Krimi-Ecke Interview: Doch, natürlich ist das Literatur!

Alexander Roth betreibt für den Zeitungsverlag Waiblingen die Krimi-Ecke und kürt dort regelmäßig den Krimi des Monats. Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. Der Krimi leidet in Deutschland unter einem flauen Ruf: Stapelware, Schmökerkram, keine richtige Literatur. Höchste Zeit, das richtigzustellen – ein Gespräch mit Alexander Roth, 28, Online-Volontär beim Zeitungsverlag Waiblingen und Autor des Krimi-Blogs „Der Schneemann“, über Meister des Fachs wie Friedrich Ani und Schema-F-Produzenten wie Wolfgang Schorlau.

Es gibt einen deutschen Buchpreis – und es gibt einen deutschen Krimipreis. Als seien Krimis keine richtigen Bücher. Das muss einen Krimikenner doch ärgern.

Ich denke, das ist gerade ein bisschen im Wandel, der Krimi wird immer ernster genommen, völlig zurecht. An der Universität Tübingen gab es letztes Jahr erstmals eine Poetik-Dozentur für Krimi-Autoren, mit Vorlesungen unter anderem von Friedrich Ani. Ich wünsche mir sehr, dass Ani mal den deutschen Buchpreis bekommt, . . .

Den deutschen Krimipreis hat er ja schon x Mal abgeräumt.

. . . seine Texte erfüllen eigentlich alle Kriterien, die beim Buchpreis so gelten: Sie verfügen über eine anspruchsvolle, ganz eigene Sprache, literarische Qualität und verhandeln wichtige zeitgenössische Themen.

Dennoch rümpfen beim Stichwort Krimi viele immer noch die Nase.

Ja, der Krimi hat ein Image-Problem. Da schwingt die deutsche Unterscheidung zwischen U und E mit – und die ist meiner Meinung nach Quatsch. Bei uns glauben viele tatsächlich, dass Krimis zweitklassige Literatur seien. Das sind aber oft Leute, die mit Krimi nicht mehr als Agatha Christie und den „Tatort“ verbinden.

Was macht einen guten Krimi aus?

Genau wie jedes andere Buch lebt er von guter Sprache und einem guten Plot. Und: Er sagt etwas aus über eine Zeit, eine Gesellschaft – das ist eine Eigenschaft, über die der Krimi in ganz besonderem Maß verfügt. Welche Normen und Werte gelten in einer Gesellschaft? Was gilt als verwerflich? Wie wird etwas bestraft? Mit was kommt man durch? In der zeitgenössischen Literatur dreht sich oft sehr viel um Innerlichkeit. Das ist in Ordnung – aber der Krimi zeigt ein breiteres Bild von Gesellschaft.

Kannst du dafür ein Beispiel geben?

Adrian McKinty schreibt über den Nordirland-Konflikt. Der Krimi wird bei ihm zur Chronik eines Landes, einer Zeit, sehr farbig, bis hin zur Musik, die da läuft. McKinty schafft genau den Spagat: wahnsinnig unterhaltsam zu sein und sehr, sehr politisch. Oder: Einige US-Krimis spielen seit vielen Jahren in ärmeren Gesellschaftsschichten, wo sich etwas zusammenbraut, erzählen Geschichten aus strukturschwachen Regionen. Die Entwicklung, die mit der Wahl von Donald Trump ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, ist dort schon lange nachzulesen und zu verfolgen.

Bei aller Liebe – du kannst auch streng sein: Den „Regionalkrimi“ hast du mal als „Geißel des Genres“ bezeichnet.

