Ku-Klux-Klan im Rems-Murr-Kreis Mit 15 „Mein Kampf“, mit Anfang 20 im Knast

Ein Mitglied des Ku-Klux-Klan aus den USA, dem Ursprungsland der rassistischen Gruppierung. Auch im Rems-Murr-Kreis tauchten die Kapuzenmänner in den letzten zwanzig Jahren immer wieder auf. Foto: dpa/Jim Lo Scalzo/EPA

Nach einer Wohnungsdurchsuchung im Rems-Murr-Kreis, bei der Hinweise auf eine Gruppe namens „Nationalist Socialist Knights of the Ku-Klux-Klan“ gefunden wurden, begeben wir uns auf die Suche: Welche Spuren hat der Klan in den letzten zwanzig Jahren im Kreis hinterlassen? Teil Zwei unserer Serie erzählt von einem, der Mitglied werden wollte. Und seinen extremen Taten.

Weiße, wehende Gewänder und eine Kapuze mit zwei kleinen Löchern für die Augen. Gespenstisch wollen sie wirken, die Mitglieder des rassistischen Ku-Klux-Klan aus den USA, wenn sie Jagd auf ihre Opfer machen. Angst und Schrecken verbreiten.

Ob es funktioniert, davon könnten sicherlich auch die zwei Männer erzählen, die im November 2001 kurz nacheinander einer Gestalt mit Klan-Kapuze gegenüberstanden. Nicht in den Vereinigten Staaten, sondern mitten in Schorndorf.

Was geschah am 11. November 2001?

Die Ereignisse des 11. November 2001 lassen sich anhand unserer Berichterstattung zum anschließenden Prozess aus dem Jahr 2002 detailliert rekonstruieren:

Drei Erwachsene und zwei Jugendliche treffen sich in einer Gaststätte in einem Schorndorfer Ortsteil. Zwei von ihnen sind miteinander verheiratet – und streiten. Es geht um den Ex-Freund der Frau. Nachdem der Mann den Streit mit einem Schlag auf den Kopf seiner Frau beendet hat, beschließen die fünf in die Stadt zu fahren. Um dem Ex-Freund einen Besuch abzustatten.

Wenig später in einer stadtbekannten Punker-Unterkunft: Die Frau lockt ihren Ex-Freund aus seiner Wohnung ins Treppenhaus. Dort warten ihr Ehemann – und ein damals 25-Jähriger, der sein Gesicht unter einer Ku-Klux-Klan-Kapuze versteckt hat. Er sprüht Tränengas, trifft aber, vielleicht der eingeschränkten Sicht wegen, seinen Kollegen. Das Opfer entwischt.

Die ganze Gruppe zieht Richtung Hetzelgasse, wo ein 44-jähriger Grieche ihren Weg kreuzt, der es nur noch 20 Meter bis nach Hause hat. „Scheiß-Kanake“, ruft jemand. Dann wird der Mann von hinten niedergeprügelt. Personen aus der Gruppe treten auf ihn ein, während er am Boden liegt. Wer genau, das lässt sich hinterher nicht mehr sagen. Sie tragen dabei stahlkappenbesetzte Springerstiefel.

Das Opfer täuscht eine Herzattacke vor. Die Gruppe lässt von ihm ab.

Die Akte Joachim Z.

Die Kapuze, die an diesem Tag zum Einsatz kam, gehörte zur Klan-Montur von Joachim Z. (Name von der Redaktion geändert), einem der jugendlichen Gewalttäter. Er war damals nicht älter als 16. Seine Lebensgeschichte lässt sich anhand des Berichts des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses erzählen, der im Januar 2019 veröffentlicht wurde.

2017 hat man Joachim Z. im Ausschuss zu rechten Umtrieben im Rems-Murr-Kreis befragt. Die nun folgenden Absätze, Ereignisse und Zitate, beziehen sich auf seine damals getroffenen Aussagen und die während der Befragung vorgelegten Beweise. Sie zeigen, wie ein so junger Mensch in den Dunstkreis des Ku-Klux-Klan geraten konnte. Und zu welchen Taten die fähig sind, die mit einer derart rassistischen Gruppierung sympathisieren.

Nazis als Ersatzfamilie

Als Joachim Z. 13 Jahre alt ist, stirbt sein Stiefvater. Es ist ein herber Verlust für ihn. Er sucht Halt in seiner Umgebung – und findet ihn bei Rechtsextremen. Mit 15 Jahren liest er Hitlers „Mein Kampf“ von vorne bis hinten durch. Es wurde ihm von einem Freund empfohlen. Zur Weiterbildung.

