Krimi des Monats William Boyle: Gravesend

Der Roman ist trotz melancholischem Grundton nichts für Zartbesaitete. Foto: Palmizi / ZVW

In der Rubrik "Krimi des Monats" stellen wir ab sofort jeden letzten Mittwoch im Monat besonders gelungene Spannungsliteratur vor. Den Anfang macht "Gravesend" von William Boyle, erschienen im Hamburger Polar Verlag.

Am Anfang steht, wie so oft, ein Verbrechen: Ray Boy Calabrese und seine Freunde lauern ihrem homosexuellen Mitschüler Duncan auf. Sie treten und schlagen auf den Jungen ein, er reißt sich los, rennt auf die Straße und wird von einem Auto überrollt. Er stirbt.

Jahre später kommt Ray Boy als gebrochener Mann aus dem Knast und will einfach nur noch sterben. Klassische Win-Win-Situation könnte man meinen, denn auch Conway, Duncans Bruder, will seinen Tod. Nur: Jemanden umzubringen ist gar nicht so leicht. Da sieht der verurteilte Straftäter Ray Boy sich gezwungen, dem rachsüchtigen Conway Nachhilfe zu geben.

Astreines Netflix-Material

Klingt komisch? Ist es aber nicht. William Boyle hat viel zu viel Respekt vor seinen Figuren, um sie für ein paar schnelle Lacher zu verbraten. Stattdessen erzählt er in miteinander verwobenen Handlungssträngen von den Träumen, Hoffnungen und Wünschen gescheiterter Existenzen – und natürlich von der Frage, die sie alle verbindet: Wer ist schuld an meinem Elend?

Trotzdem ist „Gravesend“ nichts für Zartbesaitete. Der melancholische Ton, in dem William Boyle vom Schicksal seiner Figuren berichtet, wird immer wieder von roher Gewalt durchbrochen – auch wenn sie manchmal nur in der Fantasie stattfindet. Wo eben noch Alltag war, herrscht plötzlich Ausnahmezustand. Außerdem wartet das Buch mit der vielleicht traurigsten Sexszene auf, die je ihren Weg auf Papier gefunden hat. Explizit erzählt, aber ohne jeden Voyeurismus. Dramatischer Stoff, der auch auf Netflix funktionieren würde.

Der Heimat kann man nicht entfliehen

Schnell wird klar, dass nicht die grausame Tat im Zentrum der Erzählung steht. Es ist das titelgebende Gravesend selbst, das kleine Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn, in dem die Fäden zusammen laufen. Im Roman ist der Ort nicht nur Kulisse, er bietet seinen Figuren tatsächlich eine Heimat. Jede Ecke birgt Erinnerungen, jedes Gesicht eine Geschichte. Die Figuren sind so stark in Gravesend verwurzelt, dass sie keine Chance haben, jemals zu entkommen.

Ein schöner Ort ist es nämlich nicht. Der Autor selbst wuchs in der Nachbarschaft auf und beschreibt das Viertel als Auffanglager für Menschen, die sich aufgegeben haben. In verrauchten Eckkneipen starren sie Löcher in den Tresen und planen ihr Leben nicht weiter als bis zum nächsten Bier. Leere Gesichter, die vor vollen Gläsern Trübsal blasen. Sie alle leben in der Vergangenheit, weil die Zukunft ihnen nichts bieten kann, und gehen langsam aber sicher vor Enttäuschung ein.

Licht und Schatten

Dass „Gravesend“ trotzdem bis zur letzten Seite spannend bleibt, verdankt der Roman seinen hartnäckigen Protagonisten. Da ist die schön Schauspielerin, die ihren Traum von der Hollywood-Karriere nicht so recht loslassen kann. Das Mauerblümchen, das sich gegen die tyrannische Mutter zur Wehr setzt. Der kleine Junge, der sich trotz verkrüppeltem Bein zum Mafia-Paten aufschwingen möchte. Immer wenn sich jemand nicht mit dem Gerade-so-über-die-Runden-kommen zufrieden gibt, immer wenn einer mehr vom Leben erwartet, geht in der düsteren Geschichte ein kleines Licht an. 

William Boyle hat auf nicht einmal 300 Seiten mehr authentische, vielschichtige Charaktere erschaffen, als so mancher Soap-Schreiberling in seinem ganzen Leben in Drehbücher schmiert. Er hat sie in eine Geschichte geworfen, die den Lesern ebenso auf den Magen schlägt wie ans Herz geht. Herausgekommen ist dabei ein Roman, den man auch nach der letzten Seite nur ungern zur Seite legen möchte. Und seien wir mal ehrlich: Das ist doch das einzige Qualitätsmaßstab, der wirklich von Bedeutung ist.


Das Buch

"Gravesend" von William Boyle ist im Polar Verlag als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Andrea Stumpf. Herausgegeben von Wolfgang Franßen. 293 Seiten, 18 Euro. 

Außergewöhnlich: Der Autor hat den Soundtrack zum Roman als Spotify-Playlist zusammengestellt.

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