - Kerkerkind (Februar)
Leonhard F. Seidl - Fronten (März)
Adrian McKinty - Dirty Cops (April)
Astrid Holleeder - Judas (Mai)
Carlo Bonini - ACAB (Juni)
Michel Decar - Tausend deutsche Diskotheken (Juli)

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