Kunst als Heilmittel Therapien in der Winnender Kinderklinik

Auf dem Papier entsteht eine Welt: Kunsttherapie für junge Patientinnen und Patienten der Psychosomatik in der Kinderklinik. Foto: Palmizi / ZVW

Winnenden. Früher Vormittag am Mittwoch: Auf dem Tisch stehen Pinsel und Farben. Karten mit Tieren und Landschaften liegen rum. Zeit zu malen. Doch nicht in der Schule, sondern in der Kinderklinik im Klinikum Winnenden. Die drei Mädchen und der Junge haben eine Stunde Kunsttherapie.

Kein Gequassel, kein Gekicher, Geraschel, Gekruschtel. In diesem kleinen Raum hat die Konzentration ein Zuhause gefunden. Alle vier jungen Patientinnen und Patienten sind in sie eingehüllt wie in einen Schutzschirm. Zu hören ist nur leises Schaben von Bleistift auf Papier. Drei Mädchen und ein Junge lassen ihre Fantasiewelt entstehen.

Beim Bub mit dem schwarzen Haar wuchern Baumkronen. Sie nehmen das große Blatt ein, dicht, mächtig, in wilden Schlingen. Und gleichzeitig liegt da ein Lineal bei ihm. Ein Maßstab steht auf dem Blatt. Ein säuberlich konstruiertes riesiges Treppenhaus würde einem Architekten alle Ehre machen. Das Treppenhaus gehört zu einem Edeka. Der steht als Baumhaus in der Baumkrone. Alle anderen Bäume tragen auch Baumhäuser. Kleine und ein einziges ganz großes. In dem wohnt er selbst. Sehen kann man ihn da drin allerdings nicht. Noch nicht. Vielleicht zeichnet er sich ja noch rein, vielleicht hinter eines der großen Fenster.

Die Kinder haben eine kranke Seele. Darunter leidet auch der Körper

Alle vier, die hier zusammen mit Kunsttherapeutin Nadja Schmidt schaffen, leben viele Tage, Wochen im zweiten Stock des Klinikums. Sie haben eine kranke Seele und darunter leidet auch ihr Körper. Die jungen Patientinnen und Patienten, die über oftmals 80, manchmal sogar 100 und mehr Tage eines der sechs Betten der Psychosomatik belegen, sind magersüchtig oder haben eine Depression, verweigern die Schule, leiden unter Bauchschmerzen oder Kopfweh, für das organisch keine Ursache zu finden ist.

Hier werden sie erst mal körperlich fit gemacht, lernen, wieder richtig zu essen, die Schmerzen, die Angst, die Wut zum Beispiel mit Atemtechniken zu beherrschen. Sie lernen, Druck auszuhalten oder bestenfalls gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Denn diese Kinder und Jugendlichen erleben einen unvorstellbaren Druck. Und zwar, sagt Jürgen Lutz, der für die Theatertherapie zuständig ist, schon in der Grundschule.

Lutz weiß wirklich, wovon er redet. Er ist hauptberuflich Schulsozialarbeiter in Hohenacker, Bittenfeld und Hegnach. Sein Klinik-Spiel mit ernstem Hintergrund ist noch ganz neu im Krankenhaus. Doch wie erleichternd für viele: Hier können sie Kopf und Kontrolle ausschalten. Schlüpfen in eine andere Rolle, erleben, wie man agieren könnte, wenn man das so wollte. Märchenfiguren eignen sich gut.

Die Frage kann lauten: Welche Rolle möchtest du spielen? Magst du Schneewittchen sein? Und das, was Schneewittchen dann im Spiel macht, kann ein Kind vielleicht wieder mit in sein eigenes Leben nehmen. Und natürlich auch die Begeisterung der anderen, den Applaus, das Gemeinschaftsgefühl, die Sicherheit, dass ja doch mal was klappt im Leben.

Wenn Tränen kullern, ist das gut für die Therapie

In der Kunsttherapie kullern plötzlich Tränen. Ganz leise schluchzt das Mädchen mit dem blonden Zopf. Gerade eben hat sie noch an ihrer Burg gezeichnet, die sie ganz rechts oben im Eck des großen Blattes bis ins Detail ausarbeitet. Türme, Mauern, Gras und Weg – ganz fein, ganz klein. Und jetzt? „Magst du rausgehen?“, fragt Nadja Schmidt. Das Mädchen nickt.

Kleine Zusammenbrüche wie dieser seien, sagt Nadja Schmidt, in der Therapie sehr wertvoll. Genauso wie der Blick aufs Bild und seine Entstehung. Wie werden Gefühle im Bild ausgedrückt? Malen die Kinder und Jugendlichen spontan? Oder durchdenken sie alles? Reduzieren sie? Fitzeln sie sich durch kleinste Details? Lebt im Bild jemand?

Als das Mädchen wieder zurückkommt, schimmert in den Mundwinkeln verstohlen ein Lächeln. Leise setzt es sich wieder vor sein Blatt, nimmt den Bleistift und zeichnet links unten im Eck ein Wohnhaus mit vielen runden Dachziegeln. Der Kopf liegt tief auf die Hand gestützt, die aus der Frisur gefallenen Haare breiten sich aus wie ein Schleier.


Die Psychosomatik: Leben auf Station

  • Die Psychosomatik der Kinderklinik Winnenden kann sechs junge Patienten aufnehmen.
  • Die Mädchen und Jungen sind oft mehrere Monate dort. Wenn die Therapie gut läuft und die Umstände es erlauben, können sie übers Wochenende nach Hause.
  • Der Tag auf Station ist streng geregelt. In der Klinikschule wird, in Zusammenarbeit mit der Heimatschule, der Stoff der Hauptfächer erarbeitet. Manche Kinder können nach einer Weile von der Klinik aus wieder ihre Heimatschule besuchen.
  • Zum Unterricht kommen Therapieangebote. Neben der Kunst- und der Theatertherapie gibt es Musiktherapie, Sport und Gespräche mit Psychotherapeuten. Diese Angebote gibt es als Gruppenangebote und auch als Einzelstunden. Jeder muss sie wahrnehmen.
  • Die Ernährungsberatung spielt eine wichtige Rolle für Patienten mit Magersucht oder Bulimie. Viele der jungen Menschen kommen mit einer solchen Unterernährung in der Klinik an, dass schwerwiegendste körperliche Schäden drohen. Es können Herz-Rhythmus-Störungen auftreten, die Nieren sind in Gefahr.
  • Deshalb sind im Tagesablauf auch immer wieder – neben den Hauptmahlzeiten – Zwischenmahlzeiten eingeplant. Das Essen findet gemeinsam mit medizinischem Personal statt.
  • Es gibt auch eine Handy- oder Tablet-Zeit. Die allerdings ist streng begrenzt.
  • Neben der Behandlung der Jugendlichen ist die Familie eingebunden. Gespräche beleuchten die Familiensituation.
  • Junge Patientinnen und Patienten werden vom Hausarzt an die Kinderklinik überwiesen. Nach Untersuchungen, die den körperlichen Befund abklären, und einem Vorgespräch kann bei Bedarf die Aufnahme ins Krankenhaus geplant werden.
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