Es ist nicht das Grundprinzip, das mich abschreckt. Die Idee dahinter ist gut: eine Geschichte in einer Region anzusiedeln, mit der man sich auskennt. Das Problem ist, dass es oft auf eine Art gemacht wird, die sehr simpel ist: Man verwendet Schlagworte, Klischees, Ortsnamen und vernachlässigt alles andere, weil man weiß, das wird dann schon funktionieren. Das hat auch mit den Marketing-Strategien der Verlage zu tun: Sie suchen gezielt weiße Flecken auf der Landkarte und bremsen Autoren aus, die eigentlich andere Dinge schreiben wollen. Bei den Cannstatter Krimitagen hat Zoe Beck erzählt, sie hätte früher gerne Krimis geschrieben, die in Deutschland spielen. Da hieß es dann: Schreiben sie doch über den Bodensee. Das wollte sie nicht. Dann schlug sie England beziehungsweise London als Schauplatz vor.

Aber London-Krimis gibt es schon viele.

Also hieß es: Nehmen Sie Schottland, das haben wir noch nicht im Programm. So etwas kann gute Literatur systematisch verhindern. Denn Autoren brauchen Freiheiten beim Schreiben.

Die Verlage lassen quasi auf Marktlücke produzieren.

Ich kenne die Internetseite eines Verlags, die aus einem Verzeichnis von Regionen besteht – danach kannst du Krimis suchen: Schwaben. Ostsee. Bodensee. In Buchhandlungen funktioniert das genauso. Da gibt es hier in der Region auch überall eine Abteilung Schwabenkrimis.

Wobei James Ellroy und Charles Willeford, zwei der Allergrößten, in gewisser Weise auch Regionalkrimis geschrieben haben; Bücher, die eng mit einem Ort und seinen sozialen Gegebenheiten verknüpft sind: Los Angeles oder Miami.

Dieser Bezug zur Realität macht ihre Krimis besonders stark. Der Ansatz ist, wie gesagt, absolut richtig – solange man sich nicht auf die Klischees beschränkt, an die sowieso jeder denkt. Friedrich Ani zum Beispiel zeigt die bayrische Provinz mit ihren Schattenseiten, er hat darin sein Lebensthema gefunden. Er packt Themen wie Kindesmissbrauch auf eine literarisch ganz, ganz eigene Weise an. Ich denke, ich könnte den Stil von Friedrich Ani unter tausend anderen wiedererkennen.

Machen wir ein bisschen Namedropping: Sherlock Holmes.

Gut. Aber schon zu oft dagewesen.

Donna Leon.

Ist mir zu harmlos und zu weltfremd. Vor allem auch ganz bewusst weltfremd. Sie hat einmal etwas aus meiner Sicht sehr Abwegiges gesagt: Sie schreibe bewusst keine größeren Gewaltszenen – sie wisse zwar, dass es so etwas gibt, glaube aber, dass das einen negativen Einfluss habe auf die Jugend. Erstens glaube ich nicht, dass Jugendliche Donna Leon lesen. Zweitens schwächt sie genau das, was ich an Krimis das Spannende finde: Sie blendet das reale Leben aus. Sie schreibt, was jemand lesen möchte, der an Italien denkt, was Nettes zum Zeitvertreib.

Wobei Gewalthaltigkeit ja kein Qualitätsmerkmal per se ist.

Nein. Ein Phänomen bei den sogenannten Schwedenkrimis war lange Zeit, dass Autoren sich im Brutalsein überboten. Man versuchte, ganz bewusst noch brutaler zu sein als alles, was es bisher gab. Das ist sicher ein Schockeffekt, der funktioniert – aber wenn Gewalt zum Selbstzweck wird, kann ich damit nichts anfangen. Anders die Krimis von David Peace, sie haben mich ziemlich verstört: die Art, wie er mit Gewalt und den abgründigen Seiten des Mensch-Seins umgeht – so trocken und ohne zu beschönigen.

Agatha Christie.

Finde ich sehr überschätzt. Sie hat schon ihre Momente, wenn sie, vor allem in den Poirot-Romanen, Zeitgeschichtliches mit einbringt – aber wie sie ihre Geschichten baut, dieses „Whodunnit“, dieses „wer war’s“: Das wirkt aus heutiger Sicht ziemlich angestaubt. Alle stehen im Kreis, der Detektiv raucht Pfeife, und in der Mitte erzählt der Mörder haarklein, wie er’s gemacht hat. Zumal am Ende bei der Aufklärung sehr viel Zufall ins Spiel kommt.

