Kunst in der Zeitung Warum Sie die Samstags-Ausgabe kaufen sollten

Star-Grafiker Walter Schönauer macht die kommende Samstags-Ausgaben (21.10.) der Zeitung einzigartig. Foto: Benjamin Büttner / ZVW

Waiblingen. Die Zeitungsausgabe am Samstag wird irritieren, und so soll es sein. Am Samstag verwandelt sich unser Alltagsgeschäft in Kunst: Walter Schönauer, Schöpfer von Album-Covern für Herbert Grönemeyer und Nena, Art-Director von Zeitschriften wie „Tempo“ und „Rolling Stone“, wird der Zeitung seinen Stempel aufprägen. Ein Exemplar für die Ewigkeit.

Auf das Erwartbare ist man als Leser eingestellt, auf die übliche Neuigkeitendosis in vertrauter Aufmachung – und nun taumelt man von Verblüffung zu Verblüffung: Auf jeder Seite, stellt man beim Blättern fest, prangt plötzlich ein rotes Schlagwort. Manche leuchten unmittelbar ein, andere wirken zunächst unpassend. Die ganze Zeitung ist rot gebrandmarkt, da hat jemand was hineingeschmuggelt, das da nicht hingehört, da hat sich einer über die Zeitung hergemacht!

Tatsächlich, so ist es. Die Druckvorlagen der Seiten für Samstag sind bereits am Freitagabend einem Künstler in die Hände gefallen. Walter Schönauer hat sich in den Produktionsprozess eingemischt, den Redakteurinnen und Redakteuren dazwischengefunkt, die Zeitung mit seinen Ein-Wort-Kommentaren bepflastert. So schlägt er Deutungsmuster vor.

Der Leser sieht rot

All das aber, merkt man beim Blättern, ist nicht das einzig Fremde an diesem schrägen Samstagmorgen: Da ist ja eine abstrakte Grafik drin in dieser Ausgabe, zwei ganze Seiten groß! Was ist das?

Walter Schönauer hat alle Einzelseiten der Zeitung am Computer digital übereinandergelegt. Ein Wust, nichts ist mehr lesbar? Einerseits. Andererseits: Ein komplexes Muster entsteht. Aus Buchstaben wird ästhetisches Spielmaterial, Information verwandelt sich in Kunst.

Und noch eine dritte Dimension hat diese Zeitung vom Samstag: Zu den von Schönauer ausgewählten Begriffen hat sich die Redaktion ihrerseits assoziativ frei fliegende Gedanken erlaubt, naheliegende Erklärungen dazu ersonnen oder abseitige Anmerkungen.

Artikel haben Schönauer zu Schlagworten inspiriert, Schlagworte haben die Redaktion zum Weiterdenken ermuntert. Was herauskommt bei diesem Funkenflug, können verschmort müffelnde Kurzschlüsse sein; oder leuchtende Gedankenblitze. All diese Kurztexte finden sich auf zwei weiteren Seiten.

Ein Exemplar für die Ewigkeit

Das Wesen des Journalisten-Tuns ist schnelles Welken: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, heißt es. Was der Leser am Samstag  in Händen halten wird, ist anders: eine Zeitung für immer. Anstatt sie zum Altpapier zu geben, wird man das Exemplar, so hoffen wir, aufbewahren. Und die Grafiken werden vielleicht herausgenommen und gerahmt an die Wand gehängt.


Hintegrund der Aktion: Walter Schönauers Zusammenwirken mit Zeitungsverlag und Druckhaus Waiblingen ist Teil des Produktionskunst-Festivals „Drehmoment“ der Region Stuttgart. Was passiert, wenn Kunst (zu deren Wesen Improvisation und bisweilen Anarchie gehören) und Produktion (die von straffen Strukturen und eingespielter Ordnung lebt) aufeinanderprallen? Dieser Frage spüren bei „Drehmoment“ 34 nationale und internationale Künstler nach: Sie entwickeln in Betrieben mit Hilfe der verfügbaren Maschinen und Belegschaften Kunstwerke, loten die Grenzen technischer Infrastruktur aus, brechen Routinen auf und eröffnen neue Sichtweisen auf vertraute Produkte – wie zum Beispiel die Zeitung.