Am 6. September 2000 erzählt Joachim Z. der Polizei in Weissach im Tal, dass sich einige Personen, darunter auch zwei bis drei aus dem Kreis, zu einer Klan-Gruppe zusammengeschlossen hätten. Wenig später werden in Schwäbisch Hall die „European White Knights of the Ku-Klux-Klan“ gegründet.

Was Joachim Z. damals verschwieg: Er selbst wollte Mitglied werden beim Klan. Alle seine Freunde waren dabei, er hatte die nötigen Kontakte. Dass nach seiner eigenen Aussage nichts daraus wurde, soll daran gelegen haben, dass er zu jung war. Eine Klanmontur kaufte er sich trotzdem. Angeblich, um sie im Schrank hängen zu lassen.

Todesdrohungen und Molotow-Cocktails

2001 dann die Fälle von gefährlicher Körperverletzung in Schorndorf. Joachim Z. kommt mit zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung davon. Die kriminelle Karriere des Rechtsextremen ist damit noch lange nicht vorbei.

Im Januar 2003 befestigen Rechtsradikale an einer Backnanger B14-Brücke eine riesige Hakenkreuzfahne. Mit rotem Filzstift haben sie Drohungen gegen Polizeibeamten draufgeschmiert. „Bullen haben Namen und Adressen.“ Als Beamte daraufhin die Wohnung von Joachim Z. durchsuchen, finden sie neben ähnlichen Fahnen auch eine Anleitung zum Bau einer Rohrbombe.  

Im Oktober desselben Jahres fliegen Molotow-Cocktails auf das Heim eines türkischen Kultur- und Jugendvereins in Murrhardt. Menschen hätten sterben können. Joachim Z., der dafür zu vier Jahren Haft verurteilt wird, sagt dazu im Ausschuss: „Das hat man wahrscheinlich billigend in Kauf genommen.“ 

Gewalttätig, bewaffnet, drogensüchtig

Immer wieder sitzt Joachim Z. im Gefängnis. Stammheim, Schwäbisch Hall, Ravensburg, Ulm. Beim ersten Mal habe er gedacht: „Die sperren mich ein, also muss ich recht haben.“ Wärter versorgen ihn angeblich erst in der JVA Ravensburg und später in Schwäbisch Hall mit rechtsextremer Musik. Glaubt man Joachim Z., dann weil sie gut finden, was er getan hat. Er selbst hält sich für eine Art politischen Gefangenen.

Bei seinem zweiten Gefängnisaufenthalt sei er geläutert worden, sagt er. Aber stimmt das? Im NSU-Untersuchungsausschuss wird er gefragt: „Jetzt waren Sie ja noch 2015 zumindest auf Facebook aktiv – Panzerdivision, Landwehr Echo, Identitäre Bewegung. Ist das Teil der Läuterung, oder wie kann man das verstehen?“ Er sei wieder rückfällig geworden, antwortet er. Woran man jetzt merke, dass er sich von der Szene losgesagt habe, könne er auch nicht sagen.

Joachim Z. war über die Jahre hinweg vieles. Gewalttätig, bewaffnet, drogensüchtig. Er hatte eine Menge Kontakte zum Ku-Klux-Klan. Er wollte unbedingt Mitglied werden. Er hatte eine Kutte im Schrank.

Kurioses Gnadengesuch

2015 schickt Joachim Z. aus dem Gefängnis ein Gnadengesuch an den Justizminister. Mit dem Hinweis, dass er etwas über die Waffe wisse, mit der die Polizistin Michele Kieswetter 2007 in Heilbronn erschossen wurde. Eines der größten Mysterien der gesamten NSU-Untersuchungen. Darauf angesprochen, sagt er im Untersuchungsausschuss: Da habe man ihn wohl missverstanden.

2017 ist Joachim Z. wieder auf freiem Fuß. Hier enden seine Spuren in den NSU-Akten. Nicht so die Spuren des Ku-Klux-Klan.


Der Ku-Klux-Klan im zweiten NSU-Untersuchungsausschuss

Im zweiten Untersuchungsausschuss zum Nationalsozialistischen Untergrund ging man im Stuttgarter Landtag vom Sommer 2016 bis Ende 2018 den Fragen nach, die der erste Ausschuss nicht hatte klären könne. Im Fokus standen dabei mögliche Verbindungen des Rechtsterroristen-Trios Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu Menschen und Organisationen des rechtsextremen Spektrums in Baden-Württemberg. 

Dass dabei auch der Ku-Klux-Klan eine Rolle spielte, hat unter anderem damit zu tun, dass wichtige V-Leute, aber auch Polizisten, die in den Ermittlungen eine Rolle spielten, dort zumindest zeitweise Mitglied waren. Eine Verbindung des Klans zu den Morden des NSU konnte aber nicht nachgewiesen werden. 

Alle Teile der Serie "Ku-Klux-Klan im Rems-Murr-Kreis"

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