Wolfgang Schorlau.

Finde ich auch schwierig. Zunächst finde ich seinen Stil schon mal nicht besonders gut. Dazu hat man mittlerweile das Gefühl, das folgt auch einer Marketingstrategie: Schorlau schreibt über ein aktuelles Thema, das verkauft sich. Gebrauchsliteratur nach Schema F. Obendrein werden in den Büchern teilweise ziemlich fragwürdige Frauenbilder und Rassenklischees reproduziert.

Patricia Highsmith.

Finde ich sehr, sehr gut. Sie hat wirklich eine sehr subtile Art, Unbehagen zu erzeugen. Sie vermittelt auch für ihre Zeit sehr progressive Geschlechterrollenbilder. Als Person war sie durchaus streitbar . . .

Wohl ziemlich misanthropisch.

. . . und auch mit antisemitischen Tendenzen. Aber was sie geschrieben hat, ist heute noch herausragend.

Stieg Larsson.

Den finde ich wahnsinnig überschätzt. Warum die Bücher so enorm erfolgreich sind, gerade bei Frauen, verstehe ich tatsächlich überhaupt nicht. Im Grunde sind das alberne Männerphantasien: ein Held, bei dem selbst die lesbische Frau heterosexuell wird, weil sie ihn so wahnsinnig toll findet.

Stadtkrimi oder Landkrimi?

Ich hätte gerne mehr Landkrimis, die sich mit den Abgründen hinter der Fassade befassen. Der Nachholbedarf ist da größer – im Blick auf die Stadt wird das im Krimi eher gemacht: Urbane Fehlentwicklungen zu thematisieren, hat Tradition, wohl auch, weil alles viel anonymer ist und es leichter fällt, über solche Dinge zu reden. Auf dem Lande gibt es eine kollektive Tabuisierung von Dingen, über die man nicht spricht, weil jeder jeden kennt. Es gibt dieses Bedürfnis, die heile Welt aufrechtzuerhalten.

Whodunnit oder Serienmörder-Thriller?

Das sind beides vor allem erst einmal Schemata, die man nach dem Baukasten-Prinzip verwenden kann. Wenn man sie gut verwendet – und vor allem ein paar Regeln, die es gibt, bricht –, kann es reizvoll sein. Aber beides sind Schablonen, und beides finde ich nicht so interessant. Das Whodunnit-Prinzip ist der einfachste Weg, um Spannung zu erzeugen, da spricht nichts dagegen – aber mich interessiert eher „whydunnit“: Warum hat jemand das gemacht? Welche sozialen oder psychischen Umstände haben dazu geführt? Ein guter Krimi kann das darstellen.

Polizeiroman oder Privatdetektiv?

Ich finde den Polizeiroman spannender. Es gibt hunderttausend Bücher nach der Blaupause von Raymond Chandler: Der Privatdetektiv sitzt im Büro, raucht und trinkt Whiskey, der Ventilator ist an, eine schöne Frau kommt rein und alles geht zugrunde . . . Sehr wenige schaffen es, über dieses Klischee hinauszugehen und etwas Neues beizutragen, das man nicht schon hundertmal gelesen hat. Der Polizeiroman ist per se realistischer, er bezieht die Ebene der Verwaltung mit ein: Wie geht der Staat mit Verbrechen um? Was sind das für Leute, die im Auftrag des Staates handeln? Welche Werte, welche Hierarchien spielen dabei eine Rolle, welche politischen Einflüsse?

Einige Favoriten hast du schon genannt. Einen Schuss hast du noch frei: bitte zum Abschluss eine kleine Lobhudelei auf . . .

Joe R. Lansdale.

Von dem kenne ich „Dunkle Gewässer“.