Walter Schönauer:

Da haben wir uns ja eine leise Legende ins Haus geholt: Ohne Wind darum zu machen, hat Walter Schönauer das Cover für Grönemeyers „Mensch“ entworfen, Deutschlands meistverkauftes Album aller Zeiten; als Art-Director des Magazins „Tempo“ in den koksschwangeren 80ern Zeitschriftengeschichte geschrieben; und mit Uschi Obermaier war er auch mal zusammen.

Er ist berühmt, wenn man mal davon absieht, dass ihn keiner kennt. In den Job als Zeitschriftengestalter wurde er „reingeschubst“: Während des Studiums machte er ein Praktikum beim österreichischen Magazin „Wiener“. Den Leuten dort gefielen seine Layouts, also warfen sie den Art-Director raus und setzten dem Anfänger den Hut auf. Ein Jahr später wurde er von der „Tempo“-Konkurrenz abgeworben – und war angekommen in den irren Mitt-80er-Jahren. Die großen Verlage verbrannten das Geld mit Nonchalance, Internet gab es nicht, eine Zeitschrift wie Tempo hatte noch das Monopol auf den neuesten heißen Scheiß, den „Zeitgeist“.

Sie werkelten bis in die Nacht in einer Villa in Hamburg, direkt an der Alster, danach zogen sie bis morgens um die Häuser. Schönauer verdiente gutes Geld, bevor er gelernt hatte, „damit umzugehen“, und wurde „n bisserl größenwahnsinnig“. Ging es bei „Tempo“ wirklich so kreativ chaotisch zu, wie wir uns das vorstellen? „Ja.“ Das Heft lag selten pünktlich zum Monatsanfang am Kiosk – und als mal eine Ausgabe überhaupt nicht erschien, feuerte die Verlagsleitung den Chefredakteur. Schönauer beschloss, weiterzuziehen, nach Amerika.

„Dann lernte ich Walter Schönauer kennen“, schreibt 68er-Ikone Uschi Obermaier in ihren Erinnerungen. Der sei damals mit dem It-Girl Jutta Winckelmann zusammengewesen, Zwillingsschwester von Gisela Getty. Schönauer und Obermaier zogen zusammen, in Topanga/Kalifornien. Dort gestaltete er die Zeitschrift „L.A. Style“ und wanderte „ansonsten den ganzen Tag durch die Berge“. 

Zurück in Deutschland entwickelte er die deutsche Ausgabe des Glamour-Magazins „Vanity Fair“ mit. Anderthalb Jahre strickten sie am Konzept für das, was ein Monatsheft werden sollte – kurz vor Erscheinen der ersten Ausgabe beschloss der Verlag: Das machen wir wöchentlich. Es ging nicht gut.

Seit acht, neun Jahren ist Schönauer im Brotberuf Grafiker bei der Musikzeitschrift „Rolling Stone“. Daneben macht er, was der Österreicher „Gusto-Stückerln“ nennt: einen Bildband mit Astrid Proll über die erste Generation der RAF, der heute in Museen liegt, weil er so vibrierend die visuelle Erinnerung an den deutschen Terrorismus einfängt; oder Buch-Cover für Popliterat Benjamin von Struckrad-Barre und den Tempo-Gefährten Maxim Biller, der neulich beinahe den Deutschen Buchpreis gewonnen hätte für seinen aktuellen Roman.

Und Grönemeyer. Seit 1998 kennen sich die beiden. Schönauer hat als Grafiker für viele Musiker gearbeitet, von Nena bis Udo Lindenberg – aber „mit Herbert ist eine Freundschaft entstanden“. Schönauer entwarf die Cover für Grönemeyers Alben, auch für „Mensch“, das 95 Wochen lang an der Spitze der deutschen Charts stand.

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