Tolles Buch, eine Art Tom-Sawyer-Geschichte, ein Coming-of-Age-Krimi. Lansdale hat überhaupt keine Berührungsängste gegenüber dem Genre und seinen Regeln – aber er schafft es immer wieder, die ganzen Klischees zu umgehen, weil er so viel Fantasie hat. Der Mann ist wirklich eine Wundertüte, wahnsinnig ideenreich. Mal wagt er sich weit ins Horror-Genre, mal arbeitet er mit ungewöhnlichen Hauptfigurenkonstellationen: ein schwuler schwarzer Vietnam-Veteran und ein weißer Kriegsdienstverweigerer. Der klassischste Krimi von ihm ist „Die Kälte im Juli“, der früher unter dem deutschen Titel „Kalt brennt die Sonne über Texas“ erschien, . . .

Oh je, dämliche Übersetzungen amerikanischer Krimi-Titel, ein Kapitel für sich.

. . . und das Buch hat eine der spannendsten ersten Hälften, die ich je gelesen habe. Es gibt ja für Krimi-Vielleser nicht mehr viele Wendungen, die einen überraschen. Aber der hat es echt geschafft.


Was ist ein "Genre"? Was heißt "Whodunnit"? 

Das Wort Genre kommt aus dem Französischen, wird „Schore“ gesprochen und bedeutet Gattung. Populäre Literatur-Genres sind neben dem Krimi der Fantasy-Roman, Science-Fiction-Roman, Historischer Roman, Horror-Roman. Innerhalb eines Genres lassen sich meist Subgenres (Untergattungen) ausmachen; beim Krimi zum Beispiel Detektiv- oder Polizeiroman, Gerichts- oder Serienmörder-Thriller.

Genre-Romane (zum Beispiel der Krimi) arbeiten mit typischen und einem erfahrenen Lesepublikum gut vertrauten Regeln und Konventionen in Sachen Handlung (Suche nach einem Mörder) und Figurenzeichnung (der rauchende und saufende Privatdetektiv als einsamer Held). Werden die Regeln unreflektiert angewandt, neigt Genre-Literatur dazu, sich in Klischees zu wiederholen. Deshalb geht es bei guten Genre-Romanen auch darum, die Regeln kreativ zu variieren, zu erweitern, zu brechen oder überraschend umzustülpen.

Verdeutlichen lässt sich das am berühmtesten Genre-Merkmal des Krimis, dem Whodunnit-Prinzip (von „who has done it“, wer hat’s getan, wer war’s): Der Leser kennt den Täter nicht und folgt dem Aufklärer bei der Lösung des Rätsels. Die TV-Serie „Columbo“ stellte dieses Modell auf den Kopf: Am Anfang wird ganz offen gezeigt, wie der Mörder seine Tat verübt, danach verfolgen die Zuschauer, wie Columbo ihm auf die Schliche kommt. In vielen modernen Krimis spielt das Whodunnit-Prinzip nur noch eine untergeordnete oder gar keine Rolle – stattdessen geht es eher darum, das Wesen einer Gesellschaft von ihren verbrecherischen Rändern her zu ergründen, indem Gewalt, Korruption, politische Widersprüche und uneingestandene Lebenslügen beleuchtet werden.


Zur Person

Alexander Roth, 28, ist Volontär in der ZVW-Online-Redaktion und gelernter Buchhändler. Zu seinen Lieblingskrimiautoren gehören Klassiker wie Jim Thompson, James Ellroy, Charles Willeford aus den USA und Jean-Patrick Manchette aus Frankreich; neuere Meister wie der Nordire Adrian McKinty, der Amerikaner Joe R. Lansdale, der Australier Garry Disher, die Briten Derek Raymond und David Peace; und mehrere Deutsche – neben Friedrich Ani, Christine Lehmann, Monika Geier und Max Annas die Säulenheiligen Ulf Miehe und Jörg Fauser.

Nach einem Fauser-Roman hat Alexander Roth seinen äußerst lesenswerten Krimi-Blog benannt – www.derschneemann.net. In der Krimi-Ecke des Zeitungsverlages Waiblingen stellt er regelmäßig seinen „Krimi des Monats“ vor.

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